Als Donald Trump eine goldene Zukunft für Venezuela prophezeit, wirkt ein Mann im East Room des Weißen Hauses wenig beeindruckt. Es ist Darren Woods, der Chef von ExxonMobil, dem größten privaten Ölkonzern der Erde.
Der 60-Jährige ist der mächtigste der zwei Dutzend Topmanager, die eine Woche nach der Absetzung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro nach Washington gekommen sind, um sich von Trump informieren zu lassen, wie ein Einstieg ins venezolanische Öl-Business aussehen könnte. „Wir machen einen Deal mit den Firmen, die einsteigen wollen“, sagt Trump. „Das machen wir gleich heute oder jedenfalls sehr bald.“
ExxonMobil-Chef Woods hat es weniger eilig. „All unsere Investments sind auf Jahrzehnte ausgerichtet. Wir haben kein kurzfristiges Mindset“, sagt er zu Trump. Das gilt in seinen Augen erst recht für Venezuela: „Wir waren seit den 1940er-Jahren in Venezuela, und wir wurden dort schon zweimal enteignet. Bevor wir dort wieder reingehen, müsste es einige sehr grundsätzliche Veränderungen geben.“ Aktuell sei Venezuela „nicht investierbar“.
Die USA beanspruchen seit einer Woche die Kontrolle über die politische Zukunft des lateinamerikanischen Landes – aber der globale Kampf ums Öl hat eine mehr als hundertjährige Geschichte. Eine lange Zeit, in der die Ölkonzerne lernen mussten, dass ihr Schicksal immer eng mit der politischen Lage in den Ländern mit großen Ölvorkommen verbunden ist.
„Keine Firma wird investieren, wenn es ein hohes Risiko der Enteignung gibt“, erklärt Ed Crooks, Amerika-Experte bei der US-Energieberatungsfirma Wood Mackenzie. Die US-Regierung habe Garantien ins Spiel gebracht. „Aber bis jetzt sind zu diesen Zusagen noch keine Details bekannt geworden.“
Im Kampf um die Macht über das Öl haben die Konzerne oft Milliardeninvestitionen verloren, weil sich die politische Lage änderte. Auch in Venezuela. Der US-Ölkonzern ConocoPhillips musste nach eigenen Angaben Investments von rund 12 Milliarden Dollar abschreiben, als Venezuela im Jahr 2007 letztmals unter Maduro-Vorgänger Hugo Chávez seine Ölindustrie verstaatlichte.
Stets ist die Machtverteilung beim Öl ein Spiegel der Kräfteverhältnisse auf der Erde. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelte sich im Öl-Business die globale Dominanz der westlichen Industriestaaten.
Mit den „Seven Sisters“ dominierten sieben private Konzerne den Sektor – Exxon, Mobil, Chevron, Texaco, Gulf, BP und Shell. In kolonialen oder quasi-kolonialen Strukturen förderten sie Öl in Nordafrika, dem Nahen Osten oder Lateinamerika. Die Gewinne flossen dank einseitiger Verträge an westliche Konzerne und Regierungen.
Ab den 1960er-Jahren erwachte im Zuge der antikolonialen Bewegungen das Selbstbewusstsein der Petrostaaten. Als Antwort auf die Übermacht der „Seven Sisters“ gründete sich im Jahr 1960 die OPEC. In den 1970er-Jahren verstaatlichten fast alle großen Ölstaaten ihre Vorkommen: Algerien über Libyen, Irak und Saudi-Arabien, Iran und Venezuela. Die internationalen Ölkonzerne verloren die direkte Kontrolle über Fördermengen, Preise und Infrastruktur.
Die Staatskonzerne wurden zu Machtinstrumenten der Petrostaaten. Westliche Ölkonzerne zogen sich vielerorts vollständig zurück oder gingen in die Rolle von Minderheitseignern, oft in Joint Ventures. Sie brachten technisches Know-how ein, das die Förderländer brauchten.
Aramco und PVDSA – Erfolge und Niedergang
Unter den neuen Staatskonzernen gelten manche als Erfolgsgeschichten wie Aramco in Saudi-Arabien, heute der weltgrößte Ölkonzern. In anderen Fällen, etwa bei der venezolanischen PDVSA, führte die Verstaatlichung zu Misswirtschaft und zum Niedergang der heimischen Ölindustrie.
Der aktuelle Griff der USA nach Venezuela ist der jüngste von zahlreichen Versuchen in der Geschichte, die Kontrolle über verstaatlichtes Öl zurückzuerlangen. Eine erste spektakuläre Episode ereignete sich 1953 im Iran, als die CIA und der britische Geheimdienst MI6 den charismatischen Premierminister Mohammad Mossadegh in einer Geheimoperation absetzten.
Mossadegh hatte zwei Jahre zuvor die britische Anglo-Iranian Oil Company verstaatlicht, einen Vorläufer der britischen BP. Die Kontrolle über die iranische Ölindustrie gelangte nach dem Geheimdienst-Coup wieder in die Hände des Westens, bevor im Zuge der Islamischen Revolution 1979 das iranische Öl dauerhaft verstaatlicht wurde.
Seither hängen die meisten Versuche der Reprivatisierung staatlicher Ölindustrien mit dem Sturz von Diktaturen zusammen – ähnlich wie im aktuellen US-Szenario für Venezuela. Ein Beispiel dafür ist die US-Invasion im Irak im Jahr 2003 und der Sturz von Diktator Saddam Hussein.
Im Zuge des Einmarsches sollten US-Firmen Konzessionen für den Wiederaufbau der maroden irakischen Ölindustrie erhalten. Was im Handstreich gelingen sollte, zog sich über zwei Jahrzehnte hin: Das Land versank für fast ein Jahrzehnt im politischen Chaos, die Fördermengen gingen sogar zurück. Erst Mitte der 2010er-Jahre erholte sich der Irak. Heute fördert er doppelt so viel Öl wie 2003.
Auch in Libyen zerfielen die staatlichen Strukturen nach dem Sturz des Diktators Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011. Das Land ist bis heute zersplittert und im politischen Chaos versunken. Die Fördermengen brachen zeitweise auf ein Drittel der Gaddafi-Zeit ein und erreichen auch heute nicht das Niveau der Zeit vor 2011.
Putins Verstaatlichungs-Posse
In Russland wiederum wurde die Ölindustrie nach dem Ende der Sowjetdiktatur in den 1990er-Jahren in einem chaotischen Prozess privatisiert. Wenige Oligarchen sicherten sich die staatlichen Ölkonzerne zu Spottpreisen – oft in manipulierten Auktionen. Wladimir Putin brachte die Ölwirtschaft später wieder in staatliche Hand – und ließ es sich dabei nicht nehmen, ähnliche Auktionen zu nutzen.
So wurde der größte private Ölkonzern Yukos von Michail Chodorkowski in einer angeblich fairen, für alle offenen Auktion an eine völlig unbekannte Firma verkauft. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine staatliche Tarnfirma handelte, die Yukos nur wenige Tage später an den staatlichen Rosneft-Konzern weiterreichte.
Die Chefs der Ölkonzerne, die am Freitag mit Donald Trump im Weißen Haus sitzen, dürften viele dieser Episoden kennen – waren es doch ihre Firmen, die über die Jahrzehnte durch politische Turbulenzen reich wurden, aber auch immer wieder viel Geld verloren.
ExxonMobil-Chef Woods erklärt Donald Trump im Weißen Haus, jedes Investment basiere auf einem Win-Win-Win-Szenario. Seine Firma habe nur dann „eine stabile Plattform für große Investments“, wenn auch Bevölkerung und Regierung des Ziellandes profitierten. Sprich: Nur dann droht keine Re-Nationalisierung.
Trump will schnelle Zusagen
Noch sei aber unklar, wie die Bevölkerung und eine mögliche künftige venezolanische Regierung einen Einstieg von ExxonMobil sehen würden. Für Donald Trump ist derweil längst klar, dass Venezuelas Bevölkerung profitieren werde. Und was die Regierung angeht: „Sie verhandeln direkt mit uns und haben überhaupt nichts mit Venezuela zu tun“, sagt er an die Ölmanager gewandt. „Wir wollen nicht, dass Sie mit Venezuela verhandeln.“
Das dürfte die Konzernlenker nicht völlig beruhigen. Für die Firmen ist es vor allem essenziell, dass die US-Regierung eine langfristige Unterstützung garantiere, analysiert Wood-Mackenzie-Experte Crooks. „Sie müssen sicher sein, dass die Unterstützung auch dann fortgesetzt wird, wenn eine neue Regierung in den USA an die Macht kommt oder sich die Mehrheiten im US-Kongress ändern.“
Donald Trump aber will jetzt die Zusagen der Unternehmen. „Wie schnell könnt Ihr rein?“, fragt er plötzlich ExxonMobil-Chef Woods. Der Ölmanager will sich nicht festlegen, zu viel sei noch offen. Ein „erstes Sondierungsteam“ könne schon „in den nächsten paar Wochen vor Ort sein“, sagt er schließlich. Trump überhört die Einschränkung, dass es sich nur um einen ersten Vortrupp handeln würde. „Genau das brauchen wir“, sagt er triumphierend. „Tempo und Qualität.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke