Der Krieg im Nahen Osten zeigt inzwischen deutliche Auswirkungen auf den internationalen Reiseverkehr. Exklusive Daten des Vergleichsportals Check24 für Capital zeigen: Besonders stark brechen aktuell Flugbuchungen in die Golfregion ein. Gleichzeitig verschieben sich Reiseströme innerhalb der Region – teilweise profitieren alternative Ziele wie die Türkei und Ägypten.
Im Fokus stehen vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die bislang zu den wichtigsten touristischen und logistischen Drehkreuzen weltweit zählen. Städte wie Dubai, Doha oder Abu Dhabi dienen aber nicht nur als Urlaubsdestinationen, sondern auch als wichtige Drehkreuze für Flüge zwischen Europa, Asien und Australien. Und auch hier gerät die Region derzeit unter Druck, was vermutlich die deutlich dramatischere Nachricht für die Region wäre.
Kritisch für Vorausbuchungen in Ferienzeiten
In der Kalenderwoche 10 (2. bis 8. März) sind Flugbuchungen in die Vereinigten Arabischen Emirate laut Check24 im Vergleich zum Vorjahr dramatisch eingebrochen – und zwar um 86 Prozent. Im Vergleich zur Vorwoche war der Rückgang mit 88 Prozent sogar noch deutlicher. Und: Die Zahlen beziehen sich dabei nicht nur auf Flüge, die tatsächlich in der Woche stattfanden, sondern auch auf die Zukunft – für die Oster- und Herbstferien zum Beispiel. Damit könnte der Urlaubsregion Dubai ein schwieriges Jahr bevorstehen, wenn sich der Trend fortsetzt.
Der Einbruch zeigt, wie schnell geopolitische Risiken die Reiseentscheidungen beeinflussen. Seit der militärischen Eskalation zwischen den USA, Israel und dem Iran Ende Februar gilt für weite Teile der Golfregion eine verschärfte Reisewarnung. Mehrere Staaten schlossen zeitweise ihren Luftraum, zahlreiche Airlines setzten Verbindungen aus oder reduzierten ihr Angebot. Das Analysehaus Tourism Economics errechnete bereits einen möglichen Schaden von 56 Milliarden Dollar durch ausbleibende Reiseausgaben, wenn der Krieg länger als acht Wochen andauert – und immerhin 34 Milliarden, wenn er drei Wochen anhält. Selbst für eine ölreiche Region wie die Vereinigten Arabischen Emirate ist das kein Kleingeld.
Drehkreuze im Feuer?
Dass die Kunden die Region als Urlaubsziel vorerst meiden, ist angesichts der Bilder vom Krieg nachvollziehbar. Dass die Golfregion aber offenbar auch als Drehkreuz Richtung Asien gemieden wird, ist eine ganz andere Geschichte. Eigentlich gelten sie als gut gesichert, sagt Gerald Wissel von Airborne Consulting zu Capital. Reisende entziehen der Region aber zumindest kurzfristig das Vertrauen. Im Vorjahresvergleich fielen die Buchungszahlen über Doha, Abu Dhabi und Dubai in der zehnten Kalenderwoche um 17 Prozent, im Vergleich zur Vorwoche um 27 Prozent – auch hier geht es nicht um Flüge, die auch in der gleichen Woche stattfinden.
Für Flugexperte Wissel sind diese Zahlen zunächst nachvollziehbar, weil der Reiseverkehr in die Region stark eingeschränkt ist. Mitunter sind die Flughäfen dort sogar geschlossen. Er will aus den Zahlen aber noch keinen langfristigen Trend ableiten. „Das wäre verfrüht. Die nächste Urlaubssaison startet dort erst im Herbst und bis dahin ist noch eine Menge Zeit.“ Wissel beobachtet für den Reisemarkt etwas, das er als 3-3-3-Regel bezeichnet. „Wir erleben drei Tage Schockstarre durch News, dann dümpelt die Lage drei Wochen vor sich hin – und nach drei Monaten ist alles beim Alten. Das sehen wir immer wieder.“ Ein Beispiel dafür sei der Absturz der Germanwings-Maschine 2015 gewesen.
Dass das Image der VAE-Drehkreuze nun also nachhaltig beschädigt ist, glaubt Wissel nicht. Dubai baue aktuell einen neuen gigantischen Flughafen, den Dubai Al Maktoum International Airport, der das alte Emirates-Drehkreuz ersetzen soll. Dieser soll umgerechnet 33 Milliarden Euro kosten und 260 Millionen Passagiere jährlich abfertigen – plus zwölf Millionen Tonnen Fracht. Die Fertigstellung ist Mitte der 2030er-Jahre geplant. „Die Planer werden alles daransetzen, Dubai als sichersten Flughafen der Welt zu vermarkten – mit Drohnenabwehr und allem, was dazu gehört.“
Wie sicher der umliegende Luftraum ist, sei dann aber kein singuläres Problem für die VAE-Flughäfen, sondern betreffe alle Airlines und Drehkreuze – zwar nicht im gleichen Maße, weil aus Frankfurt beispielsweise andere Routen nach Asien gewählt werden können. Aber: Das würde zu höheren Treibstoffkosten führen. Airlines haben also ein starkes Interesse an einer stabilen Golfregion, meint Wissel.
Ägypten und Türkei profitieren
Kurzfristig scheinen jedoch andere Urlaubsorte von der VAE-Schwäche zu profitieren – selbst in der Region. Laut Check24-Daten sind die Flugbuchungen nach Ägypten und in die Türkei im Vorjahresvergleich um 17 Prozent gestiegen. Zwar gab es auf Wochenbasis (Vergleich zur KW 9) ein Minus von elf Prozent, doch das liegt deutlich unter dem Minus in die Golfregion.
Auch das deutet darauf hin, dass Reisende zwar kurzfristig auf die Eskalation reagieren, ihre Urlaubspläne aber nicht komplett aufgeben. Stattdessen werden Ziele gewählt, die als stabiler gelten oder geografisch weiter vom Konflikt entfernt sind. Die Türkei und Ägypten gelten seit Jahren als Alternativen, wenn politische Krisen andere Mittelmeer- oder Nahost-Ziele belasten – beispielsweise Israel.
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