Stromspeicher sind ein entscheidendes Puzzleteil der Energiewende. Sie entlasten das Netz, wenn zu viel Strom vorhanden ist. Sie stellen Strom bereit, wenn er knapp ist. In beiden Fällen senken sie die Preise. Für die Betreiber ist das Geschäft lukrativ, die Interessenten stehen Schlange. Doch Deutschland leistet sich fast 900 verschiedene Netzbetreiber, die Genehmigung und Anschluss unterschiedlich regeln. Nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. In vielen Fällen blind. "Gerade auf der untersten Ebene wissen viele Netzbetreiber nicht, was passiert", sagt Speicherexpertin Katharina Johannsen im "Klima-Labor" von ntv. "Das System wurde nie digitalisiert." Das Ergebnis ist Chaos: Niemand weiß, welche Projekte umgesetzt werden.

ntv.de: Sie berichten von einem Kontrollverlust beim Batterieausbau. Wie schlimm ist die Lage auf einer Skala von 1 bis 10?

Katharina Johannsen: Das hängt vom Projektierer, den Behörden und den Bundesländern ab. Die größte Hürde sind die Netzbetreiber und die Baugenehmigungen. Ich sage: 5.

Wer ist für diesen Hype verantwortlich?

Viele unterschiedliche Player möchten in den Speichermarkt vordringen: einerseits traditionelle Unternehmen aus der Energiewirtschaft wie RWE oder Vattenfall, die ihr Solarportfolio ausgleichen möchten. Andererseits kommen Akteure aus dem Bereich der erneuerbaren Energien dazu. Die kennt man eher nicht, weil sie kein Endkundengeschäft haben, sondern nur die Solaranlagen bauen - und jetzt Speicher. Inzwischen möchten auch jene Unternehmen den deutschen Markt erschließen, die nur Speicher bauen und bisher eher im Ausland aktiv waren.

Weil der deutsche Markt lukrativer wird?

Ja, es gibt sehr viele Netzanschlussanfragen. Das Interesse ist riesig.

An welcher Stelle kommt es zum Kontrollverlust?

Früher haben die Kommunen Speicher problemlos als privilegierte Stromanlagen genehmigt. Durch die vielen Anfragen sorgen sich inzwischen einige, dass überall Speicher entstehen. Mit einem eigenen Bebauungsplan möchten sie die Kontrolle zurückgewinnen. Das erschwert aber die Genehmigungsverfahren.

Warum sind die Netzbetreiber eine große Hürde?

Weil es so viele gibt: Die vier großen Übertragungsnetzbetreiber Amprion, 50 Hertz, Tennet und TransnetBW sind für den Betrieb der riesigen Stromtrassen zuständig. Zusätzlich gibt es auf regionaler Ebene knapp 900 Verteilnetzbetreiber. Alle erhalten Netzanschlussanfragen, also: Darf ich bei Ihnen im Netz einen Speicher betreiben?

900?

Ja, salopp gesagt, hat jedes noch so kleine Dorf einen eigenen Verteilnetzbetreiber. Viele stehen den Anfragen offen gegenüber, aber selbst in diesen Fällen ist der Netzanschluss eine Herausforderung. Auf Nachfrage, wie der aktuelle Stand ist, erhält man manchmal monatelang keine Antwort. Speziell die kleinsten Netzbetreiber behandeln die Anfragen generell skeptisch, weil sie nicht wissen, wie sich die Speicher verhalten werden. Es gibt auch Beschwerden, wonach Anfragen einfach abgewiegelt werden oder der Speicher nur angeschlossen werden darf, wenn er zwischen 9 und 17 Uhr keinen Strom einspeist.

Was wird denn befürchtet? Energiespeicher schaden doch nicht.

Traditionell hatten wir in Deutschland viele große Kraftwerke. Die haben sich bei der Stromerzeugung am Verbrauch orientiert. Die erneuerbaren Energien variieren, aber auch dort weiß man mit einem guten Wettermodell bereits: Morgen erhalten wir soundsoviele Gigawatt Solar und soundsoviele Gigawatt Wind. Damit kann man planen. Speicher richten sich nicht nach dem Wetter, sondern nach Preisen.

Das ist doch der Vorteil: Speicher sind nicht von Sonnenschein und Wind abhängig.

Ja, aber in Deutschland gibt es nur eine riesige Strompreiszone. Und die Bedürfnisse des Strommarktes sind nicht dieselben wie die des Netzes. Es kann passieren, dass die Sonne scheint und der Verbrauch niedrig ist. Dann fallen die Strompreise und die Speicher werden aufgeladen. Die Sonne muss aber nicht in jeder Ecke Deutschlands scheinen. Dort ziehen die Speicher plötzlich Strom aus dem Netz, dann müssen die Netzbetreiber gegensteuern. Das Gegenteil kann auch passieren: Die Speicher speisen mittags ein, obwohl das Netz schon voll ist. Deshalb sorgen sich die Netzbetreiber um die Versorgungssicherheit.

Eine Technologie, die etwa in Kalifornien reibungslos funktioniert, bringt so viel Komplexität ins deutsche Stromsystem, dass kleinere Verteilnetzbetreiber sagen: oh nein, lieber nicht.

Alle wissen, dass Batteriespeicher enorm wichtig für das Stromsystem sind. Die Frage ist: Wie integriert man sie ins Netz? An der Stelle ist regulatorisch vieles unklar. Gerade auf den untersten Ebenen wissen viele Verteilnetzbetreiber auch nicht, was in ihrem Netz passiert. Die sind praktisch blind, weil das System nie digitalisiert wurde.

Hat man die Energiewende nicht kommen sehen?

Netzbetreiber sind natürliche Monopole ohne Wettbewerb und ohne Druck. Regulatorische Daumenschrauben hätten wahrscheinlich geholfen.

Auch jetzt noch?

Die Speicher haben es in den Koalitionsvertrag geschafft, das ist ein wichtiger Schritt. Diesen Hype gibt es allerdings, weil die erneuerbaren Energien sehr volatil sind. Deswegen sieht man am Markt innerhalb eines Tages große Preisunterschiede. Am Mittag ist der Strom vielleicht kostenlos, am Abend kostet die Megawattstunde 200 Euro, also 20 Cent die Kilowattstunde.

Wenn man das E-Auto und den Speicher am Mittag lädt, spart man Geld und stabilisiert gleichzeitig das Netz, weil man überschüssigen Strom abnimmt.

Das wäre toll, ist für Heimspeicher aber komplizierter als für Großspeicher von Handelsunternehmen. Generell gibt es zu wenig Anreize, beim Laden und Verbrauchen flexibel zu sein. Deswegen diskutiert die Bundesnetzagentur flexible Netzentgelte. Eine andere Option ist, dass in Zukunft auch Speicher Netzentgelte zahlen, um Markt und Netz zu vereinen. Auf jeden Fall muss eine Lösung für den Nord-Süd-Engpass her: Jedes Mal, wenn im Norden viel Windstrom erzeugt wird, möchten Speicher in Süddeutschland aufgeladen werden - und man muss noch mehr Strom als ohnehin schon nach Süden transportieren.

Der Engpass wird noch größer und man muss immer mehr Stromtrassen bauen?

Ja. Es ist aber nicht alles schlecht. Allein 50 Hertz hat 12 Gigawatt an Batteriespeichern bereits eine Anschlusszusage erteilt. Das ist viel.

Was ist denn das größte Problem aktuell?

Nahezu alle Akteure sind sich einig, dass das Netzanschlussverfahren eine Reform benötigt. Derzeit beantragen Projektierer bei mehreren Netzbetreibern einen Anschluss, obwohl es nur um einen Speicher geht. Diese Anfragen sind nicht einmal einheitlich, weil jeder Netzbetreiber sein Verfahren selbst bestimmt. Dazu kommen Preisunterschiede. Im vergangenen Oktober hatten allein die großen Übertragungsnetzbetreiber Netzanschlussanfragen über 161 Gigawatt. Inzwischen sind es 200 bis 300 Gigawatt.

Die wünschen sich alle einen Netzanschluss?

Ja. Die deutsche Spitzenlast liegt bei 80 Gigawatt. Es gibt also viel mehr Speicheranfragen, als wir Strom verbrauchen. Das wird sich niemals rentieren, Batterien kannibalisieren sich: Bereits die zweite verdient weniger als die erste. So viele Speicher brauchen wir nicht und so viele werden auch nicht gebaut. Aber niemand weiß, welche Projekte tatsächlich umgesetzt werden.

Das sind allerdings schon ernsthafte Anfragen?

Das ist schwierig zu beurteilen. Die Netzbetreiber sagen, dass manche Projektierer bis zu zehn Anträge pro Projekt stellen. Das liegt auch am Windhundprinzip: Die Netzbetreiber müssen die Anfragen nacheinander abarbeiten.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst? Das klingt nach Anarchie …

Es würde enorm helfen, wenn die Netzbetreiber die Anfragen gebündelt entscheiden könnten: Für dieses Projekt gibt es zehn Anfragen, weil zehn Standorte infrage kommen. Hier passt es gut hin, Zuschlag erteilt. Die anderen neun Anfragen sind damit abgelehnt. Man könnte beliebte Standorte wie Umspannwerke auch einfach ausschreiben und die Anfragen so bündeln.

Laufen wir Gefahr, die Energiewende auszubremsen? Prinzipiell werden die Speicher doch dringend benötigt.

Jeder Speicher, der hinzukommt, ist gut. Die Behörden und die Netzbetreiber müssen aber in die Pötte kommen und dafür sorgen, dass die Abläufe besser werden und es schneller geht. Ich bin ein positiver Mensch. Ich gehe davon aus, dass es klappen wird.

Mit Katharina Johannsen sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Klima-Labor" anhören.

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