Deutschland könnte künftig eigene ballistische Mittelstreckenraketen entwickeln und womöglich sogar hierzulande bauen. Dies sieht ein Konzept des französischen Raketenkonzerns Ariane Group vor. Das Gemeinschaftsunternehmen von Airbus und dem französischen Safran-Konzern ist hierzulande als Generalunternehmer für die zivile Ariane-Rakete bekannt, entwickelt und liefert aber auch den Antrieb für die französischen Interkontinental-Atomraketen M51, die von U-Booten starten.

Wie der für die Rüstungsspate der Ariane Group verantwortliche Manager Vincent Pery im Vorfeld der Sicherheitskonferenz in München sagte, wird Deutschland und anderen europäischen Staaten unter der Bezeichnung MBT (Theatre Ballistic Missile) eine neue Raketenfamilie zur Beschaffung vorgeschlagen. Bislang hat Deutschland keine ballistische Angriffsrakete und installiert derzeit mit dem israelischen System Arrow 3 eine Abwehrrakete gegen ballistische Bedrohungen.

Die Reichweite der von der Ariane Group vorgeschlagenen Rakete mit konventionellem Sprengkopf oder einem Hyperschallgleiter könnte 1.000, 2.000 oder 3.000 Kilometer betragen, sagte Pery. Darüber soll die Politik entscheiden. Es gebe hierzu Gespräche mit Frankreich, Deutschland und weiteren europäischen Staaten. Wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, sei offen. „Wir sind in Gesprächen mit dem französischen Verteidigungsministerium und der französischen Beschaffungsagentur“, sagte Pery.

Die Ariane Group arbeite seit vier, fünf Jahren bislang im geheimen an dem Konzept der ein- oder zweistufigen Rakete mit Feststoffantrieb. Bei einer Beschaffungsentscheidung würde es bis zur Einsatzreife noch Jahren dauern, räumte Pery ein. Über die Kosten wurden keine Angaben gemacht.

Eklatante Fähigkeitslücke in Europa

Der Vorschlag einer ballistischen Rakete der Ariane Group für die deutschen Streitkräfte ergänzt die politischen Planungen für sogenannte Deep Strike Waffen. Die Bundeswehr und andere befreundete Streitkräfte in Europa haben im Kontext des Ukrainekrieges festgestellt, dass es eine eklatante Fähigkeitslücke bei Präzisionswaffen mit großer Reichweite gibt, wobei Ziele in mehr als 2.000 Kilometer Entfernung gemeint sind. Der Taurus-Marschflugkörper kann nur Ziele treffen, die gut 500 Kilometer entfernt sind und er wird von Flugzeugen abgeworfen und startet nicht vom Boden.

Im Juli 2024 wurde daher auf dem NATO-Gipfel das ELSA-Projekt (European Long-Range Strike Approach) für die Entwicklung bodengestützter konventioneller Langstreckenwaffen gestartet. Es ist eine Initiative aus Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Großbritannien, Schweden und den Niederlanden. Im Fokus stehen bodengestützte Marschflugkörper und Hyperschallsysteme zur Stärkung der NATO-Abschreckung.

Bislang gibt es noch keinen Auftrag für die Beschaffung der ballistischen Raketen für die Bundeswehr, aber die Rüstungsindustrie trifft dafür Vorbereitungen. So arbeitet der Lenkwaffenkonzern MBDA an Konzepten, der dabei seine Expertise aus der Produktion des Marschflugkörpers Taurus und Strom Shadow nutzt. Auch die Ariane Group baut ihr Rüstungsgeschäft aus und entwickelt Hyperschall-Technologien, wie den französischen Gleiter V-Max, der 2003 erstmals flog. Zudem werden jetzt neue ballistische Raketen vorgeschlagen.

Jüngst sorgte auch das deutsche Start-up Hypersonica mit dem ersten privat finanzierten Hyperschall-Raketentestflug in Norwegen für Aufsehen. Der Raketen-Prototyp HS-1 beschleunigte auf über sechsfache Schallgeschwindigkeit und erreichte in einem ballistischen Flug eine Reichweite von über 300 Kilometer. Es sei ein wichtiger Meilenstein für die ersten europäischen souveränen Hyperschall-Angriffswaffen bis 2029, teilte Hypersonica mit.

Um die Fähigkeitslücke ihrer europäischen Verbündeten kurzfristig zu schließen, haben die USA angekündigt, ab diesem Jahr weitreichende Waffensysteme vom Typ Tomahawk, SM-6 und eine sich in Entwicklung befindliche Hyperschallrakete des Typs Dark Eagle zeitweise in Deutschland zu stationieren. Die genaue Zusammensetzung, die Stückzahlen und Standorte sind noch nicht bekannt. Europa sollte aber souveräne Beschaffungsentscheidungen treffen, lautet ein Argument der Ariane Group.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.

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