Zweifel an dem europäischen Rüstungsprojekt gab es schon länger. Aber jetzt hat sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) skeptisch zur Realisierung des Luftkampfsystems FCAS geäußert. Im Podcast „Machtwechsel“ verweist Merz auf unterschiedliche Anforderungsprofile für das Kampfflugzeug zwischen Frankreich und Deutschland. Es ist „kein politischer Streit, sondern wir haben ein echtes Problem im Anforderungsprofil. Und wenn wir das nicht lösen können, dann können wir das Projekt nicht aufrechterhalten“, sagte Merz.
Der Bundeskanzler verweist darauf, dass die Franzosen „in der nächsten Generation der Kampfflugzeuge atomwaffenfähiges und ein flugzeugträgerfähiges Flugzeug benötigen“, sagte er. „Das brauchen wir in der deutschen Bundeswehr gegenwärtig nicht.“ Jetzt stelle sich die Frage, ob Deutschland die Kraft und den Willen habe, für diese beiden unterschiedlichen objektiven Anforderungsprofile zwei Flugzeuge zu bauen oder nur eins? Merz: „Frankreich möchte nur eins bauen und möchte es praktisch auf die Spezifikation ausrichten, die Frankreich braucht. Das ist aber nicht die, die wir brauchen.“
Damit signalisiert Merz ein Ende des bislang von Frankreich, Deutschland und Spanien geplanten FCAS-Projektes (Future Combat Air System) in der bisherigen Form mit geschätzten Kosten von über 100 Milliarden Euro. Das Projekt beruht noch auf einer Idee von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die im Sommer 2017 verkündeten, dass die beiden Länder ein gemeinsames Kampfflugzeug der sechsten Generation entwickeln wollen, das 2040 einsatzbereit sein soll. Später trat auch Spanien dem Programm bei.
Auf industrieller Basis gilt das Projekt bereits als zerrüttet, weil der französische Hauptauftragnehmer, der Luftfahrtkonzern Dassault Aviation, den Führungsanspruch gegenüber Airbus als Vertreter der deutschen und spanischen Seite fordert.
Der Bundesverband der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie BDLI hat sich bereits gemeinsam mit der Gewerkschaft IG Metall für die Entwicklung von zwei Kampfflugzeugen ausgesprochen. Ursprünglich wollten Merz und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bereits bis Ende vergangenen Jahres eine Grundsatzentscheidung über die FCAS-Zukunft treffen.
Bundeskanzler Merz wird in dem Interview aber noch grundsätzlicher: Er möchte die Frage geklärt wissen, „brauchen wir eigentlich noch in zwanzig Jahren von heute ein bemanntes Kampfflugzeug?“ Es gehe um die Frage, ob die deutsche Luftwaffe die sechste Generation der tarnkappenfähigen Kampfflugzeuge überhaupt benötige. Wenn man zum Ergebnis komme, man brauche das, „dann werden wir schauen, wer das mit uns zusammen baut“, so Merz. Es gebe auch andere Länder, die Interesse daran haben, „mit uns dann darüber einmal zu sprechen“. Dies sei aber kein Zerwürfnis im deutsch-französischen Verhältnis, betont der Bundeskanzler.
Schon mal scheiterte ein Kampfjet-Projekt mit Frankreich
In Branchenkreisen werden bei einem Ende von FCAS verschiedene Optionen diskutiert, etwa eine Zusammenarbeit mit dem schwedischen Rüstungskonzern Saab bei der Entwicklung eines neuen Kampfjets, oder eine Beteiligung am Vorhaben GCAP (Global Combat Air Programm), mit Großbritannien, Italien und Japan.
Er bleibe bei seinem Anspruch Simplifizierung, Standardisierung und Skaleneffekte zu nutzen, erklärt der Bundeskanzler. „Das heißt, wir müssen weniger Systeme haben, wir müssen weniger kompliziert und teuer bauen und wir müssen größere Stückzahlen bauen. Aber das heißt nicht, dass wir in ganz Europa, in der ganzen Nato nur noch ein Kampfflugzeug haben.“
Ein Aus bei der FCAS-Entwicklung in bisheriger Form wäre ohnehin nicht das erste Ende für einen gemeinsamen Kampfjet mit Frankreich. In den 1980er-Jahren gab es von mehreren europäischen Nato-Staaten Entwicklungsarbeiten für ein Modell mit dem Namen European Fighter Aircraft. Frankreich entschied sich aber 1985/86 gegen eine Teilnahme und es kam zu getrennten Entwicklungen. Schon damals gab es unterschiedliche Anforderungsprofile für die Kampfjets von Frankreich und Deutschland. Das Resultat war einerseits die Entwicklung des Eurofighters mit Deutschland, Großbritannien, Spanien und Italien sowie andererseits das eigenständige französische Rafale-Modell.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.
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