Die Spieler von Borussia Dortmund wussten, bei wem sie sich zu bedanken hatten. Als die Partie abgepfiffen war, gingen Nico Schlotterbeck, Waldemar Anton und Gregor Kobel nacheinander zu Konstantinos Karetsas, umarmten ihn oder klopften ihm auf die Schultern. Das griechische Offensivtalent grinste und wirkte dabei ein bisschen wie der kleine Bruder, der vor Stolz platzt, weil er sich durch einen wagemutigen Streich den Respekt der Größeren verdient hat.
„Ich bin sehr dankbar für das Tor, das war eine große Teamleistung von uns“, sagte Karetsas, der mit seinem ersten Pflichtspieltreffer für den BVB maßgeblichen Anteil an dem 2:1 (0:0) gegen Real Betis hatte – dem dritten Dortmunder Sieg im vierten Champions-League-Spiel. Als „Spieler des Spiels“, als der der 18-Jährige von der Uefa offiziell ausgezeichnet wurde, fühle er sich jedoch nicht. „Das war für mich Fabio Silva, denn er hat ein Tor erzielt und eines vorbereitet“, erklärte er bescheiden.
Tatsächlich aber ging der Einfluss, den Karetsas auf die Vorstellung der Mannschaft hatte, deutlich über das Siegtor, das ihm in der 72. Minute gelungen war, hinaus – so schön es auch anzuschauen war. Karetsas hatte an der Abseitslinie gelauert, dann das Zuspiel von Silva mit rechts angenommen, sich den Ball blitzschnell auf den linken Fuß gelegt – und trocken abgezogen. „Man hat gesehen, dass Kosta ein richtig guter Fußballer ist. Er schlägt gute Haken – wie ein Hase. Er ist sehr schwierig zu verteidigen“, sagte Niko Kovač. Auch der Dortmunder Trainer reihte sich an diesem kalten November-Mittwoch in die Schar derer ein, die Karetsas lobten.
„Um ehrlich zu sein: Ich kam gerade von der Toilette“
Dabei wäre es zu der Galavorstellung des Edeltechnikers, der im Sommer vom belgischen Erstligisten KRC Genk nach Dortmund gewechselt war, fast gar nicht gekommen. Nachdem sich Mittelstürmer Serhou Guirassy verletzt hatte und Kovač ihn in der 34. Minute einwechseln wollte, war Karetsas nicht da. „Ich habe ihn gesucht, doch nicht gefunden. Ich habe schon Carney Chukwuemeka gerufen, aber da kam Kosta doch noch um die Ecke“, erklärte der Coach.
Den Hintergrund der temporären Abwesenheit auf der Ersatzbank klärte Karetsas anschließend auf. „Um ehrlich zu sein: Ich kam gerade von der Toilette“, sagte er. Deshalb habe er auch „keine großen Instruktionen“ bekommen, wie er zu spielen habe.
Dortmunds Matchwinner: Konstantinos KaretsasDas kam Karetsas, der nach Jude Bellingham, Christian Pulisic, Felix Passlack und Jadon Sancho nun der fünftjüngste Spieler ist, der für den BVB in der Champions League getroffen hat, möglicherweise sogar entgegen. Er ist ein Instinktfußballer – jemand, der einfach drauflos spielt. Das macht ihn an guten Tagen unberechenbar für den Gegner. Es ist schwer zu antizipieren, was er vorhat: ob er ins Dribbling geht, einen Doppelpass spielt, eine Seitenverlagerung vollzieht oder, wie am Mittwoch, nach einer schnellen Körpertäuschung direkt den Abschluss sucht. Karetsas bringt die Qualitäten mit, die es braucht, um das Offensivspiel der Dortmunder auf ein anderes Level zu heben.
Das Problem war nur – und ist es zu einem gewissen Teil immer noch –, dass er taktisch noch in der Lernphase ist. Karetsas hat in vielen der bislang elf Pflichtspiele, die er in der laufenden Saison bestritten hat – und davor auch nur vier von Beginn an –, erkennen lassen, dass es ihm schwerfällt, sich an die Abläufe zu gewöhnen: Mal verschlief er das Kommando, den Gegner zu pressen, mal versäumte er es, sich fallen zu lassen, um Räume zu schließen. Er war, auch dies war bislang Teil der Wahrheit, mitunter ein Sicherheitsrisiko in Bezug auf die defensive Stabilität.
Automatismen noch nicht verinnerlicht
Dieses Defizit räumt er sogar selbst ein. „Ich muss mich an die Unterschiede zwischen der belgischen Liga und der Bundesliga oder der Champions League gewöhnen“, sagte er. In Genk war er von Abwehrarbeiten weitgehend befreit. Dass dies in Dortmund – und speziell in einer Kovac-Mannschaft – anders ist, weiß er. Problematisch ist jedoch das höhere Tempo, vor allem in Partien gegen spielstarke Gegner. Dieses erfordert schnelle Entscheidungen. Das fällt nicht leicht, wenn die Automatismen noch nicht verinnerlicht sind.
BVB-Trainer Niko Kovač während der Partie gegen SevillaErschwerend kam hinzu, dass Karetsas durch Kreislaufprobleme zwischenzeitlich aus dem Trainingsbetrieb genommen werden musste. Beim Champions-League-Auftakt gegen Villarreal am 8. September hatte er für einen Schockmoment gesorgt. Mitten im Spiel war er ohne zuvor erkennbare Probleme zusammengebrochen. Karetsas musste ins Krankenhaus gebracht werden und sich anschließend über mehrere Tage Untersuchungen unterziehen.
Es wurde zwar kein ernstes internistisches Problem festgestellt. Dennoch: Durch diesen Vorfall, der große Sorgen ausgelöst hatte, wurde deutlich, dass die Anpassung an die gestiegenen Anforderungen offensichtlich nicht nur physisch, sondern auch psychisch erst einmal zu meistern sind.
Speziell vor diesem Hintergrund war Kovač mehr als zufrieden. „Jeder weiß, welche Fähigkeiten er hat: wenn er das Tempo anzieht, ins Dribbling geht und ein, zwei Leute auf sich zieht. Deshalb bin ich froh, dass er nach einer schwierigen Zeit für ihn wieder Fuß gefasst hat. Er weiß, dass er defensiv noch einiges aufzuholen hat. Dazu ist er bereit. Da geht noch was“, sagte der Coach.
Doch auch in Bezug auf die hohen Maßstäbe, die Kovač an das Defensiverhalten anlegt, sind Fortschritte erkennbar: Karetsas war auffällig bemüht, den Gegner nach Ballverlusten anzulaufen. Die Kollegen konnten sich diesmal auf ihn verlassen. Er scheint auf dem Weg zu einem vollwertigen Leistungsträger zu sein – zu einem Spieler, der auch auf höherem Niveau den Unterschied machen kann.
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