Außenpolitische Verwerfungen, hybride Kriegsführung, wirtschaftlicher Druck – Hamburgs Unternehmen agieren derzeit in einer multiplen Krisenlage, gerade auch mit Blick auf Sicherheit und Verteidigung. Am Dienstag veranstaltet die Handelskammer Hamburg ihr diesjähriges Dialogforum Sicherheit und Resilienz, unter anderem mit der stellvertretenden Generalinspekteurin der Bundeswehr, Generalarzt Nicole Schilling. Hauptgeschäftsführer Malte Heyne sagt, um welche Themen es dabei geht.
WELT AM SONNTAG: Herr Heyne, eine Nachricht wie jene vom flächendeckenden Stromausfall in Berlin weckt bei vielen Menschen inzwischen den Reflex: Ist auch das womöglich ein Teil der hybriden Kriegsführung gegen Europa? Wie nimmt man in der Wirtschaft so eine Nachricht wahr?
Malte Heyne: Für ein Unternehmen ist vor allem die Tatsache entscheidend: Der Strom ist nicht da. Wer der Verursacher von Sabotage ist, ob es sich um einen hybriden Angriff handelt oder einfach, weil es Naturkatastrophen gibt – die Ursache ist fast schon nachgelagert. Entscheidend ist, dass man auf diesen Krisenfall vorbereitet ist. Es kann ja wirklich jeden völlig unvermittelt treffen. Das hat der Fall in Berlin noch mal sehr deutlich gemacht. Und die Schäden dort sind natürlich groß.
WAMS: Schützt Hamburg seine kritische Infrastruktur ausreichend gegen die vielfältigen aktuellen Risiken? In Berlin genügte ein Kabelbrand, um ganze Teile der Stadt von der Stromversorgung abzuschneiden.
Heyne: Auch in Hamburg leben wir nicht auf einer Insel, auch hier gibt es keinen Grund, sich auf dem bislang Erreichten auszuruhen. Ich habe gelesen, das Energienetz in Hamburg sei anders organisiert als in Berlin, es könnte hier vielleicht nicht zu solch umfangreichen Schäden kommen. Ich freue mich, wenn das so ist. Aber auch wenn ich grundsätzlich Vertrauen in die Katastrophenschutz-Kompetenz in Hamburg habe: Entscheidend ist auf dem Platz!
WAMS: Am Thema Resilienz und Sicherheit arbeitet die Handelskammer mit vielen anderen Akteuren intensiv seit Beginn des Ukraine-Krieges Anfang 2022. Kommt diese Arbeit voran?
Heyne: Ja, insbesondere die Sensibilität ist in den vergangenen Jahren extrem gestiegen. Wir sehen auch, dass sich die Hinweise etwa aus den Unternehmen verdichten, dass sich Bedrohungslagen, Sabotagen, Cyber-Eingriffe oder Drohnenüberflüge eben auch in der deutschen Wirtschaft und in Hamburg stark häufen. Bei unserer Netzwerkarbeit hilft Hamburg als Stadtstaat und auch die besondere Sensibilität in der Hansestadt als Außenwirtschaftsstandort. Hamburg ist da vielleicht so eine Art Frühwarnindikator.
WAMS: Die Handelskammer hat einen Vorsorgeplan entwickelt, gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.
Heyne: Damit haben wir ein konkretes Angebot für Unternehmen vorgelegt, dieses Thema wirklich ernst zu nehmen. Es soll dabei helfen, auch auf der Führungsebene so etwas wie ein Management-System für die Krisenvorsorge und den Umgang mit den Bedrohungslagen dieser Zeit zu implementieren.
WAMS: Ist zum Beispiel die Zahl der Cyberangriffe auf ein sehr viel höheres Niveau gestiegen als in der Zeit vor dem Ukraine-Krieg?
Heyne: Jedenfalls ist das Thema der Cyberattacken in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Was wir dabei beobachten, ist wirklich ein europaweites Phänomen, und es betrifft eben auch häufiger kritische Infrastrukturen. Genaue Zahlen dazu sind allerdings schon deshalb problematisch, weil zum Beispiel viele Unternehmen solche Vorfälle nur sehr ungern oder gar nicht kommunizieren. Das Interesse an Veranstaltungen zur Cybersicherheit ist bei uns in der Handelskammer aber in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.
WAMS: Ein „hybrider“ Aggressor hat durch hybride Bedrohungen auch dann Vorteile, wenn er selbst gar nicht hinter einer bestimmten Tat steckt. Denn auch allgemeine Verunsicherung wirkt ja eher schwächend auf Gesellschaft und Wirtschaft.
Heyne: Ja, absolut. Es ist ja auch Teil der hybriden Aggression, ständig Unsicherheit bei einem bestimmten Gegner zu schüren. Dieser Effekt ist auch rund um den Stromausfall in Berlin zu beobachten.
WAMS: Teilen Unternehmen ihre Erfahrungen und Erfolge durch verbesserte Sicherheitskonzepte in der Handelskammer untereinander?
Heyne: Das tun sie. Wir haben viele Informationsangebote, Beratungsbedarfe und auch Austauschformate für Firmen darüber, wie sie ihre entsprechenden Krisenpläne implementieren – und welche Bedarfe sie noch haben. Die Lehren aus dem Beginn der Pandemie helfen da auch. Wir haben jetzt nicht nur den neu entwickelten Leitfaden, sondern auch Austauschplattformen von Arbeitskreisen und Veranstaltungen. Und wir kommunizieren intensiv mit dem Landeskommando Hamburg der Bundeswehr. Die Manöver Red Storm Alpha und Red Storm Bravo 2024 und 2025 waren im Kern ja Stresstests, bei denen überprüft wurde, wie gut und effektiv die Armee, die städtischen Verwaltungen und eben auch die Wirtschaft miteinander kooperieren. Viele Unternehmen, auch wir als Handelskammer, werden Red Storm Charlie in diesem Jahr aktiv begleiten. Es geht um die Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Bundeswehr, Verwaltungen und vielen Beteiligten aus der Zivilgesellschaft. Diese Schnittstellen müssen weiter gestärkt werden. Und das funktioniert in Hamburg gut.
WAMS: Die Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr betreibt Rüstungs- und Sicherheitsforschung, die „zivilen“ Hochschulen wie die Universität Hamburg oder die Technische Universität hingegen wollen mit diesen Themen möglichst wenig zu tun haben. Wie ordnen Sie das ein?
Heyne: Die Diskussion finde ich ein wenig seltsam, wenn sie nach dem Motto, „Wissenschaft muss der Friedenssicherung dienen“ geführt wird. Denn das ist auch der Auftrag an die Bundeswehr. Und Wissenschaftler haben eine riesige Aufgabe, damit wir die notwendige Verteidigungsfähigkeit zur Friedenssicherung schaffen und erhalten können. Für sogenannte „Zivilklauseln“ in Universitäten, die Rüstungsforschung einschränken oder ausschließen, gibt es keine gesetzliche Vorschrift. Es gibt dazu berechtigte Diskussionen, ob sie mit dem im Grundgesetz verankerten Grundsatz von Freiheit und von Forschung und Lehre vereinbar sind. Aus meiner Sicht kommt dieser Forschung nicht nur mit Blick auf die Entwicklung der Sicherheitslage eine besondere Bedeutung zu, sie hat auch einen zentralen volkswirtschaftlichen Aspekt.
WAMS: Welcher wäre das?
Heyne: Branchen wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau verlieren derzeit in hohem Maße Arbeitsplätze. Allein mit den enormen staatlichen Investitionen in die Herstellung von rüstungs- und verteidigungsrelevanten Gütern, wie es derzeit häufig heißt, ließen sich diese Verluste aber nicht ausgleichen. Denn der Wertschöpfungsfaktor für unsere Volkswirtschaft ist ein ganz anderer: Eine neue Maschine etwa dient der Herstellung neuer Produkte, die den Wirtschaftskreislauf weiter ankurbelt. Rüstungsgüter dienen der Abschreckung und kommen, wenn sie diese Funktion erfüllen, hoffentlich gar nicht zum Einsatz. Für die wirtschaftliche Zukunft unseres Standorts sind daher „Dual-Use“-Güter besonders interessant, die für unsere Sicherheit, aber auch in zivilen Bereichen genutzt werden können. . Mit einer intelligenten Steigerung der Verteidigungsfähigkeit lässt sich auch ein wachsender „ziviler“ Nutzen für die Volkswirtschaft erreichen. Gerade in Hamburg haben wir dafür ein enormes Potenzial, nicht nur mit der Industrie und der Wirtschaft vor Ort insgesamt, sondern auch mit den Möglichkeiten der Grundlagenforschung etwa am Röntgenlaser-Zentrum Desy – oder eben auch mit hoch spezialisierten Fachbereichen wie etwa dem Schiffbau an der Technischen Universität.
WAMS: Welches Potenzial sieht die Handelskammer speziell für das Wachstum der Rüstungswirtschaft in Hamburg? Deutschlands größter Rüstungskonzern Rheinmetall will dieses Jahr von Lürssen dessen Marinesparte NVL übernehmen, zu der auch die Hamburger Werften Blohm+Voss und Norderwerft gehören.
Heyne: Viele Unternehmen haben viele Jahre lang nur sehr diskret kommuniziert, dass sie auch oder überwiegend Produkte und Dienstleistungen für die Rüstungswirtschaft herstellen, die Datenlage ist in diesem Bereich daher noch sehr gering. Wir haben eine Liste mit rund 100 Unternehmen, die in Hamburg aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie kommen. Wir sprechen mit diesen Unternehmen darüber, was sie brauchen, etwa an besseren Zugängen zu staatlichen Aufträgen, aber auch an Flächen, Hilfen bei Genehmigungsverfahren oder engerer Vernetzung mit Forschung und Wissenschaft. Das Potenzial ist da. Wir haben die Wissenschaftsträger und eine große unternehmerische Kompetenz in der Stadt und in der Metropolregion. Es wäre wichtig, dass wir uns dazu bekennen und sagen, das wollen wir auch wirklich haben.
WAMS: Das Tempo von disruptiven und riskanten Entwicklungen nimmt derzeit zu, nicht zuletzt durch eine offensivere und aggressivere Politik der USA. Können sich die Unternehmen mit ihrer Reaktionsgeschwindigkeit darauf eigentlich noch einstellen?
Heyne: Die Flexibilität von Unternehmen hängt maßgeblich von ihren Prioritäten ab. Aktuell verändert sich das wirtschaftliche Umfeld rasant – etwa durch neue US-Zölle oder durch das EU-Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten. Gerade für die vielen Außenhandelsunternehmen in Hamburg bedeutet das: Sie müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit kontinuierlich überprüfen. Zusätzlich sehen sich diese Unternehmen mit einer wachsenden bürokratischen Belastung konfrontiert. Das Ergebnis des Hamburger Volksentscheids zur Klimaneutralität bis 2040 hilft da zum Beispiel vielen Unternehmen nicht. All dies geschieht vor dem Hintergrund einer zunehmend instabilen geopolitischen Lage. Die Handelskammer unterstützt die Unternehmen in diesem anspruchsvollen Umfeld aktiv durch Beratungen und Veranstaltungen, die Orientierung bieten.
WAMS: Die Erneuerung der Infrastruktur ist eines der großen Themen in Deutschland. Wachsende Kritik gibt es daran, dass viel Geld aus dem insgesamt 500 Milliarden Euro Schulden umfassenden „Sondervermögen“ für die Infrastruktur von der Bundesregierung gar nicht dafür genutzt wird, sondern für laufende Ausgaben.
Heyne: Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft dokumentiert das leider schwarz auf weiß. Etwa die Hälfte des Sondervermögens wird bislang anders genutzt. Das ist fatal und muss korrigiert werden. Dieses Sondervermögen muss zwingend investiv genutzt werden und unsere Infrastruktur nach vorn bringen.
WAMS: Rund 100 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen für die Infrastruktur sollen die Länder selbst investieren. Wie ist die Situation in Hamburg?
Heyne: Wir setzen natürlich darauf, dass die 2,7 Milliarden Euro, die Hamburg aus diesen 100 Milliarden Euro bekommt, auch wirklich zusätzlich und investiv genutzt werden, für die Infrastruktur und Projekte zu deren Schutz.
WAMS: Bremerhaven bekommt vom Bund 1,35 Milliarden Euro, um den für die Nato besonders wichtigen Hafen zu ertüchtigen. In Hamburg hörte man dazu auch die etwas neidisch anmutende Frage, warum der Bund nicht auch in den größten deutschen Seehafen stärker investiert.
Heyne: Die deutschen Seehäfen insgesamt haben eine überragende Bedeutung für den Außenhandel, für die Versorgung und auch für die militärische Sicherheit. Die 1,35 Milliarden Euro des Bundes für Bremerhaven sind gut investiert. Der Bund muss aber natürlich endlich auch der Bedeutung des Hamburger Hafens angemessen Rechnung tragen. Rund zwei Drittel des gesamten seeseitigen deutschen Außenhandels laufen über die deutschen Seehäfen, davon etwa die Hälfte über Hamburg. Nötig ist also auch eine umfassende Investitionsoffensive des Bundes in „Deutschlands Tor zur Welt“. Darüber hinaus muss auch grundsätzlich die jährliche Unterstützung der deutschen Seehäfen durch den Bund von insgesamt derzeit 38 Millionen Euro auf dauerhaft 500 Millionen Euro steigen, damit wir nie wieder einen solchen Investitionsstau bei der seeseitigen Infrastruktur erleben.
Seit 2020 ist Malte Heyne, 46, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, die rund 180.000 Unternehmen vertritt. Der promovierte Volkswirtschaftler arbeitete zunächst von 2007 bis 2014 für die Handelskammer, dann als Geschäftsführer für die IHK Nord, das Netzwerk zwölf norddeutscher Handelskammern.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit langer Zeit unter anderem über Häfen, Schifffahrt und Werften und auch über die Rüstungsindustrie und die Bundeswehr.
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