Das Handwerk in Deutschland verharrt in der Krise. Hatte der Branchenverband ZDH ursprünglich ein leichtes Wachstum für 2025 vorhergesagt, geht die Organisation inzwischen nur noch von einer Stagnation aus. „Aktuell zeichnet sich kein selbsttragender Aufschwung ab“, sagt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke. Bestätigt wird diese Einschätzung auch von Creditreform. „Aufträge fehlen, Kosten drücken – das Handwerk kämpft“, heißt es in einer aktuellen Branchenanalyse der Wirtschaftsauskunftei, vorgelegt auf der Internationalen Handwerksmesse IHM in München.
Die Stimmungslage bleibt entsprechend angespannt. Nur gut die Hälfte der Betriebe bewertet die eigene Situation derzeit als gut oder sehr gut, zeigt die Untersuchung zu Wirtschaftslage und Finanzierung im Handwerk. „Die Unternehmen leiden weiterhin unter den Folgen der Wirtschaftskrise“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, der Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Nur gut 22 Prozent der Betriebe hätten zuletzt ein Umsatzplus verzeichnet, zeigt die Analyse. Umgekehrt melden 25,5 Prozent Erlösrückgänge.
Eine verbesserte Geschäftslage gab es lediglich im Bauhandwerk und im Ausbaubereich. Dagegen blieb die Auftragslage im Dienstleistungshandwerk hinter den Erwartungen zurück, dazu zählen unter anderem die KfZ-Branche und personenbezogene Dienstleistungen. Im Nahrungsmittelhandwerk sind die Aufträge sogar regelrecht abgestürzt. Die schwache Industriekonjunktur hat zudem die Zulieferer ausgebremst, etwa im Metallhandwerk oder im gewerblichen Bereich.
All das hat Auswirkungen auf den Unternehmensbestand und auf die Zahl der Mitarbeiter. So gab es 2025 gut 13 Prozent mehr Insolvenzen im Handwerk nach zuvor schon fast 19 Prozent mehr Pleiten im Vorjahr. Damit ist der Anstieg höher ausgefallen als im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. 4950 Fälle hat Creditreform 2025 registriert, das ist der höchste Stand seit gut zehn Jahren. „Energie, Material, Löhne – die Kosten laufen davon. Ohne ausreichende Reserven geraten viele Betriebe schnell in existenzielle Schieflage“, sagt Experte Hantzsch. „Unternehmensaufgaben, fehlende Nachfolger und steigende Insolvenzzahlen dokumentieren das eindrücklich.“
Und die Zahl der Betriebe wird sich weiter reduzieren, prognostiziert Creditreform, sei es durch Insolvenzen oder weil sich niemand findet, der den bisherigen Eigentümer ersetzen will. „Die klassische Betriebsübergabe innerhalb der Familie verliert zunehmend an Bedeutung“, zeigt die Creditreform-Analyse. Gleichzeitig seien auch familienexterne Lösungen – etwa die Übergabe an leitende Mitarbeiter oder der Verkauf an andere Unternehmen – häufig schwer umzusetzen.
Dabei ist der Bedarf an Nachfolgern groß. 24,4 Prozent der Betriebsinhaber wollen sich innerhalb der nächsten drei Jahre zurückziehen und weitere 57,6 Prozent planen die Übergabe innerhalb von drei bis zehn Jahren. Weil sich die Suche zunehmend schwierig gestaltet, steigt nun der Anteil derjenigen Betriebe, die eine Stilllegung erwägen. Schon jedes sechste Handwerksunternehmen dürfte nicht fortgeführt werden, prognostiziert Creditreform. Zum Vergleich: 2018 lag dieser Anteil bei zwölf Prozent. Vor allem im Handwerk für den gewerblichen Bereich mangele es an Nachfolgelösungen, dahinter folgen das Ausbau- und das Dienstleistungsstandwerk.
Wer am Markt verbleibt und sich dabei gut schlägt, sucht wiederum händeringend nach Personal. 200.000 Fachkräfte fehlen derzeit in der Branche, schätzt der ZDH. Und auch Lehrlinge sind rar. 16.213 Ausbildungsplätze im Handwerk blieben 2025 unbesetzt, zeigen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Damit ist immerhin jede neunte Lehrlingsstelle vakant geblieben. „Noch immer haben zu viel junge Leute und nicht zuletzt auch deren Eltern nicht genau im Blick, welche vielfältigen und hervorragenden beruflichen Perspektiven es im Handwerk gibt“, schimpft der bayerische Handwerkspräsident Franz Xaver Peteranderl. „Der noch weit verbreitete Akademikerwahn verstellt den Blick auf die Realität.“
Wobei zu dieser Realität auch gehört, dass längst nicht jedes Handwerk mehr goldenen Boden hat. „Schwache Konjunktur, Überalterung und Nachwuchsmangel wirken auf das Rückgrat des Sektors ein“, analysiert Creditreform-Experte Hantzsch. Der ZDH sieht die anhaltende Krise auch in den schlechten Standortbedingungen begründet. „Die Belastungen für die Betriebe durch Bürokratie, Steuern, Sozialabgaben und Energiepreise erschweren es zunehmend, schwarze Zahlen zu erwirtschaften“, heißt es vom Branchenverband.
Der ZDH drängt daher auf Reformen. Denn die bisherige Bilanz der neuen Bundesregierung sei enttäuschend. „Den großen Ankündigungen müssen auch Taten folgen“, mahnt Verbandspräsident Jörg Dittrich. Zwar hält der ZDH der Politik zugute, wichtige Maßnahmen wie das Entlastungskabinett oder die Modernisierungsagenda angestoßen zu haben. Und auch die verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten für Investitionen werden gelobt.
In sehr vielen Firmen herrsche aber Ernüchterung, teils auch Frust, weil von diesen Maßnahmen zu wenig in ihrem Betriebsalltag ankommt. Zudem seien viele Pläne und Beschlüsse noch nicht umgesetzt. „Der Herbst der Reformen ist ausgefallen, und die Enttäuschung darüber ist vielerorts groß“, sagt ZDH-Generalsekretär Schwannecke. Zumal die Betriebe weiterhin enormen Belastungsdruck spüren durch Bürokratie, Steuern, Sozialabgaben und Energiepreise.
Und Besserung scheint kaum in Sicht. Zwar rechnet Creditreform mit einer leichten Belebung bei Aufträgen und Umsatz. „Trotz der verbesserten Prognosen ist insgesamt aber nur ein moderates Wachstum zu erwarten, da die konjunkturellen Rahmenbedingungen in vielen Bereichen schwierig bleiben“, heißt es in der Analyse. Impulse könne vor allem das staatliche Infrastrukturprogramm liefern. Und tatsächlich zeigen sich vor allem das Bau- und das Ausbauhandwerk für 2026 optimistisch. Für die Branche insgesamt rechnet der ZDH mit einem Anhalten der Flaute und dabei konkret mit einem lediglich schwachen Umsatzplus von einem Prozent.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.
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