Die Welt wird zunehmend unsicherer. Geopolitische Spannungen nehmen zu, Handelskonflikte verschärfen sich, und globale Lieferketten erweisen sich als verletzlich. Kriege und protektionistische Tendenzen machen aktuell schmerzhaft deutlich, wie abhängig Europa in strategisch wichtigen Bereichen geworden ist. In einer solchen Lage wird wirtschaftliche Resilienz zur sicherheitspolitischen Notwendigkeit.
Europa steht an einem Wendepunkt. Der Kontinent kann entscheiden, ob er die industrielle Transformation aus eigener Kraft gestaltet – oder ob er sie an andere Weltregionen delegiert. Der neue Industrial Accelerator Act (IAA) der EU soll die Nachfrage nach klimafreundlichen Produkten ankurbeln und die Wettbewerbsfähigkeit sichern. Doch im entscheidenden Moment droht Brüssel, zentrale Prinzipien preiszugeben: Nachhaltigkeit ja – aber ohne das Bekenntnis zu Made in Europe.
Genau das wäre ein industriepolitischer Fehler von historischem Ausmaß. Wenn Europa seine eigenen Mittel einsetzt, um Stahl jenseits seiner Grenzen zu fördern, statt die Herstellung klimafreundlicher Materialien in der Union zu sichern, untergräbt es seine strategische Handlungsfähigkeit. Denn die Stahlindustrie ist kein Randthema – sie ist Fundament und Rückgrat europäischer Wertschöpfung: für Brücken, Bahnen, Netze, Windräder, die Automobilproduktion und die Verteidigungsfähigkeit.
Allein in Deutschland hängen vier Millionen Arbeitsplätze an stahlintensiven Ketten, 80.000 Menschen arbeiten direkt in der Branche. Wer hier Produktionskapazitäten aufgibt, verliert Innovationskraft, Beschäftigung und industrielles Rückgrat. Das wäre nicht Klimapolitik, sondern Standortverzicht.
Ohne verbindliche Made-in-EU-Kriterien drohen aus Leitmärkten für saubere Technologien reine Importmärkte zu werden. Ein Irrweg, der teuer wird – wirtschaftlich wie politisch.
Denn der Hebel ist gewaltig: Öffentliche Aufträge in der EU summieren sich auf über zwei Billionen Euro jährlich. Wenn bei dieser gewaltigen Nachfrage nur CO₂-Kriterien gelten, aber keine Resilienzkriterien, stärkt die EU sehenden Auges außereuropäische Anbieter – und schwächt jene Unternehmen, die hier mit enormem Aufwand in klimafreundliche Produktion investieren.
Andere setzen längst auf strategische Industriepolitik. Die USA verknüpfen Subventionen konsequent mit heimischer Fertigung, Indien nutzt gezielt die öffentliche Beschaffung, um eigene Kapazitäten aufzubauen. Die OECD warnt vor Überkapazitäten in Drittstaaten bis 2027 – und Europa schaut zu?
Die Wettbewerbsbedingungen sind längst nicht mehr neutral. Nur ein naiver Kontinent verzichtet freiwillig darauf, seine Nachfrage zur Standortstärkung zu nutzen.
Es geht nicht um Protektionismus, sondern um strategische Kohärenz. Europa kann Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Fairness im Binnenmarkt miteinander vereinbaren – durch Transparenz, klare Kriterien und das Prinzip Gegenseitigkeit im Marktzugang. Das ist keine Abschottung, sondern Selbstbehauptung.
Die Bundesregierung, namentlich Bundeskanzler Merz, hat beim Stahlgipfel 2025 ein starkes Signal gesetzt und sich klar zu EU-Präferenzregelungen für emissionsarmen Stahl bekannt. Dieses Mandat muss sie nun in Brüssel entschlossen vertreten.
Denn wenn Europa die Transformation finanziert, aber die Produktion verliert, bleiben am Ende leere Fabriken und verschobene Investitionen. Nachhaltigkeit braucht Herkunft. Nur wenn Klimaschutz und industrielle Wertschöpfung zusammengedacht werden, kann eine klimaneutrale Industrie entstehen, die stark, souverän und europäisch ist.
Kerstin Maria Rippel ist Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Jürgen Kerner ist Zweiter Vorsitzender der IG Metall
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