Vor ein paar Jahren waren bewaffnete Drohnen noch ein Tabu-Thema für die Bundeswehr. Vor allem die SPD blockierte oder verzögerte jahrelang die Pläne. Erst mit dem Ukraine-Krieg änderte sich die Einstellung.
Inzwischen werden kleinere Kamikaze-Drohnen bestellt. Nächster Schritt ist die geplante Anschaffung größerer Drohnen für die Bekämpfung von Bodenzielen als Begleiter bemannter Kampfjets, sogenannte Jagdbomberdrohnen. Hier entwickelt sich ein Konkurrenzkampf zwischen etablierten Rüstungskonzernen, wie Airbus und Neulingen im Metier wie Helsing und Rheinmetall.
Es geht nach Angaben von Rheinmetall-Chef Armin Papperger um schätzungsweise 400 Drohnen, sogenannte UCCA (Uncrewed Collaborative Combat Aircraft), für die Bundeswehr. Sie sollen autonom bemannte Kampfjets begleiten und Waffen tragen. Geplant ist angeblich die Beschaffung von zwei Typen: Ein Typ in der vier bis fünf Tonnen-Klasse und ein anderer in der zehn Tonnen-Klasse, auch für Präzisionsschläge im Hinterland eines potenziellen Feindes. Ein Milliardenprojekt, bei dem die Luftwaffe jetzt im internationalen Wettbewerb plötzlich mit den USA an der Spitze stehen und nicht mehr Nachzügler sein will.
Der potenzielle Großauftrag weckt das Interesse etablierter Rüstungskonzerne, aber auch Neueinsteigern in der Branche. Es kommt zu überraschenden Bündnissen, offensichtlich um den ambitionierten Zeitplan der Luftwaffe einzuhalten. Angeblich sollen die Drohnen bereits 2029 einsatzbereit sein. So verkündete die Airbus-Rüstungssparte jüngst, dass sie vom US-Unternehmen Kratos zwei Drohnen vom Typ XQ-58A Valkyrie erworben haben und mit eigener Airbus-Software ausstatten werden. Geplant sei eine europäisierte Variante des gut neun Meter langen US-Modells, dessen Erstflug bereits 2019 erfolgte. Die US-Drohnen werden derzeit bei Airbus am Standort Manching bei Ingolstadt umgerüstet.
Der erste Flug der US-Drohne mit der Europa-Software (MARS) ist im späteren Jahresverlauf geplant. Bis 2029 will Airbus der Luftwaffe operationelle UCCA-Fähigkeiten liefern, also bewaffnete Drohnen, die als sogenannter Wingman dann Kampfjets wie den Eurofighter, begleiten können. Weil die Elektronik des Eurofighters durch die Drohnen-Begleitung eigene Rechner benötigt und in der aktuellen Version überlastet wären, soll sie in einem eigenen Behälter (Pod) unter dem Rumpf montiert werden und den Eurofighter zum „Kommandoflugzeug“ machen.
Die Drohnen mit ihrer beachtlichen Reichweite von über 5000 Kilometern sollen riskante Aufgaben übernehmen, wie Aufklärung, elektronische Kriegsführung, den Waffenabwurf oder als „Lockvogel“ dienen – um bemannte Drohnen zu schützen. Airbus setzt auf die Umrüstung von US-Drohnen, um den ambitionierten Zeitplan der Bundeswehr einzuhalten. Airbus biete „dem deutschen Kunden genau das, was Deutschland und Europa in der aktuellen geopolitischen Lage dringend benötigen: ein bewährtes, unbemanntes Kampfflugzeug mit einem souveränen europäischen Missionssystem, das nicht zeitaufwendig und kostspielig von Grund auf neu entwickelt werden muss“, erklärt Airbus-Rüstungsmanager Marco Gumbrecht.
Daneben will auch das auf künstliche Intelligenz spezialisierte Rüstungs-Start-up Helsing in einer Kooperation mit dem Sensorspezialisten Hensoldt in den Kampfjetdrohnenmarkt einsteigen. Ende September 2025 präsentierte Helsing ein Modell seiner elf Meter langen Drohne CA-1 Europa in der Drei-bis Fünf-Tonnen-Klasse. Der Erstflug des sogenannten Stealth-Bombers, der vom Radar schwer zu entdecken ist, soll bereits 2027 erfolgen. Die Drohne soll dann 2029 einsatzbereit sein. Bei dieser hohen Entwicklungsgeschwindigkeit setzt Helsing auf die Erfahrung des aufgekauften Flugzeugherstellers Grob.
Ob die Helsing-Hensoldt-Drohne eine Chance bei der Auswahl hat, kommt auf die Details der noch nicht bekannten Ausschreibung an. Falls Deutschland oder Europa großen Wert auf Souveränität legt, „dann stehen wir deutlich besser da, als mit einer US-Kauflösung“, sagte soeben Hensoldt-Chef Oliver Dörre. Die Drohne CA-1 wäre jedenfalls das einzige rein europäische Modell im Wettbewerb. Branchenkenner sprechen von einer Schlüsselentscheidung, ob die Bundeswehr auf Drohnen mit einem gewissen Reifegrad setzen oder auf eine souveräne Neuentwicklung. Womöglich kommt es auch zu einer Parallelbeschaffung.
Italien plant auch Einsatz von unbemannten Kampfdrohnen
Auch Rheinmetall will mitmischen und denkt über Partnerschaften mit gleich drei US-Drohnenherstellern nach: Boeing, Lockheed Martin und Anduril. Rheinmetall ist bereits am Bau des bemannten Kampfflugzeugs F35 von Lockheed Martin beteiligt. Jüngst sagte Rheinmetall-Chef Papperger, dass als Nächstes der Bereich unbemannte Kampfflugzeuge angegangen wird. „Auch hier glaube ich, dass wir eine gute Chance haben und Erfolg haben können“, so der Rheinmetall-Chef.
Vieles spricht für ein Bündnis Rheinmetall mit Anduril mit der Drohne YFQ-44 Fury, die im Oktober 2025 ihren Erstflug hatte. Auch hier würde, ähnlich wie bei Airbus, eine bestehende US-Drohne europäisiert. Im Juni 2025 hatten Rheinmetall und Anduril eine strategische Drohnen-Kooperation vereinbart. Die Wertschöpfung würde laut Papperger nur bei 30 bis 40 Prozent in den USA liegen, der Rest bei europäischen Partnern.
Bei einer Rheinmetall-Boeing-Zusammenarbeit käme neben der Anduril-Drohne auch die Boeing-DroneMQ28 Ghost Bat in Frage, die der US-Konzern seit 2017 mit Australien entwickelt hat und bereits im Zusammenspiel mit verschiedenen Kampfflugzeugtypen getestet wurde. Dritter potenzieller Rheinmetall-Drohnen-Kopperationspartner ist Lockheed Martin. Womöglich mit seiner im September 2025 vorgestellten geheimnisumwitterten Drohne Vectris. Ein weiterer Interessent ist der US-Rüstungskonzern General Atomics mit einer Drohne aus der Gambit-Serie.
Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien ist der Einsatz unbemannter Kampfdrohnen geplant. So kündigte der Chef des großen italienischen Rüstungskonzerns Leonardo, Roberto Cingolani, jüngst an, dass es dieses Jahr gemeinsame Flugtests des italienischen Kampfjets M-346 mit zwei türkischen Kampfdrohnen, vermutlich vom Typ Kizilelma, geben wird. Diese türkische Kampfdrohne des Herstellers Baykar gilt als eines der Renommierprojekte der türkischen Rüstungsindustrie. Aktuell ist die Serienproduktion angelaufen.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.
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