Es war eine kleine Notiz, die Gasmarktexperten Anfang Februar aufmerken ließ. Da veröffentlichte das Unternehmen Trading Hub Europe (THE), das für die Stabilität des deutschen Gasmarkts verantwortlich ist, eine Sonderausschreibung für sogenannte Regelenergie. Der gesicherte Zugriff auf zusätzliche Gasmengen für den Zeitraum von Mitte Februar bis Mitte März wird als Puffer benötigt, um Gasangebot und Verbrauch stets ausgeglichen halten zu können – auch bei hoher Nachfrage, wenn es kalt ist und viel Gas benötigt wird.
Mit Blick auf die sinkenden Füllstände der deutschen Erdgasspeicher, die in diesen Tagen unter die Marke von 20 Prozent im Bundesschnitt rutschen, sehen Experten den Schritt von THE als Warnsignal. Die Ausschreibungen sind zwar kein neues Instrument. Dass sich das Unternehmen, das als Marktgebietsverantwortlicher über das Gassystem in Deutschland wacht, zu Beginn des Winters über sogenannte Long-Term-Options (LTO) Zugriff auf Regelenergie sichert, ist üblich – so geschehen auch vor dem aktuellen Winter. Eine kurzfristige Sonderausschreibung zum jetzigen Zeitpunkt ist aber ungewöhnlich. Auch wenn das Bundeswirtschaftsministerium von einer „rein präventiven Maßnahme“ sprach, wertete man in der Gasbranche den Eingriff als eine Notfallmaßnahme – nicht zuletzt für die Versorgung in Bayern, wo die Speicher besonders leer sind.
Nach der Ausschreibung, die bis zum 12. Februar lief, ist jetzt auch klar, wie teuer die Notfallmaßnahme wird. Aus Marktdaten, die THE veröffentlicht hat, geht hervor, dass die Kosten für die Sicherung zusätzlicher Regelenergie in Summe knapp 60 Millionen Euro betragen. Konkret hatte THE eine Leistung von 21.300 Megawatt für die zweite Februarhälfte und von 15.000 Megawatt für die erste Märzhälfte ausgeschrieben. Die Kosten der Ausschreibungen beziehen sich zunächst nur auf das Vorhalten der Gasmengen, bei Abrufen bezahlt THE die üblichen Preise für Ausgleichsenergie. Liefern müssen die Händler das Gas an Speicher, unter anderem in Bayern.
Auf Anfrage von Capital bestätigte THE, dass sich die Leistungspreise, die bei der Ausschreibung erzielt wurden, in Summe auf 59,1 Millionen Euro belaufen. „Die gesamten ausgeschriebenen Bedarfe konnten kontrahiert werden, dementsprechend sind wir mit den Ausschreibungsergebnissen zufrieden“, teilte eine Unternehmenssprecherin mit. Das Wirtschaftsministerium erklärte auf Anfrage, „genaue Kosten“ seien ihm noch nicht bekannt.
Finanzierung über Umlage von Gas-Verbrauchern
Die Kosten für den kurzfristigen Sicherheitspuffer fallen damit niedriger aus als zunächst befürchtet. Während der Ausschreibungsfrist hatte manch ein Brancheninsider auch eine dreistellige Millionensumme für denkbar gehalten. Das Ergebnis der Sonderausschreibung spiegelt die Tatsache, dass die Gaspreise trotz der niedrigen Füllstände der Speicher in Deutschland und einigen Nachbarländern bisher nur wenig reagiert haben.
Allerdings erfolgte der Zuschlag jetzt zu einem höheren Preis als bei den Long-Term-Options, die THE vor dem Winter ausgeschrieben hatte. Bei dieser Auktion im vergangenen Oktober ging es um Leistungen von jeweils 14.410 Megawatt für die Monate Januar bis März. Die Kosten dafür beliefen sich auf rund 50 Millionen Euro. Dadurch steigen die Kosten für die Wintervorsorge auf mehr als 100 Millionen Euro. Finanziert werden die Ausgaben für Ausgleichsenergie von den Gasverbrauchern über eine spezielle Umlage.
Auch wenn es bei den LTO-Ausschreibungen – anders als in der Gaskrise nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 – nicht um von der Bundesregierung angeordnete Gaseinkäufe in Milliardenhöhe geht, ist das kurzfristige Eingreifen des Marktgebietsverantwortlichen THE für Energieministerin Katherina Reiche (CDU) politisch nicht ohne Brisanz. Im Sommer hatte Reiche entschieden, die Befüllung der Speicher komplett dem Markt zu überlassen – auch wenn im vergangenen Jahr weniger eingespeichert wurde. In der Folge gingen die Anlagen mit einem niedrigeren Füllstand als in den Vorjahren in den Winter, weshalb sie nun auch deutlich leerer sind. Bis heute hält Reiche an ihrer Linie fest, der Markt sei alleine in der Lage, Versorgungssicherheit zu garantieren.

Energieversorgung Ist das Gas bald alle?
Dabei hilft es in der aktuellen Lage, dass die Temperaturen in weiten Teilen des Landes zuletzt deutlich gestiegen sind und weniger geheizt wird – sodass die Gefahr von Engpässen sinkt, solange der Winter nicht noch einmal zurückkommt. Allerdings bleibt die Herausforderung, die extrem leeren Speicher für den kommenden Winter zu füllen. Auch hierbei soll sich nach Reiches Willen der Staat heraushalten.
Ministerium relativiert Bedeutung
Angesichts der Sorge über die niedrigen Füllstände der Speicher und Kritik an der Linie der Ministerin hatte Reiches Ressort schon kurz nach dem Start der Sonderausschreibung Anfang Februar versucht, die Bedeutung des Eingriffs zu relativieren. Auf Anfrage erklärte damals eine Ministeriumssprecherin, bei der Auktion gehe es lediglich um Long-Term-Optionen „in kleiner Zahl“. Der Schritt von THE sei „eine rein präventive Maßnahme zur Sicherstellung von lokalen Regelenergiebedarfen in Hochlastszenarien“. Es gebe kein Problem mit zu geringen Gasmengen, die Versorgung sei gesichert, betonte die Sprecherin. „Die LTO können die Netzstabilität in Süddeutschland unterstützen, indem Leistung in Hochlastszenarien bereitgestellt wird, bis zum Beispiel angelandetes LNG aus dem Norden den Süden erreicht.“ Dass es nur um Optionen „in kleiner Zahl“ gehe, sehen allerdings viele in der Branche anders.
Auf eine aktuelle Anfrage von Capital zu den Kosten der LTO wiederholte das Wirtschaftsministerium seine Aussagen von Anfang Februar wortgleich. Auf den Verweis, dass es sich um Sonderausschreibungen „in kleiner Zahl“ handele, verzichtete es diesmal.
Capital ist eine Partnermarke des stern. Ausgewählte Inhalte können Sie mit Ihrem stern+ Abo sehen. Mehr aus Capital finden Sie auf www.stern.de/capital.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke