In den kommenden Tagen wird das Internet wieder von allerlei Technik und Gadgets überflutet. Laptops mit ausrollbaren Displays, Kopfhörer, die beim Tragen Hirnströme messen, bis hin zu fliegenden Saugrobotern, Supercars und KI-gestützten Beamern – all das wird ab Dienstag offiziell auf der Consumer Electronics Show, kurz CES, zu sehen sein.
Die Technik-Messe ist ein Event der Superlative: Über 3500 internationale Aussteller kommen laut dem Veranstalter und stellen auf hunderttausenden Quadratmetern Ausstellungsfläche in der ganzen Stadt verteilt ihre neuen Produkte, Technologien und Innovationen vor. Im vergangenen Jahr zog es deshalb über 140.000 Fachbesucher nach Las Vegas. In diesem Jahr werden etwas mehr erwartet.
Ein großer Schwerpunkt sind dabei traditionell Smart-Home-Geräte und Unterhaltungselektronik, aber auch Gesundheitstechnik steht im Fokus. Riesen wie Samsung, LG, Lenovo und Co. stellen dabei ihre Neuerungen vor. Drumherum tummeln sich aber eine schier unendliche Zahl kleiner Hersteller und Start-ups auf der Messe, die ihre teils ausgefallenen Produktideen und Prototypen ins Medienrampenlicht rücken. Eines der beliebtesten Produkte des vergangenen Jahres etwa war ein Roboter-Hund, der einem echten Golden-Retriever-Welpen vom Aussehen her recht nahekam – inklusive Fell und Knopfaugen.
Humanoide Roboter im Anmarsch
Vor allem aber markieren die Branchen-Riesen ihr Revier und stellen Produktneuheiten vor – teilweise in der Innenstadt von Las Vegas pompös in Szene gesetzt, wie etwa bei Lenovo, die gleich den spektakulären Sphere gebucht haben. Kernthema ist dabei, wie schon in den vergangenen Jahren, natürlich künstliche Intelligenz. Entsprechend sind auch Chiphersteller in Person von Nvidia-CEO Jensen Huang oder AMD-Chefin Lisa Su wieder mit Auftritten dran. Aber dieses Jahr hat sich der Schwerpunkt merklich in Richtung Robotik verschoben – und alles, was mit physischer KI zu tun hat.
Dazu gehören verschiedene Anwendungen wie industrielle KI-Nutzung, die beispielsweise bei einer großen Keynote von Siemens-CEO Roland Busch im Zentrum stehen dürfte, aber auch humanoide Roboter. Schon über das vergangene Jahr verteilt hatten Unternehmen wie Tesla und Xpeng hier auf Demo-Vorstellungen gesetzt. Nun hat LG auf der Messe seinen humanoiden Haushaltsroboter CLOiD im Gepäck, der dem Unternehmen zufolge „eine Vielzahl von Aufgaben im Haushalt“ übernehmen können soll. Welche genau, das war bislang unklar – LG betont allerdings die Vision eines „arbeitsfreien Haushalts“.
Zu einem Höhepunkt könnte auch eine Pressekonferenz von Hyundai werden. Dem Autobauer gehört seit 2021 der Robotik-Pionier Boston Dynamics. Der hatte in der Vergangenheit mit seinen Hunde-Robotern BigDog und Spot für Aufsehen gesorgt und will auf der CES nun die neue Version seines humanoiden Roboters Atlas vorstellen, der langfristig unter anderem bei Industrieanwendungen helfen soll.
„Die CES 2026 wird spannend, optimistisch und wichtig sein, weil sie zeigen wird, welche Stärke KI hat, um einige der größten Probleme der Welt zu lösen“, meint Gary Shapiro. Der 69-Jährige ist seit langen Jahren Chef des US-Branchenverbandes CTA, der rund 1500 Unternehmen vertritt – neben den Tech-Größen auch zu 80 Prozent mittelständische Unternehmen und Start-ups.
Die Branche benötigt Innovationen und gute Aussichten für 2025. Denn mit der Trump-Regierung kam zwar eine große Offenheit gegenüber den Angelegenheiten der Unternehmen und für Innovation – vor allem bei den Themen KI, Quantencomputing und autonomes Fahren, wie Shapiro im Gespräch mit WELT erklärt. „Trump schätzt Technologie und deren Potenzial für die USA und die Welt“, sagt Shapiro.
Zoll-Unsicherheit belastete die Branche
Aber es kam auch das Thema Zölle. Und damit nicht nur höhere Kosten für die Branche, sondern auch eine monatelange Unsicherheit für Unternehmen. Shapiro sagt im Gespräch mit WELT, Trump habe recht, dass Handelsbedingungen oft nicht symmetrisch seien, weil viele Märkte besser geschützt seien als die USA. „Aber insgesamt sind Zölle aus unserer Sicht schädlich, weil sie Unsicherheit schaffen“, sagt der Verbandschef. „CEOs müssen ständig neue Szenarien durchspielen, statt sich auf Innovation zu konzentrieren. Und die Zahl der Eingriffe ist enorm.“
Die Unsicherheit ist dabei genau genommen immer noch nicht vorbei – obwohl die Deals mit der EU und China nach langen Verhandlungen erst einmal festgezurrt scheinen. Einerseits, weil auch der Militärschlag der USA gegen Venezuela gezeigt hat, wie fragil geopolitische Grundannahmen mittlerweile geworden sind; andererseits, weil der CTA zusammen mit der US-Handelskammer die Rechtsgrundlage einiger US-Zölle angefochten hat. „Wir haben beim Supreme Court eingereicht, dass Trump nicht die Autorität hat, Zölle zu verhängen, da kein wirtschaftlicher Notstand vorliegt“, so Shapiro zur WELT.
Deutsche Autohersteller mit Sparprogramm
Positive Zahlen konnte Shapiro in Las Vegas trotz aller äußerer Widrigkeiten verkünden. Die Branche wird Projektionen des Verbandes zufolge im Jahr 2026 einen Umsatz von 565 Milliarden US-Dollar erzielen – ein Wachstum von 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Doch die Auswirkungen der wirtschaftlichen Unsicherheiten werden zunehmend sichtbar“, mahnte Shapiro, „da Unternehmen ihre vor den Zöllen aufgebauten Lagerbestände abbauen und mit schwierigen Kostenentscheidungen konfrontiert sind, während sie auf das Jahr 2026 zusteuern.“ Heißt im Klartext: Bei einigen könnten die Kosten durch Zölle im kommenden Jahr wirklich auf das Ergebnis drücken. Gerade kleinere Unternehmen seien betroffen.
Ähnlich hatte es 2025 schon die deutsche Autoindustrie erlebt. Allein die drei großen Hersteller zahlten in den ersten Quartalen dreistellige Millionenbeträge für Zollaufwendungen. Entsprechend sind die deutschen Unternehmen bei der diesjährigen CES nur mit Sparprogramm unterwegs – obwohl Mobilität und insbesondere autonomes Fahren weiter wichtige Themen auf der Messe sind.
Einzig Bosch hält eine große Pressekonferenz, auf der sie Lösungen für KI im Cockpit präsentieren werden – ein Geschäftsfeld, mit dem das Unternehmen 2,5 Milliarden Euro Umsatz machen will. Volkswagen und Mercedes haben nicht einmal einen eigenen Stand – und BMW präsentiert auf seinem Platz nur den iX3, der schon auf der Automesse IAA in München vorgestellt wurde. Dafür immerhin mit neuem Sprachassistenten im Gepäck, der zusätzlich zum BMW-Assistenten auf Amazon Alexa+ basiert und komplexere Fragen beantworten können soll. Größere Ankündigungen platziert man aktuell aber lieber woanders, wie das IAA-Feuerwerk im vergangenen September gezeigt hatte.
Trotz seiner mahnenden Worte rund um den Branchentrend-Ausblick zeigte sich Shapiro zuvor im Gespräch mit WELT auch optimistisch. Man könne nicht alles in den USA produzieren, das sei praktisch unmöglich und würde zu Inflation führen, so der CEO.
„Die aktuelle Nationalismus- und Produktionspolitik ist ein Extrem und das Pendel wird zurückschwingen“, zeigte er sich überzeugt. „Trump ist praktisch orientiert und ändert durchaus seine Meinung. Er wird den Wert von Allianzen und Handel erkennen.“ Und Shapiro warb dafür, die CES nicht nur unter der Politik-Brille zu betrachten. „Natürlich sind Politiker vor Ort. Aber die Unternehmen interessieren sich nicht für Politik, sondern fürs Geschäft.“
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und Business Insider erstellt.
Steffen Bosse ist Wirtschaftsredakteur und berichtet für WELT über alle Themen aus der Autoindustrie und der Beratungsbranche.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke