Laute Pfiffe und Beschimpfungen sowie ein aufgerüstetes Ordnerteam für die Gästefans und Angehörige: Das erwartet Fabian Reese bei seiner Rückkehr ins Berliner Olympiastadion am Samstagabend. Der Stürmer, der im Sommer von Hertha BSC zum VfL Wolfsburg gewechselt ist, ist zu einer Reizfigur geworden, bei einigen Fans in der Hauptstadt sogar zu einem Hassobjekt.
Seit Saisonbeginn bekommen Reese und seine Verlobte Johanna Hassnachrichten über verschiedenste Kanäle. Es sind auch massive Drohungen dabei. Der beste Zweitliga-Spieler der vergangenen vier Jahre (46 Tore, 45 Vorlagen) legte daraufhin seinen Instagram-Kanal lahm, machte eine Interview-Pause und sagte auch in der Woche vor der schwierigen Partie nichts. Denn die Beschuldigungen einiger Hertha-Fans, Reese sei wegen seines Wechsels ein Verräter und nur dem Ruf des Geldes gefolgt, haben sich in der zweiten Liga verbreitet.
Als vermeintliches Paradebeispiel für einen Fußball-Söldner wird Reese seit Wochen von gänzlich unbeteiligten Fans bei Spielen gegen Wolfsburg ausgepfiffen. Als der VfL in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Altglienicke im Stadion von Herthas U23 spielte, musste sich Reese von nicht einmal zehnjährigen Kindern auf das Übelste beschimpfen und beleidigen lassen.
Alles „nur“ Vorboten für sein erstes Spiel gegen Hertha nach dem Wechsel? Reese sagte bereits über die zu erwartenden Unmutsäußerungen: „Ich wurde die vergangenen Wochen sehr gut darauf vorbereitet. Die Dezibelrate wird noch mal etwas höher sein.“
„Deine Fußabdrücke sind zu groß für den Klub geworden“
Als er am vergangenen Samstag wunderschön gegen Osnabrück traf, jubelte Reese, indem er mit seinen Händen Gerede darstellte und sich dann die Ohren zuhielt. „Es wurde viel geredet. Ziemlich viel Meinung für ziemlich wenig Hintergrund-Informationen“, sagte der Wolfsburger zu seiner Geste. Was er damit meint: Reese wird für Ereignisse verurteilt, für die er selbst so gut wie nichts kann. Aber dafür muss man die wahren Abläufe seines Wechsels nach Wolfsburg kennen.
Demnach kamen die Hertha-Bosse schon früh vor Saisonschluss auf Reese zu, um ihm einen Wechsel nahezulegen. Der Angreifer wollte die von ihm so geliebte Hauptstadt erst nicht verlassen, habe dann aber Sätze hören müssen, wie: „Deine Fußabdrücke sind zu groß für den Klub geworden.“
Große Fußabdrücke: Reese jubelt mit Michael Cuisance (l.), den Hertha ebenfalls im vergangenen Sommer verkauft hatDoch der wahre Grund war: Hertha benötigte dringend Geld. Nach WELT-Information mussten die Berliner bis Ende Juni Ablösesummen in einer bestimmten Höhe generieren. Die Rede ist von 15 Millionen Euro. Verkauft wurde bis dahin aber nur Kennet Eichhorn für knapp neun Millionen Euro nach Leverkusen. Da die Verhandlungen bei anderen Abgangskandidaten stockten, wurde der Reese-Verkauf forciert. Wie dringend der war, zeigt, dass Hertha nicht auf die Zahlung der in einer Ausstiegsklausel festgeschriebenen Summe von 12,5 Millionen Euro bestand, sondern frei verhandelte.
In Wolfsburg bestanden keine Zweifel an Reese
So soll Freiburg fünf Millionen Euro geboten haben, Hoffenheim 6,5 Millionen Euro und auch Bremen war interessiert. Doch Reeses Tendenz ging schnell nach Wolfsburg. Der gerade in die 2. Liga abgestiegene VfL bot zwar nicht mehr Gehalt als die etablierten Bundesligisten. Aber er war einer der ersten Klubs, die sich bemüht hatten, ihm Nähe zu seiner Familie und der seiner Verlobten boten. Und: In Wolfsburg bestand kein Zweifel daran, dass Reese ein absoluter Leistungsträger sein würde.
Die Wolfsburger boten Hertha nach WELT-Informationen zunächst eine Fixsumme um die sechs Millionen Euro plus einen Nachschlag bei einem Aufstieg. Doch Hertha wollte acht Millionen Euro auf einen Schlag. Man einigte sich darauf, verkündete den Wechsel aber nüchtern, ohne jene Hintergründe zu erläutern. Das vermeidet Hertha bis heute.
Umstände, die die Hassnachrichten und Pfiffe mindestens begünstigt haben und über die Reese bis heute bitter enttäuscht ist, wie er Freunden und Teamkollegen anvertraut hat. Doch darüber spricht Reese nicht in der Deutlichkeit, wie er zu Saisonbeginn beispielsweise auf Pfiffe in Karlsruhe reagiert hatte: „Mir tut es weh, mich verletzt es. Ich nehme das auch mit nach Hause.“
Vor seiner Rückkehr ins Olympiastadion, wo er im Mai 2025 vor der Fankurve seine Vertragsverlängerung bei Hertha bis 2030 verkündet hatte, ist Reese um Harmonie bedacht. Er sagt Dinge wie: „Ich freue mich riesig auf das Spiel. Ich hatte eine tolle Zeit in Berlin. Ich muss aufpassen, dass ich nicht auf die falsche Seite gehe. Schön, dass Hertha erfolgreich ist.“
Denn Reese hat in den vergangenen Monaten erlebt, wie schnell und intensiv aus Liebe Hass werden kann. Als er bei Hertha zum Matchwinner in Serie und Fan-Liebling aufstieg, lauerten Anhänger vor seiner Berliner Wohnung, um ihn zu feiern. Kaum einen Schritt konnte er noch unbehelligt in der sonst so anonymen, 3,9 Millionen Einwohner zählenden Metropole machen. Das Privatleben sank gegen null.
„Wir wünschen uns, dass Fabian bei seiner Rückkehr Respekt erfährt“
Die Wohnung in Berlin hat er aufgegeben. Seine neue Adresse in Wolfsburg ist geheim. Und doch bekommt er Hassnachrichten und massive Drohungen über das Internet. Auch konkret auf das anstehende Spiel bezogen. Davon wissen beide Vereine und sind darüber im Austausch. Unter anderem auch zu einem verstärkten Sicherheitskonzept im und um das Olympiastadion.
Deswegen wirbt Hertha BSC vor der brisanten Rückkehr seines früheren Publikumslieblings um Respekt: „Fabian Reese hat sich über drei Jahre hinweg stets in den Dienst unseres Vereins gestellt und sich diese Form der Reaktionen aus unserer Sicht nicht verdient“, teilte der Verein mit.
Zwar habe der Klub Verständnis dafür, dass ein Wechsel „Enttäuschung und Emotionen auslösen kann“. Zugleich betonte Hertha vor dem Topspiel des Tabellenführers gegen den VfL am Samstag (20.30 Uhr, Sky und im WELT-Liveticker): „Wir wünschen uns, dass Fabian bei seiner Rückkehr den Respekt erfährt, den er sich bei uns erarbeitet hat.“
Trainer Stefan Leitl war darum bemüht, die Brisanz von Reeses Rückkehr anderweitig herunterzukochen. „Ich möchte das auch wirklich emotionslos und sehr nüchtern betrachten“, sagte Leitl. „Was meine persönliche Bindung oder Verbindung zu Fabian betrifft, die ist nach wie vor gut und da ist auch nichts hängen geblieben. Und ich freue mich auch, dass er zurückkommt und ich freue mich auch, dass ich ihn nicht nur am Telefon habe, sondern auch mal im Gespräch habe.“
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke