Zwei Deutsche haben sich für die Nachfolge von EZB-Präsidentin Christine Lagarde positioniert. Ihre Chancen dürften massiv sinken, falls die Französin Frankfurt vorzeitig verlässt.

Menschen, die mit dem Denken wichtiger Persönlichkeiten vertraut sind, agieren im Umgang mit Medien in aller Regel professionell. Sie verbreiten also nicht einfach irgendwelche Spekulationen, schon gar nicht gegenüber der Financial Times – dem vielleicht wichtigsten Finanzmedium der Welt. Vielmehr verfolgen sie in der Regel ein kommunikatives Ziel. Das gilt es im Kopf zu behalten, wenn die Zeitung berichtet, Christine Lagarde könne sich vorzeitig zurückziehen und sich auf eine Person beruft, die mit Lagardes „Denken vertraut ist“.

Es ist also ernst zu nehmen, dass die Französin ihre bis 2027 laufende Amtszeit nicht vollständig erfüllt, sondern zur Rettung der französischen Republik vor Rechtspopulisten in ihre Heimat zurückkehrt. Offenbar köchelt das Thema schon eine Weile, denn einer der FT-Autoren erklärte auf LinkedIn, man habe schon länger an der Story gearbeitet.

Das erklärt vielleicht auch, warum im EZB-Rat im Spätherbst und rund um den Jahreswechsel personelle Unruhe ausgebrochen ist und einige Mitglieder offen oder indirekt sich als Nachfolge-Kandidaten für Lagarde ins Rennen geworfen haben. Dies gilt insbesondere für die beiden deutschen Bewerber, die EZB-Direktorin für Marktoperationen, Isabel Schnabel, und Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Beide hatten sich in Rennen gebracht, während der spanische Notenbank-Präsident José Luis Escrivá als Favorit galt.

Diskussion wird angefacht

Die Meldung über Lagardes möglicherweise frühzeitigen Abgang wird nach Einschätzung von ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski „die Diskussionen zwischen den europäischen Regierungen darüber wieder anfachen, wie die nächste Runde der freien Stellen verteilt werden soll.“ Es geht um die Nachfolge von Schnabel im EZB-Direktorium wie auch die von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane, einem Iren. Und jetzt möglicherweise auch um die Präsidentschaft.

Brzeski geht von einem Gesamtpaket aus, das Deutschland, Frankreich und Spanien schnüren könnten. Von den vier großen Euro-Ländern dürfte Italien hier außen vor sein, da es mit Mario Draghi den Vorgänger Lagardes stellte und aktuell mit Piero Cipollone im Direktorium vertreten ist. Frankreich wiederum hat mit Lagarde und Jean-Claude Trichet bereits zweimal die EZB-Führung gestellt, so dass Deutschland in den Blick gerät.

„Die Argumente für einen deutschen EZB-Präsidenten werden jedoch durch die Tatsache erschwert, dass auch die Präsidentin der Europäischen Kommission Deutsche ist“, betont Brzeski. „Und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sowohl die Europäische Kommission als auch die EZB von zwei Deutschen geleitet werden. Da die Amtszeit von Ursula von der Leyen 2029 endet, wird eine deutsche EZB-Präsidentschaft umso unwahrscheinlicher, je früher die Entscheidung der EZB getroffen wird.“

Gewinnen jetzt die Niederlande den EZB-Vorsitz?

Indem das Umfeld Lagardes nun bereits die Nachfolgefrage losgetreten hat, schwinden somit die Chancen von Schnabel und Nagel auf die Präsidentschaft der EZB. Allerdings steht auch der Spanier Escrivá vor einem Problem, seitdem die EZB-Vizepräsidentschaft kürzlich an Boris Vujcic und damit an Kroatien vergeben wurde. Einem ungeschriebenen Gesetz der EZB zufolge stammen nicht Präsident und Vizepräsident gleichzeitig aus Südeuropa. 

Wenn Frankreich und Deutschland aber für die Lagarde-Nachfolge ausscheiden, könnte der Gewinner aus den Niederlanden kommen. Geht Lagarde frühzeitig, könnten die Chancen des niederländischen Notenbank-Chefs Klaas Knot für einen Umzug nach Frankfurt deutlich steigen.

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