Zwei Tage reichten, um Aufruhr in Deutschlands Heizungskellern zu entfachen. Zuerst hatte die Bundesregierung die Eckpunkte für das Gebäudemodernisierungsgesetz vorgestellt, das Vorgaben aus der Zeit der Ampel-Regierung abräumen soll. Dann griffen die USA und Israel den Iran an – die Energiepreise schossen in die Höhe. Für die Heizungsbesitzer hierzulande hieß das vor allem: Unsicherheit.
Das zeigt sich in einem deutlich gestiegenen Beratungsbedarf. „Wir haben noch nie so viele Beratungsleistungen verkauft wie in der vergangenen Woche“, sagte Sebastian Schmidt. Er ist CEO des Start-ups Deutsche Sanierungsberatung. Das Geschäftsmodell: Schmidt verkauft individuelle Beratungen rund um die Wärmesanierung. Im Vergleich zum Februar sei die Zahl der verkauften Beratungen in den ersten Märzwochen um mehr als 50 Prozent gestiegen, heißt es vom Unternehmen.
Am 24. Februar stellte die Regierungskoalition die Eckpunkte für das neue Gebäudemodernisierungsgesetz vor. Darin soll die Vorgabe fallen, dass neu eingebaute Heizungen zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Neue Öl- und Gasheizungen sollen weiter erlaubt bleiben, allerdings soll über eine sogenannte Biotreppe in den kommenden Jahren ein steigender Anteil Biokraftstoffe beigemischt werden.
Der Absatz an Wärmepumpen hatte zuletzt angezogen
Was die Menschen umtreibt, ist vorwiegend die Förderung. Derzeit können sich Verbraucher von der KfW-Bank bis zu 70 Prozent fördern lassen, wenn sie sich eine klimafreundliche Heizung – meist eine Wärmepumpe – einbauen. Auch deshalb hatte der Absatz an Wärmepumpen im vergangenen Jahr massiv angezogen. Laut den Eckpunkten soll die Förderung bis ins Jahr 2029 auskömmlich finanziert werden – und auch Regierungsvertreter beteuern, an der Förderung würde sich nichts ändern.
Das glauben offenbar nicht alle. „Der Markt hatte sich gerade mit dem Heizungsgesetz der Ampel arrangiert, nun gibt es neue Verunsicherung“, sagte Schmidt. Bisher zeigt sich allerdings noch kein Run zur Wärmepumpe. Laut Bundeswirtschaftsministerium gab es in der letzten Februarwoche insgesamt 10.000 Anträge auf Förderung zum Heizungsaustausch – nur eine leichte Steigerung im Vergleich zu den Vorwochen.
Trotzdem könnte der Bedarf an einer klimafreundlichen Heizung bald steigen. Der zweite Grund dafür kam am 28. Februar. „Der Irankrieg und die stark angestiegenen Energiepreise haben die Situation noch einmal verschärft“, so Schmidt. Seither knackte der Ölpreis wiederholt die Marke von 100 Dollar. „Angesichts des teuren Heizöls schauen sich Verbraucher verstärkt nach klimafreundlichen Alternativen um.“
2022 kam der Solarboom erst später
Generell sorgt der kriegsbedingte Preisschub dafür, dass sich die Verbraucher derzeit wieder verstärkt mit ihren Energiekosten beschäftigen. Dabei geht es nicht nur um die Wärmeversorgung, sondern auch um Strom. Viele haben noch in Erinnerung, wie infolge des Ukrainekriegs auch die Strompreise in die Höhe schossen, weil die gestiegenen Kosten für Gaskraftwerke die Preise für Elektrizität mit nach oben zogen.
Nicht nur Wärmepumpen könnten profitieren, auch Solarunternehmen merken ein gestiegenes Interesse an ihren Energiesystemen. Für stark steigende Verkaufszahlen ist es aber noch zu früh – zumal es bei Investitionen in PV-Anlagen mit Speichern und Wärmepumpen um größere Investitionen geht.
Unternehmen und Branchenverbände wie der Verband des Solarhandwerks (BDSH) weisen darauf hin, dass der PV-Markt schon immer langsamer auf externe Schocks und Krisen reagiert hat als etwa der Ölmarkt, auf dem Heizölpreise über Nacht reagieren. Eine umgehende Marktreaktion von Privathaushalten gab es bei den Energiesystemen noch nie – auch nicht nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022. Als vor vier Jahren die Preise für Strom und Gas in die Höhe schossen, stiegen nach einigen Wochen zuerst die Google-Suchanfragen nach PV-Systemen massiv. Bis sich das größere Interesse in Kaufentscheidungen und Abschlüssen niederschlug, dauerte es allerdings noch. Ein echter Solarboom, der zu wachsenden PV-Zubauzahlen und Umsätzen der Anbieter führte, setzte erst 2023 richtig ein.

Meinung Deutschlands Energiepolitik zerschellt im Iran
capitalAngesichts dieser Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg gehen die Anbieter von Solarsystemen und Wärmepumpen allerdings davon aus, dass der Irankrieg wegen seiner Folgen für die Energiepreise bald tatsächlich auch zu höheren Verkäufen führt. Man spüre schon jetzt ein größeres Interesse, sagte Jannik Schall, Chief Product Officer bei dem Hamburger Energieunternehmen 1Komma5°, zu Capital: „Die Menschen realisieren, dass Abhängigkeit von fossilen Energien in eine Kostenfalle führt.“ Dazu hätten auch die Lektionen aus dem Ukrainekrieg geführt, auch wenn manche diese zuletzt etwas verdrängt hätten.
Ein Sprecher der Regensburger Solar-Fachbetriebskette Enerix verwies darauf, dass die jüngsten Ankündigungen aus der Bundesregierung zu einer hohen Verunsicherung bei Kunden und Interessenten führten. Etwa die von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) geplante Abschaffung der EEG-Vergütung für Solaranlagen – der Ausbau der Solarenergie bei kleineren Anlagen für Privathaushalte hatte schon im vergangenen Jahr merklich geschwächelt.
Solange von der Politik Unsicherheit produziert wird, werde ein Teil der Nachfrage ausgebremst, sagte der Enerix-Sprecher. Allerdings spreche in der aktuellen geopolitischen Lage alles dafür, dass sich das kurzfristig ändere. „Die Lage im Iran ist offen, und die Preissignale sind da. Wir erwarten eine stärker anziehende Nachfrage bei Wärmepumpen und daraus folgend eine steigende Nachfrage nach PV und Speichern“, sagte der Sprecher.
Capital ist eine Partnermarke des stern. Ausgewählte Inhalte können Sie mit Ihrem stern+ Abo sehen. Mehr aus Capital finden Sie auf www.stern.de/capital.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke