Victoria Carl zählt die Tage bis zu ihrem Comeback. „Der Sport hat mir geholfen, mir selbst zu verzeihen. Zu verzeihen, dass ich nicht doppelt und dreifach kontrolliert habe“, sagt die 31-Jährige in einer Medienrunde des Deutschen Skiverbandes (DSV) und spricht damit direkt ihre positive Dopingprobe vor anderthalb Jahren an.

Carls Fall ist kein leichter. Bei den Winterspielen 2022 hatte sie in Peking noch an der Seite von Katharina Hennig sensationell Gold im Teamsprint gewonnen und danach weitere Erfolge gefeiert. Bei den Winterspielen im Februar 2026 in Italien wäre sie als Deutschlands größte Hoffnungsträgerin im Skilanglauf angetreten. Doch dazu kam es nicht: Im Frühjahr 2025 wurde sie positiv getestet. Dass im DSV niemand an wissentliches Doping glaubte und der Verband hinter seiner Athletin stand, änderte nichts an dem positiven Befund. „Das Schlimmste, was einer olympischen Athletin passieren kann“, sagt sie jetzt.

Die Sperre endet nun am 25. November – und Carl steigt direkt mit Rennen im zweitklassigen Fis-Cup ein, um nötige Punkte für die Rückkehr in den Weltcup zu sammeln. „Es fühlt sich an wie eine zweite Chance – und ich möchte sie nutzen“, sagt Carl. „Ich habe anderthalb Jahre auf diese zweite Chance hingearbeitet.“ Ende September erst durfte sie raus aus der Trainingsisolation und wieder mit der Mannschaft trainieren. Nun folgt das Trainingslager in Muonio, Finnland. „Ich habe sehr große Vorfreude auf Muonio“, sagt sie. „Das wird der erste Wegweiser dafür sein, wie es um meine Fitness steht, wie stark ich zurückkehre. Am liebsten würde ich heute schon mit einer Startnummer irgendwo antreten.“ Am 27. November wird es in Gålå so weit sein.

Der Dopingfall Carl: Die Fakten und Zitate

Was genau war passiert? Der Weltcup-Winter 2025 war bereits beendet und für Carl mit Platz zwei in der Gesamtwertung sehr erfolgreich verlaufen. Bei einer Kontrolle im Frühjahr wurde sie dann positiv auf die verbotene Substanz Clenbuterol getestet. Das Medikament wird in erster Linie zur Behandlung von Atemwegserkrankungen eingesetzt.

Nach damaligen Angaben des DSV wurde der Sportsoldatin am 26. März 2025 nach ihrem letzten Rennen bei den Winter-Militärweltspielen in Andermatt durch einen Truppenarzt der Bundeswehr das Medikament Spasmo Mucosolvan zur Behandlung einer akuten spastischen Bronchitis verabreicht. In einer DSV-Pressemitteilung wurde sie damals wie folgt zitiert: „Ich war krank, hatte starke Hustenanfälle und habe das Medikament auf ärztliche Anweisung genommen. Ich habe alles offengelegt – mir war nicht bewusst, dass ein verbotener Wirkstoff enthalten ist.“

Der leitende Sanitätsoffizier der Militär-Wettkämpfe sagte: „Die ärztliche Verordnung war medizinisch nachvollziehbar, aber organisatorisch fehlerhaft. Die Sportlerin trifft keinerlei Schuld. Sie handelte im Vertrauen auf die fachärztliche und kompetente Betreuung innerhalb eines offiziellen militärischen Wettkampfumfelds.“ Vor einer Strafe schützte das nicht. Es dauerte allerdings lange, bis klar war, wie diese aussieht. Bis dahin trainierte Carl isoliert von der Mannschaft und hatte noch eine winzige Resthoffnung auf einen Olympia-Start in Italien.

Gold-Sensation: Katharina Hennig (l.) und Victoria Carl feiern in Peking ihren Olympiasieg

Kurz vor dem Olympia-Winter, im November 2025, war dann klar: Die Sperre bleibt und kostet Carl auch die Teilnahme an den Winterspielen im Februar 2026. Im schwedischen TV sagte sie kürzlich, sie sei extrem wütend auf sich selbst, weil sie dem Arzt zu sehr vertraut habe und nicht noch einmal nachgefragt habe. Jetzt berichtet sie zudem: „Er hat sich bei mir entschuldigt.“ Carl ergänzte aber sofort: „Es wäre nichts passiert, hätte ich, wie es meine Pflicht ist, noch mal kontrolliert. Ich war einfach blauäugig, naiv, ich hatte zu großes Vertrauen, weil wir es gewohnt sind, dass unser Sportarzt genau auf dem Schirm hat, was wir nehmen dürfen und was nicht.“ So etwas werde ihr nie wieder passieren.

Carl wurde weiterhin kontrolliert – „Ich bin sauber“

Während der anderthalb Jahre, in denen sie für sich alleine trainiert hat, wurde sie weiterhin regelmäßig kontrolliert. Vor und nach dem positiven Test hatte es keine weiteren Auffälligkeiten gegeben. „Ich bin sauber“, betont sie. „Ich habe hart trainiert und benutze dafür keine illegalen Mittel.“

Wie lange sie jetzt weitermachen möchte und ob nach den verpassten Olympischen Spielen 2026 nun die Winterspiele 2030 in Frankreich ihr Ziel seien? „Ausschließen will ich das nicht“, sagt sie. „Aber ich nehme jetzt jedes Jahr, wie es kommt.“

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