In dem gelben Backsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert sprühten einst die Funken einer Berliner Blechschweißerei. Heute sitzt hier eine blonde Frau an einem langen Besprechungstisch, die den Kapitalismus mit kapitalistischen Mitteln reparieren will. Mette Lykke hat eine Mission: „Ich träume von einem Planeten, auf dem keine Lebensmittel mehr im Abfall landen“, sagt sie und klingt dabei nicht marktschreierisch, sondern nachdenklich.
Die 45 Jahre alte Dänin, die bereits das zweite Millionen-Unternehmen aufgebaut hat, trägt bei dem Treffen im deutschen Firmensitz des dänischen Unternehmens Too Good To Go Jeans und Jeanshemd unter einer dunkelblauen Wollweste. Die blonden, langen Haare sind unkompliziert zum Zopf gebunden. Fragen beantwortet Lykke freundlich, aber zurückhaltend. Sie beschreibt sich selbst als introvertierten Menschen. Führung und Auftritte vor Publikum habe sie erst lernen müssen.
Seit zehn Jahren führt Lykke Too Good To Go, das mit einem simplen Geschäftsmodell ein weltweites Problem lösen will. Über eine App können Verbraucher überschüssige Lebensmittel von Restaurants, Bäckereien und Supermärkten zu reduzierten Preisen kaufen. Too Good To Go bekommt pro Einkauf eine Gebühr. So verdient das Unternehmen Geld an einer Verschwendung, die es eigentlich nicht geben sollte.
40 Prozent aller auf der Welt produzierten Lebensmittel landen nach Angaben des WWF im Müll. Das verursacht demnach rund zehn Prozent aller menschengemachten Treibhausgase. Allein in Deutschland werden laut Umweltbundesamt jährlich fast elf Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet. 372 Euro pro Person und Jahr verschwinden im Müll.
Während die Politik auf Freiwilligkeit setzt und die Bundesregierung das Thema nur mit vagen Absichtserklärungen streift, baut Lykke ein Millionengeschäft auf. Ihre App hat 120 Millionen Nutzer in 21 Ländern. 180.000 Geschäfte weltweit sind als Partnerbetriebe registriert. 350.000 Mahlzeiten pro Tag werden nach Firmenangaben gerettet. Neben der Gebühr pro verkaufter Überraschungstüte kassiert Too Good To Go eine jährliche Verwaltungsgebühr von den Partnerbetrieben und schrieb damit 2024 erstmals schwarze Zahlen.
Frei nach dem Firmenmotto „Das kann man doch noch gebrauchen“, ist auch die Deutschland-Zentrale eingerichtet. Das olivgrüne Vintage-Sofa im Eingang könnte im Wohnzimmer einer alten Dame gestanden haben. Die Tulpen in der Glasvase am Empfangstresen sind fast verblüht. Ein alter Holztisch in der Küche verbreitet WG-Atmosphäre.
Lykkes Geschichte klingt wie ein Lehrstück zu Unternehmertum und Emanzipation. Mit zwölf putzte sie Toiletten im Baumarkt ihrer Familie in Dänemark, für umgerechnet drei Euro die Stunde. „Meine Eltern wollten keine faulen Kinder“, sagt sie. „Es ging immer um Einsatz, darum, sich nützlich zu machen, nicht um Geld.“ Ihr Zwillingsbruder war der Auserwählte für die Nachfolge in der Baumarkt-Kette. Sie habe dadurch als Jugendliche mehr Freiheiten gehabt, sagt Lykke. „Aber ich wollte wohl unbewusst zeigen, dass auch ein Mädchen es schaffen kann.“
Das ist ihr gleich mehrmals gelungen. Lykke startete als Beraterin bei McKinsey, 70- bis 80-Stunden-Wochen inklusive. Mit 26 gründete sie ihr erstes Unternehmen: die Fitness-App Endomondo, und das genau in der Zeit der damals aufkommenden Smartphones.
Ihr Unternehmen ist weiter auf Expansionskurs
Ihre beiden Mitgründer und die Investoren sahen Lykke in der Rolle der CEO. Das Problem: „Ich empfand mich selbst nicht als CEO-tauglich“, erinnert sie sich. Sie nahm sich einen Coach, übte als Chefin, sie selbst zu sein. Und lernte: „Ich brauche keine neue Persönlichkeit überzustreifen, keinen Arbeitsanzug anzuziehen, sondern kann ein introvertierter Mensch und eine gute Führungskraft sein.“
2015 verkaufte Lykke das Unternehmen an den US-Konzern Under Armour für umgerechnet rund 72 Millionen Euro. Sie hätte sich nun zurücklehnen können. Doch dann saß sie im Bus in Kopenhagen neben einer Frau, die ihr die Too-Good-To-Go-App zeigte. Lykke stieg wenige Wochen später als Investorin ein. Dann wurde ein CEO gesucht. Lykke schlug ein.
1350 Beschäftigte hat sie inzwischen. Ihr Unternehmen ist weiter auf Expansionskurs. Neu ist ein Paket-Service, mit dem überschüssige Produktion direkt in Lebensmittelfabriken verpackt und an Kunden verschickt wird. Außer in Europa und Nordamerika gibt es Too-Good-To-Go-Angebote nun auch von regionalen Ablegern in Australien, Neuseeland und Japan.
In Europa kaufen Lykke zufolge viele ökologisch bewusste Großstädter die Überraschungstüten. In den USA kommen mehr Kunden aus wirtschaftlicher Not. Nach Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums leben fast 50 Millionen Amerikaner in Haushalten, denen es schwerfällt, täglich drei Mahlzeiten auf den Tisch zu bekommen. Paradoxerweise produzieren die USA gleichzeitig mehr Überschuss. „Alles ist größer in den USA – Portionen, Produktionsmengen“, sagt Lykke. „Ein Service wie unserer ist da sehr hilfreich.“
Unverhoffte Werbung für Too Good To Go in Deutschland
Als die Regierung Trump die Ausgabe von Essensmarken für Arme im Haushaltsstreit des vergangenen Herbstes kurzzeitig aussetzte, sei die Zahl der Nutzer in den USA sprunghaft angestiegen. Unverhoffte Werbung für Too Good To Go in Deutschland machte damals die US-Army. Auf ihrer Website empfahl sie in Bayern stationierten Soldaten, doch die App zu nutzen, um an günstige Lebensmittel zu kommen. Oder zu den Tafeln zu gehen.
Too Good To Go oder Tafel – manche Produzenten und Einzelhändler müssen sich entscheiden, wem sie ihre überschüssigen Lebensmittel geben. Kritiker werfen dem gewinnorientierten Unternehmen daher vor, gemeinnützigen Organisationen wie den Tafeln Konkurrenz zu machen. Lykke lässt das nicht gelten. Die Tafeln dürften aus Gründen der Lebensmittelsicherheit keine warmen Mahlzeiten annehmen. Auch lohne sich für sie die Abholung von kleinen Mengen nicht immer.
„Deswegen glaube ich, dass wir uns gut ergänzen.“ Auf Nachfrage nutzt auch eine Sprecherin der Tafel Deutschland diese freundliche Formulierung, ergänzt aber: „Wenn Lebensmittel aus Supermärkten aufgrund von optischen Abweichungen oder nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum aussortiert und vergünstigt verkauft werden, wären diese Lebensmittel auch für Tafeln von Bedeutung.“
Auch weitere Kritik an ihrer Arbeit will Lykke entkräften. Zum Beispiel diesen Einwand: Warum sollten Unternehmen ihre Produktion optimieren, wenn sie Überschüsse über die App gewinnbringend verkaufen können? Bei Preisabschlägen von bis zu 70 Prozent lohne sich das nicht wirklich, so Lykke. Und selbst mit neuer Technologie wie KI sei der Absatz von Restaurants oder Bäckereien kaum planbar. „Man kann nie exakt vorhersagen, was an einem regnerischen Mittwoch verkauft wird.“
Konkurrenzunternehmen gibt es in vielen Ländern. Mal sind es einzelne Supermarktketten, die Reste-Tüten anbieten, mal Apps wie ResqClub oder Karma. Keiner aber kommt nur annähernd an die Größe von Too Good To Go heran. Für Lykke ist klar: „Unser Hauptkonkurrent ist die Mülltonne.“
Sie ist mit ihrem Unternehmen längst über das Familienunternehmen hinausgewachsen, das ihr Zwillingsbruder führt. „Mein Business ist größer, nach Mitarbeitern und nach Umsatz“, sagt sie mit einem Anflug von Genugtuung. Ihre Großmutter war einst die zweite Angestellte in den Baumärkten. Heute ist sie 102 Jahre alt und erlebt noch mit, wie ihre Enkelin alle überholt.
Dieser Artikel entstand für das Wirtschaftskompetenzcentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“.
Inga Michler ist Wirtschaftsreporterin bei WELT und moderiert Wirtschaftskongresse. Die promovierte Volkswirtin berichtet über ökonomische Transformation, künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Familienunternehmen und Leadership.
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