Nachmittag in der Münchner Innenstadt. Seit frühmorgens behandelt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in seiner Praxis Patienten. Mit 84 Jahren ist er weiterhin mindestens fünf Tage pro Woche hier, oft bis in den Abend hinein. Nach Hause geht der gebürtige Ostfriese zu Fuß. Immer wieder bitten ihn Menschen um Selfies, auch internationale Touristen. Müller-Wohlfahrt ist einer der bekanntesten Sportmediziner der Welt. Bei Sky erschien gerade eine Dokumentation über den einstigen Teamarzt des FC Bayern und der Fußball-Nationalmannschaft: „Der Arzt der Champions.“
WELT AM SONNTAG: Dr. Müller-Wohlfahrt, im Rahmen der Arbeit an der Dokumentation haben Sie Ihr bisheriges Leben reflektiert. Was war Ihr schwierigster Moment?
Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Ich wurde 1942 in Leerhafe während eines Bombenangriffes geboren, die Entbindung musste notgedrungen auf dem Küchentisch erfolgen. In Leerhafe habe ich eine wohlbehütete Kindheit und Jugend erlebt, wofür ich sehr dankbar bin. Später im Berufsleben gab es allerdings eine sehr schwierige Phase. Man wollte mir meine Zulassung entziehen und damit meine Existenz vernichten.
WAMS: Weshalb?
Müller-Wohlfahrt: Ich habe, so meine ich, eine hervorragende schulmedizinische Ausbildung erfahren. Als praktizierender Sportorthopäde musste ich dann aber früh erfahren, dass die Schulmedizin bei Sportverletzungen ihre Grenzen hat. Ich habe daraufhin Ende der 70er-Jahre damit begonnen, eine alternative Sportorthopädie zu entwickeln und den Patienten ganzheitlich zu sehen. Diese wurde zunächst von nur wenigen verstanden. Auf einem internationalen Kongress in den 80er Jahren in Baden-Baden hielt ich einen Vortrag über meine Diagnostik und Behandlung von Muskelverletzungen. Der Leiter des Kongresses sagte danach zum Auditorium: „Wir müssen dafür sorgen, dass man diesem Mann die Zulassung entzieht.“ Das war der absolute Tiefpunkt.
WAMS: Was taten Sie?
Müller-Wohlfahrt: Stephen Roche, irischer Tour-de-France-Sieger, sagte mir: „Doc, mach dir keine Sorgen, die Sportler stimmen mit den Füßen ab. Sie gehen dahin, wo ihnen geholfen wird. Wir stehen zu dir, wir, die Topsportler der Welt.“ Ich habe folglich meine Alternativmedizin weiterentwickelt. Reine Empirie, also rein auf Erfahrung beruhende Sportorthopädie und hier in erster Linie die Muskeldiagnostik. Heute ist die Münchener Klassifikation von Muskelverletzungen Standard beim europäischen Fußball-Verband Uefa.
WAMS: Ihr Serum mit ultrafiltriertem Kälberblut Actovegin war zunächst umstritten.
Müller-Wohlfahrt: Heute ist es absolut anerkannt und wissenschaftlich getestet. Es konnte gezeigt werden, dass es entzündungshemmend und heilungsfördernd wirkt. Mir ist dabei sehr wichtig: Actovegin ist absolut nebenwirkungsfrei. Ich habe, obwohl ich es nahezu bei jedem Patienten anwende, in 50 Jahren nicht die geringste Nebenwirkung gesehen.
WAMS: Sie haben unzählige Patienten und Topsportler behandelt. Was sind Ihre wichtigsten Grundsätze für Ihre berufliche Tätigkeit und für ein gesundes Leben?
Müller-Wohlfahrt: Liebe zu den Menschen und zum Sport. Leidenschaft für den Beruf. Das Feuer muss aus einem selbst kommen. Die richtigen Werte sind entscheidend: Dankbarkeit. Disziplin. Aufrichtigkeit. Hingabe. Eifer. Hilfsbereitschaft. Religiosität. Für unsere Gesundheit ist die Bewegung das A und O. Sie aktiviert den Stoffwechsel, fördert die geistige Frische, stärkt unsere Muskulatur und unser Herz-Kreislauf-System. Bei Menschen, die zu Bequemlichkeit neigen, verkümmern diese Funktionen. Die Gelenke leiden, der Knorpel bildet sich zurück, die Muskulatur und das Immunsystem werden schwächer. Genauso wichtig ist mir die richtige Balance zwischen Geist und Körper. Ist die seelische Verfassung schlecht, ist unsere Energie herabgesetzt. Fühle ich mich schwach, bewege ich mich nicht gern. Das kann der Beginn einer Abwärtsspirale sein. Meine Empfehlung: mit ganz leichten Bewegungen, zum Beispiel Arm- und Beinkreisen oder Schüttelung der Arme und Beine, anfangen. Der Körper versteht sofort die Signale und will mehr.
Dr München: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt mit einer Ehefrau Karin bei einer Filmpremiere 2026WAMS: Longevity ist in aller Munde. Sie mögen den Begriff nicht. Warum nicht?
Müller-Wohlfahrt: Vor allem in den USA ufert das gerade fürchterlich aus. Ich halte es für geistigen Irrsinn zu denken, wir könnten bei entsprechendem medizinischem Zutun ewig leben. Körper ist Materie, das Bewusstsein ist Leben, nur die Seele ist unsterblich. Was wir tun können, ist, so lange wie möglich gesund zu leben. Von der Sängerin Joan Baez stammt das wunderbare Zitat: „Du kannst dir nicht aussuchen, wie oder wann du sterben wirst. Du kannst nur entscheiden, wie du leben willst. Und zwar jetzt.“ Mit einer gesunden Lebensführung kann man sein Leben sicherlich um ein paar Jahre verlängern. Mit entscheidend ist das sogenannte Mindset, eine positive Einstellung zum Leben.
WAMS: Was macht die aus?
Müller-Wohlfahrt: Ich hatte schon als Jugendlicher den starken inneren Wunsch, die Welt zu entdecken. Mit 16 Jahren, es war im Jahr 1959, sind ein Freund und ich von Ostfriesland aus nach Südwestfrankreich nach Biarritz getrampt. Ich startete auf dem Fahrrad, stellte es nach fünf Kilometern ab. Wir schliefen in Jugendherbergen, Gärten oder auf Parkbänken. Eigentlich wollte ich zum Stierkampf nach Pamplona. Am liebsten würde ich das heute noch mal wiederholen! (lacht) Das hat meinen Horizont damals erweitert. Mein Vater war wütend. Im darauffolgenden Jahr bin ich trotzdem wieder losgetrampt – ab nach Biarritz zum Surfen. Dieser Sport kam gerade aus Hawaii nach Europa. Was ich damit sagen will: Im Leben muss man sich etwas zutrauen. Und einfach mal neue Wege gehen. Das ist meine Empfehlung an die junge Generation.
WAMS: Viele Menschen sind durch Smartphones und die vielen Reize unserer Zeit enorm abgelenkt – ist das auch Ihr Eindruck?
Müller-Wohlfahrt: Ja, das ist grausam mit anzuschauen! Viele Menschen schauen alle paar Minuten, was es Neues gibt. Und es gibt ständig etwas Neues. Wer davon abhängig ist, ist verloren. Deshalb muss man sich Auszeiten vom Smartphone und vom Fernsehen nehmen.
WAMS: Sie können das?
Müller-Wohlfahrt: Ich schaue sehr wenig fern. Mein Smartphone nutze ich nach getaner Arbeit und dann auch sehr bewusst, denn ich meide unnötige Ablenkung. Ich kann meinen Beruf nur mit absoluter Konzentration ausüben.
Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (r.) war viele Jahre Mannschaftsarzt des FC BayernWAMS: Unterschätzen die Menschen das Thema Regeneration?
Müller-Wohlfahrt: Ja, leider. Wir müssen wieder lernen, unseren Körper wahrzunehmen. Nach einer Belastung, ob körperlich oder geistig, verlangt er nach Ruhe. Ruhe ist keine Zeitverschwendung, aber eine Gelegenheit um Energie zu tanken und Reparaturarbeiten zu leisten. Das Gehirn kann jetzt Gedanken ordnen, das Nervensystem kann zur Ruhe kommen. Das ist ein ganz normaler Prozess – wir müssen die Bedürfnisse unseres Körpers aber spüren. Wir müssen ab und zu geistig abschalten und auch ruhig mal passiv sein: die Natur genießen, sich in der Kunst verlieren, die Gedanken schweifen lassen. Ganz wichtig ist der Schlaf.
WAMS: Was ist hier entscheidend?
Müller-Wohlfahrt: Topsportler zeigen uns, wie wichtig Schlaf ist. Sie können zwölf bis 14 Stunden schlafen. Man muss den Körper aber auch gewähren lassen. Oft wird das natürliche Bedürfnis nach Schlaf verdrängt. Oder mit Koffein bekämpft.
WAMS: Wie finde ich raus, wie viele Stunden Schlaf für mich richtig sind?
Müller-Wohlfahrt: Sieben bis acht Stunden sind immer empfehlenswert. Für Menschen, die Sport treiben, sogar mehr. Schlaf ist die beste Form der Regeneration. Im Schlaf entwickelt der Körper nach entsprechendem Training zum Beispiel neue Muskelfasern. Manche glauben, sie kommen mit fünf Stunden aus. Doch ich erlebe bei Patienten immer wieder, dass das fatale Folgen haben kann. Es gibt einige Faktoren, die guten Schlaf begünstigen.
Viele Menschen bewegen sich im Alltag zu wenig, chronische Krankheiten wie Rückenschmerzen sind oftmals die Folge. Dabei helfen schon kurze Übungen, den Körper fit und beweglich zu halten. Sarah Stork zeigt Ihnen ein effektives Training für Zwischendurch.WAMS: Welche?
Müller-Wohlfahrt: Unter anderem die Körperkerntemperatur. Sie sollte vor dem Schlafengehen runtergefahren werden. Das fördert die Regeneration. Im Bett zu schwitzen, ist nicht gut. Das Schlafzimmer sollte kühl, frisch und dunkel sein. Übrigens haben wir 2005 bei der Fußball-Nationalmannschaft für die Spieler „Eistonnen“ eingerichtet, um die überschießende Wärme nach dem Spiel abzuleiten und die Bedingungen für eine dann früher einsetzende Regeneration zu schaffen. Zudem ist die Ernährung sehr wichtig. Heißt: abends früh essen, idealerweise gegen 18 oder 19 Uhr. Am besten eine leichte Mahlzeit, wenig Fleisch. Gerade neulich habe ich für mich ein Gericht wiederentdeckt, das aus meiner Sicht in Vergessenheit geraten ist, aber auch am Abend empfehlenswert ist.
WAMS: Welches?
Müller-Wohlfahrt: Die Rinderbouillon mit Rinderknochen, noch besser mit Kälberknochen und Eierstich oder Klößen, angereichert mit saisonalem Gemüse. Eine Tasse Bouillon ist so oft wie möglich empfehlenswert.
WAMS: Warum ist sie so wertvoll?
Müller-Wohlfahrt: Der Knochen gibt beim Kochen sehr viel Gelatine ab, die wir dringend für die Gelenke benötigen, außerdem die Aminosäuren Glutamin, Prolin sowie Glycin, das die Blutgefäße erweitert und somit die Körpertemperatur senkt. Das war damals in meiner Heimat die wichtigste Medizin bei den Bauern, die unter Gelenkbeschwerden litten.
Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt setzt vor allem auf grünes Gemüse, weil es meist basisch istWAMS: Welcher Ernährungs-Grundsatz ist der wichtigste, um gesund zu altern?
Müller-Wohlfahrt: Mäßigung. Der Mensch nimmt Ernährungsgewohnheiten aus jungen Jahren mit ins Alter. Doch der Stoffwechsel ändert sich im Laufe der Jahre, der Energieverbrauch lässt nach – aber die Essgewohnheiten bleiben. Das führt zwangsläufig zu Übergewicht. Hier ist Disziplin angebracht. Generell sind zudem Bitterstoffe wichtig, sie entgiften. Rotes, gelbes und grünes Gemüse liefert Antioxidantien. Das grüne ist meist basisch und neutralisiert Säure.
WAMS: Wie stehen Sie zu Nahrungsergänzungsmitteln?
Müller-Wohlfahrt: Ich empfehle jedem, alle sechs Monate seine Blutwerte analysieren zu lassen, um einen Einblick in das molekularbiologische Geschehen zu ermöglichen. Können alle Körperfunktionen ungestört laufen? Ich sehe allzu oft Mängel bei Zink, Vitamin D, Magnesium und bindegewebsspezifischen Aminosäuren. Vorübergehend kann hier eine Supplementierung helfen. Man sollte nicht von vornherein sagen: „Ich brauche überhaupt keine Nahrungsergänzungsmittel.“ Gerade, wenn man sich nicht optimal ernährt, sind sie hilfreich. Und es gibt noch ein Thema, das mich umtreibt.
WAMS: Welches?
Müller-Wohlfahrt: Die sogenannten Radikalfänger.
WAMS: Was hat es damit auf sich?
Müller-Wohlfahrt: Freie Radikale, es handelt sich dabei um aggressive elektronegative Teilchen, die durch Stress, Umweltgifte, Strahlungen und intensives kataboles Training im Sport entstehen, greifen Zellmembranen an und können den Zellkern zerstören. In Stresssituationen oder zum Beispiel bei Langstreckenflügen, auf denen wir ionisierender Strahlung ausgesetzt sind, empfehle ich, Radikalfänger, sogenannte Antioxidantien, einzunehmen. Nach der Ankunft geht es einem dann spürbar besser. Das ist der beste Zellschutz und das bedeutet für mich auch Slow-Aging. Denn geschädigte Zellen lassen uns schneller altern.
Vitamin C ist unter anderem in Zitronen enthalten. Wichtig ist, wie der Körper es resorbiertWAMS: Was hilft hier konkret?
Müller-Wohlfahrt: Neben den Vitaminen A, C, E sowie Coenzym Q10 ist die Aminosäure Glutathion, das wirksamste Antioxidans, das der Körper selbst aus den Aminosäuren Methionin und Cystein zusammensetzt, besonders wertvoll. Bei der Einnahme wird es leider nicht sehr gut resorbiert. Am besten funktioniert es über eine Infusion.
WAMS: Sie sind nur sehr selten krank. Wladimir Klitschko fragte kürzlich augenzwinkernd, ob Sie im Kühlschrank schlafen, weil Sie jünger aussehen als Sie sind. Was ist Ihr Geheimnis?
Müller-Wohlfahrt: Ich bin überzeugt, dass der Grundstein in meiner Kindheit gelegt wurde. Ich bin zwischen Bauernhöfen aufgewachsen und habe neben den Misthaufen Fußball gespielt, die Sterilität von heute gab es nicht. Ich wurde mit Härte erzogen, musste bei Eis und Schnee mit dem Fahrrad zur Schule. Zudem habe ich immer Sport getrieben. Das hat dazu geführt, dass mein Immunsystem natürlich gestärkt wurde. Im Herbst musste ich den Garten umgraben, die Gemüseerträge waren danach reichlich. Man kann sagen, das war Bio, reinste Bio-Ernährung. Dazu kommt, dass ich heute solide lebe. Gelegentlich ein Glas Wein am Abend darf wohl sein. Morgens esse ich seit meiner Jugend immer Haferflocken in unterschiedlicher Zubereitung, meist als Porridge. Darin ist sehr viel Wertvolles enthalten, unter anderem Proteine, Magnesium, Zink, Selen, Kupfer, Vitamin E, Antioxidantien und Spurenelemente, sowie Ballaststoffe. Das führt per se zum Absenken des Cholesterinspiegels und zur Blutdrucksenkung. Tagsüber esse ich wenig. Zudem gehe ich regelmäßig joggen. Egal, wo ich auf der Welt bin. Gern in Parks, ich genieße dann die Natur und die Jahreszeiten. Das tut der Seele gut.
Müller-Wohlfahrt mit Rekordnationalspieler Lothar MatthäusWAMS: Herr Dr. Müller-Wohlfahrt, wovon träumen Sie noch?
Müller-Wohlfahrt: Von den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Ich möchte dort meine Athleten betreuen. So, wie ich es 2024 in Paris getan habe. Da war die Sprechstunde voll. Abends wollte ich mir eigentlich immer die Wettkämpfe im Stadion ansehen. Wissen Sie, wie oft das geklappt hat?
WAMS: Wie oft?
Müller-Wohlfahrt: Nur einmal (lacht). Beim Finale des 100-Meter-Laufs. Fünf der acht Finalisten waren meine Patienten. Die übrigen Abende habe ich gearbeitet. Und ich habe es geliebt. In zwei Jahren kann es gern wieder so sein.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen und führt seit Jahren Interviews mit Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt.
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