Auf das viele Gerede über ihn gab Jungstar Lennart Karl auf dem Fußballplatz die Antwort. Sein freches Führungstor, das den Weg zum Sieg des FC Bayern München in der Champions League bei Atlético Madrid ebnete, feierte der 18-Jährige aber auch mit einer Jubelgeste, die nach dem 2:0 (0:0) gleich für Gesprächsstoff sorgte.
Nachdem Karl Atlético-Verteidiger Robin Le Normand im Strafraum aus dem Hinterhalt den Ball abgeluchst hatte, lupfte er diesen in der 54. Minute über Torwart Jan Oblak hinweg ins Netz. Dann feierte Karl das 1:0 ausgelassen mit den Teamkollegen. Und er hielt sich die Hände an die Ohren und machte eine Blabla-Geste. „Redet ihr nur“, sollte das wohl heißen.
Dies stieß einem Weltmeister von 2014 auf. Bei Amazon Prime meldete sich Mats Hummels zu Wort und machte deutlich, dass er von solchen Gesten wenig hält. „Eine Kleinigkeit möchte ich noch zum Jubel sagen. Den sehen wir viel zu oft mittlerweile“, sagte Hummels. „Kritik gehört mit dazu zum Fußball. Deswegen verdienst du auch so viel Geld, weil so viele Leute darüber reden.“
Besonders störe ihn, dass solche Gesten inzwischen von Kindern nachgemacht werden. „Mein Sohn ist acht. In den Spielen von seiner Mannschaft sehe ich schon Kinder diesen Jubel machen, weil der mittlerweile so oft vorkommt“, sagt Hummels. „Meinem Sohn verbiete ich den Jubel.“
„Er ist noch lange kein Superstar“, sagte Hoeneß
Viel ist zuletzt über Karl gesprochen worden, der nach seinem Senkrechtstart in der vergangenen Saison gerade erstmals in seiner noch jungen Profi-Karriere Gegenwind zu spüren bekommt. Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß empfahl dem Teenager in einem Interview mit WELT AM SONNTAG mehr Demut. „Ich weiß zum Beispiel nicht, ob es Lennart Karl guttut, wenn man ihn immer nur in den Arm nimmt“, sagte Hoeneß. „Er ist noch lange kein Superstar, junge Spieler brauchen Demut. Vergleiche mit Olise tun ihm offensichtlich nicht gut, da liegen noch Welten dazwischen.“
Hoeneß kündigte „ein ernstes Gespräch“ an, dass er mit Karl führen wolle. Auch Sportvorstand Max Eberl riet Karl zu mehr Konzentration auf den Fußball. Karls Berater Michael Ballack missfielen diese Einlassungen aus dem Klub. „Jeder darf sich darstellen, wie er möchte. Dass man dabei nicht alles richtig macht, ist auch klar“, sagte der frühere Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. „Aber man darf seine sportliche Entwicklung nicht damit vermischen. Und genau das macht der FC Bayern. Dass Uli Hoeneß diese Außendarstellung kritisiert, ist legitim. Aber dass er Lennart damit öffentlich zur Zielscheibe erklärt, ist auch klar.“
Nun kam Karls Antwort: erst per Tor, dann per Geste. Dass ein 18-Jähriger offenkundig den legendären Ehrenpräsidenten des Klubs angeht, umschifften die Münchner Sieger im Nachgang lieber. An Lob für Karl wurde jedoch nicht gespart. „Lennart Karl ist für uns ein wichtiger Spieler, das haben wir nie in Abrede gestellt“, sagte Eberl. Er habe auf dem Platz „fleißig mitgearbeitet und sich mit dem Tor belohnt“. Und der Jubel? „Ich habe es ehrlicherweise gar nicht gesehen“, wand sich Eberl. Darum: keine Bewertung.
Rückendeckung für Karl von Neuer und Laimer
Trainer Aaron Danks, der erneut Chefcoach Vincent Kompany nach dessen Schwächeanfall vertrat, hatte im personellen Münchner Offensiv-Notstand in Madrid in der Startelf auf den Youngster gesetzt, der zuletzt nur eine Nebenrolle innegehabt hatte. „Es gab in letzter Zeit viel Lärm um Lennart Karl. Als junger Spieler hat er, finde ich, großen Charakter und große mentale Stärke gezeigt. Er hat auch großen Glauben an sich selbst“, kommentierte der Engländer. „Seine Leistung heute war großartig, gekrönt mit einem wirklich guten Tor.“
Laimer (l.) gratuliert, Karl macht seine Bla-Bla-GesteIm Team freuten sich alle für den Youngster. „Lenny ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Gruppe. Das hat er heute wieder unter Beweis gestellt“, sagte Kapitän Manuel Neuer. Es gebe da für ihn „auch gar nichts zu thematisieren“.
Der als „Man of the Match“ ausgezeichnete Verteidiger Konrad Laimer, der das 2:0 erzielte, bat auch um Nachsicht mit Karl: „Für den Jungen freut es mich. Er bleibt ruhig, er arbeitet hart, und heute hat er sich belohnt“, sagte der 29-Jährige. „Er ist noch jung, er muss noch lernen. Aber er ist auf einem Superweg und wird noch eine große Karriere vor sich haben.“
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