Russland hat zum ersten Mal seit Jahrzehnten vorübergehend keine Möglichkeit für bemannte Sojus-Raketenstarts. Die einzige Startrampe für Flüge zur Internationalen Raumstation ISS in Baikonur in Kasachstan wurde am Freitag beim Start der Mission MS-28 schwer beschädigt. Die Rakete hob am 27. November zwar plangemäß ab und die Kapsel mit der dreiköpfigen russisch-amerikanischen Crew koppelte erfolgreich an der ISS an. Beim Start zerstörte der Triebwerksstrahl der Rakete Sojus 2-1a aber eine tonnenschwere Servicestruktur unter der Plattform.
Die russische Raumfahrtagentur Roscosmos bestätigte Beschädigungen, spielt die Konsequenzen aber herunter. „Alle notwendigen Ersatzteile für die Wiederherstellung sind vorhanden, und die Schäden werden in Kürze behoben sein“, heißt es offiziell. Branchenexperten rechnen hingegen mit einem mehrmonatigen Ausfall. Sogar über eine bis zu zweijährige Pause wird spekuliert. „Das Ding ist groß, schwer und ziemlich einzigartig“, schreibt beispielsweise der russische Raumfahrtjournalist Anatoly Zak auf der Plattform X.
Womöglich könnten zur Reparatur Bauteile aus anderen Sojus-Startplätzen verwendet werden. So gibt es eine stillgelegte Anlage in Baikonur, Startrampen in Plessezk im Nordwesten Russlands, eine weitere Startrampe in Vostochny, nahe der Grenze zu China, und eine stillgelegte Startrampe in Kourou auf dem Weltraumbahnhof der Europäer in Französisch-Guayana.
Im Normalfall werden die Zugangsbrücken der Serviceplattform kurz vor dem Start eingeklappt und die Konstruktion bewegt sich auf Schienen in eine große Nische unterhalb der Startrampe. Eine spezielle Abschirmung soll die Konstruktion dann vor den Abgasen der Rakete beim Start schützen. Doch dieser Ablauf klappte nicht beim jüngsten Sojus-Start von der als Site 31 bezeichneten Startrampe.
Mit der Beschädigung der Servicestruktur mit der Bezeichnung 8U216 können jetzt keine Starts bemannter Sojus-Raketen, sowie mit der Versorgungskapsel Progress stattfinden. Als Nächstes war der Progress-Start MS-33 am 21. Dezember geplant. Er sollte für die ISS-Crew auch Weihnachtsgeschenke ins All bringen. Die Progress-Kapseln dienen nicht nur zum Transport von Lebensmittel, Wasser, Sauerstoff und Kleidung. Mit den Triebwerken und dem Treibstoff der Kapseln erfolgt auch das regelmäßige Anheben der ISS in der Erdumlaufbahn.
Womöglich muss jetzt der Raumfahrtkonzern SpaceX von Elon Musk mit seinen Dragon-Kapseln als Notlösung einspringen. Im September gab es einen ersten erfolgreichen Versuch, die ISS-Umlaufbahn mit Triebwerken einer Dragon-Kapsel zu korrigieren.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke