Fast 20 Kalendertage – so lange sind Beschäftigte in Deutschland im Schnitt aufs Jahr krankgeschrieben. Eine Tatsache, die angesichts einer nachhaltig schwächelnden Wirtschaft jetzt von Politik und Unternehmen ins Rampenlicht gezogen wird.

„Wir müssen über die hohen Fehltage sprechen“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich und warnte, mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lasse sich der Wohlstand des Landes nicht halten. Und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing fragte bei WELT: „Warum ist die Zahl der Krankheitstage in Deutschland zweimal so hoch wie in der Schweiz?“

Das ist eine berechtigte Frage. Abgesehen davon, dass internationale Vergleiche aufgrund der unterschiedlichen Arbeits- und Sozialsysteme sowie der Datenerfassung problematisch sind, ist der in Sewings Frage implizit mitschwingende Vorwurf, Deutschland sei ein Land der Faulenzer und Blaumacher, eine genauere Betrachtung wert.

Für die meisten Beschäftigten dürfte die Arbeit notwendiges Mittel zum Zweck sein, ihren Unterhalt zu erwirtschaften. Mit Glück bleibt nach der enormen Verteuerung der Lebenshaltung in den vergangenen Jahren noch genug für den einen oder anderen Urlaub. Eine Perspektive, die wohl für viele, die nicht das Privileg einer sinnstiftenden oder erfüllenden Tätigkeit haben, zu den verbliebenen Lichtblicken im Leben gehört. Diese Menschen sollten Merz und Sewing im Blick haben, wenn sie die hohen Fehltage ansprechen.

Denn wer klaglos einen der vielen Millionen Jobs in diesem Land erledigt, die keinerlei Sozialprestige versprechen, für die niemand danke sagt, die oft genug Schichtarbeit mit sich bringen, ist dazu in der Regel nicht intrinsisch motiviert. Also muss die Motivation, sich zu engagieren und Einsatz zu bringen, anderswo herkommen. Wer keinen tieferen Sinn in seiner Arbeit sieht und wenig Anerkennung erfährt, dem bleibt nur das Vertrauen darauf, dass Leistung sich für ihn selbst auszahlt. Diese Säule im Motivationsfundament bröckelt längst. Der Forderung nach „Fröhlichkeit an der Arbeit“, die Bundeskanzler Merz erhebt, muss man entgegnen: Arbeitsmoral wächst dort, wo das Umfeld stimmt. Sie lässt sich nicht verordnen.

Dieses Umfeld in Deutschland sollte man widerspruchsfrei als ausbaubar bezeichnen können. Das fängt an mit den Steuern und Abgaben, mit denen deutsche Beschäftigte belastet werden. Einer regelmäßigen Erhebung der OECD in ihren 38 Mitgliedsländern zufolge unterliegt etwa ein Single in Deutschland der zweithöchsten Last an Steuern und Abgaben. Das Bundesfinanzministerium ordnet das für Besucher ihrer Website gern ein: Denen stünden „umfangreiche öffentliche Leistungen und verlässliche, gut ausgebaute soziale Sicherungssysteme gegenüber“.

Das Gerechtigkeitsproblem beim Bürgergeld

Nun ja: Mit den „umfangreichen öffentlichen Leistungen“ ist es auch nicht so weit her. Dafür genügt ein Blick auf den Zustand der auf Verschleiß gefahrenen deutschen Infrastruktur. Oder auf die innere Sicherheit. Oder auf die Tatsache, dass jeder Über-24-jährige für einen neuen Personalausweis noch mal 46 Euro extra hinblättern muss. Oder bei der inneren Sicherheit. Oder bei Strafverfolgungsbehörden, die bei „Pinocchio“ dienstbeflissen einem Anfangsverdacht auf Politikerbeleidigung nachgehen, während sie etwa im Kampf gegen Clankriminalität zunehmend auf verlorenem Posten stehen.

Und „verlässliche und gut ausgebaute Sozialsysteme“ waren sinnvoll als ultimatives Auffangnetz in Zeiten, als die protestantische Arbeitsethik für den Konsens sorgte, dem Staat um keinen Preis auf der Tasche liegen zu wollen. Im Bürgergeld hingegen, das zeigen Fälle und Beispielrechnungen, die immer wieder an die Öffentlichkeit gelangen, kann man sich – wohlgemerkt in bestimmten Konstellationen! – nicht immer, aber zu häufig komfortabel genug auf Kosten der Allgemeinheit einrichten, sodass jeder Anreiz und jede Motivation, in ein reguläres Arbeitsverhältnis zu wechseln, im Keim erstickt wird.

Kein Wunder, dass mittlerweile 41 Prozent des Bundeshaushalts in die soziale Sicherung fließen. Wie will man etwa dem Versicherungssachbearbeiter Schadensregulierung A bis K oder der Gebäudereinigerin vermitteln, dass die Umverteilung der von ihnen erarbeiteten Wirtschaftsleistung ein Modell ermöglicht, in dem sich mit zehn Wochenstunden Arbeit und Aufstockung durch Bürgergeld sogar legal Sozialleistungen abgreifen lassen, ohne dass es ihre Arbeitsmotivation schädigt? Wie ihnen glaubhaft machen, dass sie bis 70 arbeiten sollen (was nichts als eine Rentenkürzung ist), damit dieses System weiter funktioniert?

Diese Menschen müssen zudem nicht Milton Friedman gelesen haben, um intuitiv zu wissen, was gemeinhin ihm als Erkenntnis zugeschrieben wird: dass man einen Wohlfahrtsstaat und offene Grenzen haben kann – nur nicht beides gleichzeitig. Kommen im Rahmen einer Migrationspolitik der offenen Grenzen, die Asyl und die von Deutschland benötigte qualifizierte Zuwanderung munter vermengt, zu viele Menschen mit geringer Qualifikation in das Versicherungssystem und beziehen dort Leistungen, ohne eingezahlt zu haben, muss dieses Konstrukt auf Dauer Schaden nehmen.

Schon jetzt werden beispielsweise Arbeitnehmer und Arbeitgeber für die tatsächlichen Gesundheitskosten der Bürgergeldempfänger herangezogen, weil die – aus Steuermitteln bezahlte – Pauschale des Bundes an die Krankenkassen längst nicht ausreicht.

Ob der Wildwuchs bei Nichtregierungsorganisationen, von denen es viele sinnvolle, aber eben auch zahlreiche fragwürdige gibt, den die CDU vor einem Jahr noch zu Recht hinterfragen wollte, oder die im Licht der Illusion vom reichen Deutschland in ihrem Ausmaß und ihrer Unbedingtheit zunehmend fragwürdigen Entwicklungshilfen: Die Liste von Beispielen für Entwicklungen, die das Gerechtigkeitsempfinden und damit die Arbeitsmoral derer zutiefst verletzen, die mit oft harter Arbeit die wirtschaftlichen Grundlagen schaffen, damit überhaupt umverteilt werden kann, ließe sich beliebig verlängern. Es ist bezeichnend, wie gründlich und gefühlskalt sowohl Merz als auch Sewing diesen Aspekt ausblenden.

Dass das ökonomische Fundament wegbricht, um die sozialen Wohltaten zu finanzieren, deren Anschubfinanzierung die Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges war, ist nicht allein der neuen Notwendigkeit der Verteidigung geschuldet. Auch die Kosten einer Energiewende, deren ideologische Prägung spätestens durch die Sprengung sicherer und CO2-freier Atomkraftwerke entlarvt wurde, und die weder anderen Ländern als Vorbild dient noch dem globalen Klima nennenswert nützt, dafür aber in Deutschland zur Deindustrialisierung führt, landen am Ende bei denen, die sich laut Bundeskanzler mehr ins Zeug legen sollen.

Schon 2029 ist der Bundeshaushalt in seinem Handlungsspielraum gefesselt

Und diese Kosten sind gewaltig: Da es zur Energiewende wohlweislich kein Monitoring gibt, muss man mit der gängigen Schätzung für den bisherigen Aufwand von 500 Milliarden Euro vorliebnehmen. Künftig werden die Investitionsbedarfe für die energetische Transformation jährlich ansteigen und etwa im Jahr 2035 zwischen 113 und 316 Milliarden Euro liegen. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt 2025 lag bei 502 Milliarden Euro, wovon allein satte 180 Milliarden für Arbeit und Soziales vorgesehen waren. Aus aktuellen Haushalts- und Demografiedaten lässt sich denn auch ableiten, dass bereits in drei Jahren die laufenden Ausgaben für soziale Sicherung, Verteidigung und Zinszahlungen die gesamten laufenden Einnahmen des Bundes aufzehren werden.

Reformen wären also dringend nötig. Doch solche, die diesen Namen verdienen und so den Beschäftigten die Aussicht auf Besserung vermitteln könnten, wird es mit der aktuellen Regierung nicht geben. Merz‘ Motto scheint zu sein: Kanzleramt first, Deutschland second. Seine Botschaft vom Parteitag jedenfalls, politische Mehrheiten nur noch in der Mitte zu suchen, ist eine Verweigerung jedwedes Willens zur Veränderung. Koalitionspartner SPD, den Merz mit Rücksicht auf den „sensiblen Lars“ Klingbeil schon vorher nicht reizen wollte, hat damit praktisch freie Bahn.

Und die wird sie weidlich nutzen. Eine Billion Euro Steuereinnahmen und eine Staatsquote von über 50 Prozent, ab der laut Helmut Kohl der Sozialismus beginnt? Für die Sozialdemokraten ist es nie genug. Statt zu erkennen, dass eine Priorisierung bei den Ausgaben schon allein dafür nötig wäre, die Gesellschaft zu befrieden, lassen sie reihenweise Testballons steigen, wie weit die veröffentlichte Meinung gediehen ist, damit neue Steuern mehrheitsfähig werden.

Vor der Umverteilungsobsession der SPD ist nichts und niemand sicher, am allerwenigsten derjenige, der sich allen Widrigkeiten zum Trotz und angesichts einer durch politisches Gewährenlassen sturmreif geschossenen gesetzlichen Rente von dem wenigen, das ihm bleibt, selbst etwas aufbauen will. Ob ETF-Sparplan oder vermietetes Wohneigentum, auf das das Land dringend angewiesen ist: Die SPD hat es bereits im Visier und will Krankenkassenbeiträge auch auf Mieten und Kapitalerträge erheben. Arbeit muss sich wieder lohnen? So ganz sicher nicht.

Was Deutschland braucht, ist keine Debatte über die Fehltage seiner Beschäftigten – jedenfalls nicht jener in der freien Wirtschaft. Sondern darüber, was ein System leisten muss, damit Menschen bereit sind, ihr Bestes zu geben. Leistung setzt Perspektive voraus. Perspektive setzt Vertrauen voraus. Vertrauen darin, dass der Staat ein Versprechen hält: dass wer arbeitet, im Leben vorankommt. Dass wer auf eigene Faust spart, im Alter besser abgesichert ist als der, der sein Geld lieber verlebt. Dass wer sich anstrengt, von seinem Lohn genügend übrig behält, um sich auch weiter anzustrengen – und nicht morgens auf der Bettkante bei leichtem Unwohlsein wieder zurück auf die Matratze zu gleiten und sich zu fragen: Wozu?

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und Business Insider erstellt.

Michael Höfling schreibt für WELT über Immobilien, Wirtschaftspolitik und Gold. Gemeinsam mit Michael Fabricius ist er für den Immobilien-Newsletter „Frage der Lage“ zuständig, den Sie hier abonnieren können.

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