Zugausfälle und verärgerte Fahrgäste an den Bahnsteigen: Beim letzten Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) im Jahr 2024 waren Hunderttausende Reisende betroffen. Am Ende konnten sich die Deutsche Bahn (DB) und GDL nach monatelanger Verhandlung doch auf einen Tarif einigen: weniger Arbeitszeit für den Schichtdienst, Inflationsausgleich und mehr Lohn.
Die Gewerkschaft verbuchte die Verhandlungen als vermeintlichen Gewinn. Doch wie immer gilt: Ist der eine Tarifstreit beigelegt, folgt bald der nächste. Ab Donnerstag verhandeln die Vertreter von DB und GDL erneut über höhere Löhne für die Belegschaft. Müssen sich Bahnfahrer also bald wieder auf Streiks einstellen?
Im Vergleich zu den vergangenen Tarifverhandlungen gibt es bereits eine große Veränderung. Der jahrelange Gewerkschaftschef Claus Weselsky wird sich nicht mehr federführend mit dem Bahnkonzern auseinandersetzen. Für viele Gewerkschafter war er ein Kämpfer für die Interessen der Arbeitnehmer. Für manche Pendler und Bahnreisende war er der „Streik-Mann“, der den Zugverkehr lahmlegte.
Keinen Weselsky 2.0 erwarten
Nach 16 Jahren gab Weselsky 2024 seinen Posten an seinen Stellvertreter Mario Reiß ab. Ob er ähnlich streitlustig wie Weselsky auftreten wird? „Auf diesen Erfahrungsschatz nicht gelegentlich zurückzugreifen, wäre weder klug noch verantwortungsvoll“, sagt er. Einen Weselsky 2.0 könne man jedoch nicht erwarten. „Ich bin eine Person mit einer eigenen und vielleicht ungewohnten Herangehensweise“, so Reiß.
Was sich bereits zeigt: Der Ton vor den Verhandlungen ist deutlich harmonischer als zuletzt. Und auch bei den Lohnforderungen gibt sich die Gewerkschaft gemäßigter als noch in vergangenen Tarifrunden. Für seine Gewerkschaftsmitglieder fordert Reiß insgesamt acht Prozent mehr Geld – davon mindestens 3,8 Prozent als Entgelterhöhung mit einer Laufzeit von zwölf Monaten.
Außerdem sollen etwa eine neue Entgeltstufe für Mitarbeiter mit mindestens 35 Berufsjahren eingeführt und die Vergütung von Prüfern und Ausbildern verbessert werden. Ein Lokführer verdient laut Bahn im Schnitt inklusive Zulagen im Schichtbetrieb rund 55.700 Euro im Jahr oder 4600 Euro im Monat.
„Ziel ist es, das Entgeltsystem insgesamt leistungsgerechter zu gestalten, Berufserfahrung und Betriebstreue stärker zu honorieren und langfristige Perspektiven zu verbessern“, erklärt der GDL-Chef. Die Mitarbeiter seien die Ersten, die von den DB-Kunden den Frust zu spüren bekommen. Bei der Bahn sind zwischen Januar und Oktober 2025 jeden Tag fünf Beschäftigte angegriffen worden – die Zahl der Übergriffe steigt.
Über die Forderungen verhandeln wird Reiß ab Donnerstag mit Martin Seiler. Der DB-Vorstand ist seit 2018 für das Personal verantwortlich. Seiler und Reiß kennen sich daher aus vergangenen Tarifrunden. Und auch Seiler gibt sich im Voraus äußerst friedlich: „Wir wollen mit ausgestreckter Hand in die Tarifverhandlungen gehen. Wir wollen konstruktive Verhandlungen“.
Die Mitarbeiter der DB würden Außergewöhnliches leisten und sollten dementsprechend gewürdigt werden. Zu den konkreten Forderungen der GDL hat sich die Bahn bisher jedoch nicht öffentlich geäußert.
Seit 2021 setzt die DB das Tarifeinheitsgesetz um. In jedem Betrieb gilt daher nur noch der Vertrag einer Gewerkschaft – und zwar der, mit den meisten Mitgliedern. Von den rund 300 Betrieben hat in nur 19 die GDL die Mehrheit. Das betrifft laut DB fünf Prozent aller Konzernmitarbeiter. Insgesamt seien das etwa 10.000 Beschäftigte in den Bereichen Lokfahrdienst, Zugbegleitdienst, Bordgastronomie, Rangierdienst, Zugvorbereitung, Disponenten und betriebsnahe Fahrzeuginstandhaltung.
Die Tarifeinheit bekämpft die GDL seit vielen Jahren. Sie fordert die Bahn dazu auf, das Gesetz nicht mehr anzuwenden. Das Thema ist ein Dauerbrenner und könnte auch in diesem Jahr einer der größeren Streitpunkte während der Verhandlungen werden.
Mit der starken Vertretung bei den Lokführern besitzt die GDL einen wichtigen Hebel, um die Forderungen durchzusetzen. Kommt es zu Streiks, bleiben die Züge stehen. Die daraus resultierenden Ausfälle und Ticketerstattungen könnten Millioneneinbußen für die DB bedeuten. Ob es dazu jedoch kommt, hänge laut Reiß davon ab, „wie ernsthaft und konstruktiv die Deutsche Bahn in der Verhandlungsphase auf die Gesamtheit unserer Forderungen eingeht“.
Keine Streiks im Januar und Februar
Es ist auch die erste GDL-Tarifrunde unter der neuen Bahnchefin Evelyn Palla. Sie hat 2026 zum Jahr des Umbaus ausgerufen. Die Strukturen sollen schlanker und schneller werden. Denn die Pünktlichkeit ist auf einem Tiefststand. 2025 kamen nur 60,1 Prozent der Fernverkehrszüge planmäßig an. Das System Eisenbahn ist durch Baustellen, marode Strecken und technische Probleme überfordert – und das bereits ohne Streiks.
Um Ausstände zu verhindern, wurde den Verhandlungen in diesem Jahr viel Zeit eingeräumt. Insgesamt sind 14 Verhandlungstage in Berlin vorgesehen. Der letzte findet am 27. Februar statt. Während dieser Zeit gilt eine Friedenspflicht. Heißt: Im Januar und Februar kann es zu keinen Streiks kommen. „Die DB muss jetzt entscheiden, ob sie diese Zeit zu ihren Gunsten nutzt“, sagt Reiß.
Sollte es bis Ende Februar kein Ergebnis geben, könnte ein Schlichtungsverfahren eingeleitet werden. Dabei wird externe Hilfe bei den Verhandlungen eingeschaltet. Folgt auch hier keine Einigung, bleibt der GDL das letzte und bekannte Mittel: der Arbeitskampf. Zu Streiks könnte es daher frühestens Ende März kommen – pünktlich zu den Osterferien.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Klemens Handke ist Wirtschaftsredakteur. Er schreibt über Verkehrspolitik und die Deutsche Bahn.
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