Auf der Bühne des Palais de l’Europe in Menton steht Jordan Bardella und fordert einen französischen Abschied aus Europa. „Die europäischen Regeln des Energiemarkts müssen ausgesetzt werden“, ruft der Parteichef des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) in den voll besetzten Saal der südfranzösischen Stadt am Mittelmeer. „Der Anstieg der Gaspreise darf sich nicht auf den gesamten Energiepreis übertragen.“

Der Rassemblement National ist in den Umfragen die stärkste Partei in Frankreich. Bei den Kommunalwahlen, die am Sonntag in die zweite und vielerorts entscheidende Runde gehen, gelingt ihr aktuell der Durchbruch in zahlreichen Städten und Gemeinden. Der Urnengang gilt als letzter Stimmungstest vor der Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr. Dort könnten der 30-jährige Bardella oder seine Ziehmutter Marine Le Pen, falls diese antreten darf, die Nachfolge von Emmanuel Macron antreten.

Unter den beiden Galionsfiguren hat sich der RN im vergangenen Jahrzehnt gemäßigt – und sich von der deutschen Schwesterpartei AfD demonstrativ abgewendet, etwa wegen der Remigrations-Debatte und wegen der Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen. Die Forderungen nach EU-Austritt und Euro-Exit sind aus dem Wahlprogramm verschwunden. Aber „Frankreich first“ bleibt Kernbotschaft der Partei – und einen „Frexit“ strebt sie weiter an: den Ausstieg aus dem gemeinsamen europäischen Energiemarkt.

Die Partei zielt damit vor allem auf Deutschland. Das Narrativ: Die Bundesrepublik ist nach dem Atomausstieg zum Netto-Importeur geworden und kauft nun hauptsächlich billigen französischen Nuklearstrom, was in Frankreich für relative Knappheiten und höhere Verbraucherpreise sorgt. Ein Narrativ, das vom zweiten Gewinner der Kommunalwahlen, dem linksnationalistischen Pendant La France Insoumise (LFI), geteilt wird.

Das Ziel des „Elektrizitäts-Frexit“ ist es, den grenzüberschreitenden Stromhandel zum Vorteil Frankreichs einzuschränken – wobei die Details noch unklar sind. Die Logik dahinter ist simpel: Frankreich hat große Überkapazitäten. Die 57 Kernkraftwerke des Landes dienen zum Beispiel auch zur Versorgung Italiens, das seit seinem Atomausstieg im Jahre 1987 praktisch durchgehend mit einem Stromdefizit kämpft. Exportiert Frankreich weniger Kilowattstunden, sorgt das entstehende Überangebot im eigenen Land für rasch fallende Strompreise – Frankreichs Verbraucher und Industriebetriebe würden weniger zahlen.

Netto-Importeur für Strom

Deutschland würde jedoch zu den Leidtragenden gehören: Denn durch den Atomausstieg 2023 wurde die Bundesrepublik Netto-Importeur von Elektrizität – und ein großer Teil der Importe besteht seither aus französischem Atomstrom. Im vergangenen Jahr kauften deutsche Versorger mehr als 60.000 Gigawattstunden Elektrizität im Ausland ein: Atomstrom hatte daran mit mehr als 14.000 Gigawattstunden den größten Anteil.

Und Frankreich steht mit rund 9500 Gigawattstunden für den größten Teil der nuklearen Energie, die nach Deutschland geht. Allein im Februar 2026 bezog die Bundesrepublik aus französischen Kernkraftwerken knapp 590 Gigawattstunden – eine Menge, die ausreicht, den Strombedarf einer Großstadt wie Stuttgart zu decken.

Die Bundesregierung sieht einen möglichen Stopp französischer Stromexporte gleichwohl gelassen. Im vergangenen Jahr hätten die Lieferungen Frankreichs netto rund zwei Prozent des gesamtdeutschen Stromverbrauchs gedeckt, teilte ein Sprecher von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) mit. „Unter der hypothetischen Annahme, dass diese Mengen nicht mehr zur Verfügung stehen, würde Deutschland seinen Strombedarf aus anderen Quellen decken – entweder durch mehr heimische Erzeugung oder durch Importe aus anderen Nachbarländern.“

Welche Zusatzkosten damit verbunden wären, bleibt allerdings offen. Wenn französischer Atomstrom so häufig die billigste verfügbare Energie auf dem EU-Markt ist, wäre eine Ersatzbeschaffung zwangsläufig teurer.

Allerdings importiert Deutschland Atomstrom nicht nur, weil er am Markt zeitweise recht billig zu haben ist: Nuklear-Energie aus dem Ausland wird auch gebraucht, um das deutsche Stromnetz stabil zu halten. Um die Schwankungen von Wind- und Solarstrom auszugleichen und Überlastungen von Stromtrassen zu vermeiden, müssen die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber ohnehin regelmäßig in den Betrieb konventioneller Kraftwerke eingreifen. Für diese „Redispatch“ genannte Intervention werden Kraftwerksbetreiber entschädigt – was deutsche Verbraucher im vergangenen Jahr mit rund 2,7 Milliarden Euro bezahlten.

Dass man dafür zumindest zu einem kleinen Teil Betreiber ausländischer Atomkraftwerke bezahlt, ist in Deutschland selbst in Fachkreisen weitgehend unbekannt. Die Bundesnetzagentur in Bonn bestätigte auf Nachfrage, dass Atomstrom aus dem Ausland im sogenannten „Crossborder-Redispatch“ zur Aufrechterhaltung der Netzstabilität genutzt wird.

Zuletzt nahm dessen Bedeutung sogar noch zu: „Auf Grundlage der von den Netzbetreibern an die Bundesnetzagentur übermittelten Daten belief sich das Volumen der Redispatch-Maßnahmen mit ausländischen Kernkraftwerken im Zeitraum von Januar bis September 2025 auf rund 77 Gigawattstunden“, bestätigte ein Sprecher der Bundesnetzagentur auf Nachfrage: „Im entsprechenden Vorjahreszeitraum lag das Volumen bei etwa 69 Gigawattstunden, was einem Anstieg von rund 11,6 Prozent entspricht.“

Französische Kernkraftwerke liefern drei Jahre nach dem deutschen Atomausstieg also nicht nur billigen Strom nach Deutschland, sie helfen auch, das Netz gegen die Produktionsschwankungen der Wind- und Solaranlagen stabil zu halten. Ob und in welchem Umfang die deutschen Netzbetreiber auf diesen Beitrag verzichten könnten, ist unklar.

Doch die Bundesregierung glaubt ohnehin nicht, dass eine neue Regierung in Paris, gleich welcher Couleur, das Land vom EU-Markt abkoppeln würde. Denn das hieße, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Es kommt schließlich immer wieder vor, dass auch Frankreich importieren muss. Als im Jahr 2022 zahlreiche Kernkraftwerke technische Ausfälle hatten oder für Revisionen außer Betrieb gingen, lieferte Deutschland netto 15.300 Gigawattstunden an den notleidenden Nachbarn. Insbesondere Südfrankreich ist im Winter fast regelmäßig auf Importe angewiesen, denn dort wird vor allem mit Strom geheizt. „Das zeigt: Handel stellt alle Beteiligten besser und kann individuelle Risiken abfedern“, erklärt der Sprecher von Wirtschaftsministerin Reiche.

Offshore-Windkraftanlagen vor der Insel Rügen: Schwankungen werden bislang unter anderem durch Atomstrom aus Frankreich ausgeglichen

„Deutschland geht nicht davon aus, dass Frankreich auf diese Flexibilitätsoption ohne Not verzichten will, da es die französische Stromversorgung teurer und unsicherer machen würde.“ Versorgungssicherheit könne „am kostengünstigsten im Europäischen Verbund garantiert werden“. Ohnedies würde ein Ausscheiden Frankreichs aus dem Strombinnenmarkt gegen EU-Verträge verstoßen.

Grundsätzlich ist die Einschätzung des Wirtschaftsministeriums plausibel. Allerdings unterschlägt sie, dass es auf dem Binnenmarkt bereits Absetzbewegungen anderer Länder gibt. Die von der Bundesregierung betonten Segnungen des freien Stromhandels werden nicht nur von nationalistischen Politikern wie in Frankreich infrage gestellt. Die Mitte-rechts-Regierung in Stockholm etwa hatte das Projekt einer 300 Kilometer langen Stromtrasse namens „Hansa Power Bridge“ zwischen Schweden und Deutschland 2024 abgesagt.

Begründung: Die Verbindung könnte zu höheren Strompreisen in Südschweden führen und werde den Strommarkt in Skandinavien tendenziell instabiler machen. Schwedens Energieministerin Ebba Busch, eine Christdemokratin, machte für den Rückzug Schwedens die deutsche Energiepolitik verantwortlich, insbesondere den mit den Nachbarländern nicht abgesprochenen Atomausstieg: „Ich bin sauer auf die Deutschen“, erklärte sie: „Wenn der Wind nicht weht, bekommen wir mit diesem gescheiterten Stromsystem hohe Strompreise.“

Kabel kappen?

Auch in Norwegen – mit der EU vertraglich eng verbunden – erwog die Mitte-links-Koalition Ende 2024, das Stromkabel nach Dänemark praktisch zu kappen. Ebenso wurden die Trassen nach Großbritannien und Deutschland infrage gestellt, weil man damit nur hohe Strompreise importiere. „Es ist eine absolut beschissene Situation“, zitierte damals die „Financial Times“ den norwegischen Energieminister Terje Aasland von der „Arbeiderpartiet“.

Kabel kappen? So radikal wie einst die skandinavischen Christ- und Sozialdemokraten denkt der Rassemblement National in Frankreich nicht. Laut Programm des „RN“ wolle man aber das „europäische System der Preissetzung verlassen, das unsere Wettbewerbsfähigkeit schwächt“. Die Partei verspricht den Franzosen einen „nationalen Strompreis“. Das europäische System der Preissetzung am Strommarkt, genannt „Merit-Order“, ist auch bei anderen Staaten in die Kritik gekommen, weil es hier stets die teuren Gaskraftwerke sind, die das gesamte Strompreisniveau nach oben ziehen.

Auf dem EU-Gipfel in dieser Woche werden zwar kreative Gedankenspiele angestellt, wie man die Gaskraftwerke zum Beispiel von der CO₂-Umlage befreien könnte, um so den Strompreis insgesamt zu drücken. In Deutschland herrscht unter Vertretern von Industrie, Energiewirtschaft, Politik und Wissenschaft praktisch Konsens, dass es zum Merit-Order-Modell keine Alternative gibt. Dass Rechtsnationalisten in Frankreich und anderswo in der EU nach einer möglichen Übernahme der Regierungsverantwortung viel auf diesen Konsens geben, ist aber unwahrscheinlich.

Sicher ist, dass die Energiepreise für den RN ein willkommenes Thema bleiben: Sie verbinden den Nationalstolz auf den heimischen Atomstrom mit dem Versprechen niedriger Preise. Marine Le Pen hat die Partei nach der Übernahme von ihrem Vater und Gründer Jean-Marie stark mit der sozialen Frage verknüpft. Die landesweiten „Gelbwesten-Proteste“ gegen steigende Benzinpreise hatten schon 2018 die große politische Brisanz der Energie- und Klimapolitik gezeigt. Russlands Ukraine-Überfall 2022 und nun der Iran-Krieg lassen das Thema explosiv bleiben – auch bei den aktuell laufenden Kommunalwahlen in Frankreich.

In der Mittelmeer-Stadt Menton jedenfalls traf RN-Chef Jordan Bardella mit seiner Rede einen Nerv. Seine Partei holte dort in der ersten Wahlrunde mehr als 36 Prozent der Stimmen – und hat beste Chancen, beim zweiten Wahlgang an diesem Sonntag erstmals das Rathaus der 30.000-Einwohner-Stadt zu erobern.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Klaus Geiger berichtet seit vielen Jahren über Themen an der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Geopolitik.

Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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