Draußen vor dem altehrwürdigen London Palladium riefen die englischen Fans in der Nacht noch lange den Namen von Harry Kane. Der Stürmerstar des FC Bayern wurde als erster Engländer seit 25 Jahren mit dem prestigeträchtigen Ballon d'Or ausgezeichnet – und konnte es selbst kaum fassen.
„Nicht viele Menschen hätten das gedacht, und vielleicht hätte selbst ich nicht gedacht, dass ich es so weit bringen würde“, sagte Kane im Interview des Streamingdienstes DAZN. Er sei nie der Spieler gewesen, von dem die Leute gedacht hätten, dass er ein Superstar werden würde. Nun – er ist es geworden. So gut wie der 33-Jährige war in der vergangenen Saison nach Ansicht der Juroren bei der Journalistenwahl niemand. Nicht Kylian Mbappé, nicht Lamine Yamal, nicht Rodri und nicht Lionel Messi.
Am Ende war es ein Zweikampf zwischen Kane, der in der vergangenen Saison 61 Tore in 51 Spielen für Bayern erzielte und es mit England bis ins WM-Halbfinale schaffte, und Mbappé. Der Stürmer von Real Madrid hatte eine etwas weniger gute Trefferquote (42 Tore in 44 Spielen) vorzuweisen und schied ebenfalls im WM-Halbfinale aus. Real holte in der vergangenen Saison keinen Titel, Kane gewann mit den Bayern das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal.
Dennoch sei es nur um wenige Punkte gegangen, wie Vincent Garcia, der Chefredakteur des Fachmagazins „France Football“, das die Preisverleihung zusammen mit der Uefa veranstaltet, deutlich machte. „Ich kann schon verraten, dass der Punktabstand zwischen Kane und Mbappé kleiner war als jener zwischen Rodri und Vini Jr. im Jahr 2024. Und das waren damals nur 41 Punkte“, sagte Garcia.
Kanes Botschaft an Kompany
Auf der Bühne des Theaters bedankte sich Kane bei etlichen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern, darunter auch sein ehemaliger Bayern- und aktueller Nationaltrainer Thomas Tuchel und der Münchner Coach Vincent Kompany, der nach einem Zusammenbruch am Freitag nicht anreisen konnte. Kompany war für den Titel als bester Trainer nominiert, in dieser Kategorie gewann am Ende Spaniens Nationaltrainer Luis de la Fuente.
„An Vinnie: Ich glaube, dass er noch im Krankenhaus ist. Ich wünsche dir alles Gute. Ich hoffe, das hat dir ein bisschen Energie gegeben“, sagte Kane in seiner Rede und erntete dafür großen Applaus des Publikums. Schon zuvor hatte Thierry Henry als Moderator des Abends an den von einer Viruserkrankung gebeutelten Kompany gedacht. „Wir wünschen ihm eine schnelle Genesung“, sagte die französische Fußball-Legende, die gemeinsam mit Star-Moderatorin Kate Scott durch die Gala führte.
Besondere Verbindung: Harry Kane mit Trainer Vincent KompanyBei DAZN verriet Kane im Anschluss, dass er noch am Morgen der Verleihung mit Kompany gesprochen habe. „Er hat mich heute Morgen angerufen. Ihm geht es offensichtlich wieder gut. Ich hoffe, dass ihm das jede Menge Energie gibt. Boss, vielen Dank!“ Aaron Danks, Vertreter des kranken Kompanys, erinnerte auf einer Pressekonferenz am Dienstag an „die Extreme, die das Leben zu bieten hat. Die große Freude, die Harry gestern erlebt hat und die Momente, die wir in den vergangenen Wochen hatten. Es ist wichtig zu sehen, dass der Mensch das Wichtigste ist.“ Neben Kompanys Zusammenbruch sorgte auch ein Trauerfall in der Familie von Joshua Kimmich für schwierige Tage beim FC Bayern.
Emotional wurde es auf der Bühne, als Kane über seine Familie sprach. Er dankte seinen Eltern, seinen Schwiegereltern, seinem Bruder Charlie, seiner Frau Katie im Saal – und schickte einen Gruß an die Kinder daheim. „Es ist nach eurer Zubettgehzeit“, sagte der England-Captain. „Ihr seid der Grund, warum ich das tue. Das hier ist ein ganz besonderer Moment. Ich kann es kaum erwarten, euch zu sehen und mit euch zu feiern. Ich liebe euch sehr.“ Seine Frau bezeichnete Kane als seine beste Freundin und größte Unterstützerin. „Ich hatte das Gefühl, dass du es fast mehr wolltest als ich“, sagte der sichtlich ergriffene Stürmer. „Ohne dich wäre das nicht möglich.“
Soe sehen Sieger aus: Alexia Putellas und Harry KaneKatie Goodland, Ehefrau von Harry Kane, verfolgt die Ehrung ihres Mannes im PublikumAnders als bei manch einer Ballon-d’Or-Veranstaltung in früheren Jahren gab es diesmal keinerlei Zweifel daran, wie verdient der Sieger seine Auszeichnung in diesem Jahr hatte. Kane hatte sportlich in den vergangenen Jahren Woche für Woche geglänzt, ohne dabei große Reden zu schwingen oder Ansprüche auf Einzelauszeichnungen anzumelden. Ein Charakterzug, an den er offenbar auch in einer Botschaft auf X anspielte. „Arbeite hart und schweige dabei. Lass den Erfolg für dich sprechen“, schrieb Kane.
Gefeiert wurde sein Erfolg von allen Seiten. Bayern-Präsident Herbert Hainer sprach von einem „stolzen Tag“ für den deutschen Rekordmeister. „Er steht nun in einer Reihe mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Karl-Heinz Rummenigge – das sagt alles über unsere Geschichte aus“, sagte Hainer. 1981 wurde Rummenigge als bislang letzter Spieler des FC Bayern mit dem Ballon d’Or ausgezeichnet. England-Coach Tuchel berichtete davon, dass ihm „schon vor langer Zeit die Superlative ausgegangen sind, um deine Leistungen zu beschreiben“. Und Prinz William nannte Kane einen „brillanten Kapitän“ und „bemerkenswerten Spieler“.
Bei Arsenal abgelehnt, bei Tottenham eine Legende
Ohnehin war der Jubel auf der Insel besonders groß. „Harry Kane beendet Englands 25-jährige Wartezeit auf den Ballon d'Or“, schrieb der Sender Sky News. Im Jahr 2001 war Michael Owen ausgezeichnet worden, Kane war da noch meilenweit vom Profidasein entfernt. Die englische Presse erinnerte in ihren Würdigungen auch noch mal an die Anfänge des besten Stürmers der Welt. „Sechs Meilen von der Brisbane Road entfernt, wo er sein erstes Profitor in Englands dritter Liga erzielte (Januar 2011 für Leyton Orient, d. Red.), und acht Meilen von Arsenals Hale-End-Akademie, aus der er entlassen wurde, weil er ‚moppelig’ war, hat Harry Kanes langer Weg, sich selbst zu beweisen, seinen unglaublichsten und inspirierendsten Zielpunkt erreicht“, schrieb „The Times“.
Abgelehnt bei Arsenal, fand Kane beim Stadtrivalen Tottenham lange seine Heimat. Von 2004 bis 2023 spielte er in Jugend, U21 und Senioren – nur unterbrochen von mehreren Leihen – für die Spurs. Kane ist dort eine Vereinslegende. Um den Fluch des Titellosen abzulegen, musste er aber für 100 Millionen Euro und zusätzliche Bonuszahlungen zum FC Bayern wechseln. Mittlerweile ist sein Trophäenschrank gut gefüllt: zweimal deutscher Meister, einmal Pokalsieger, zweimal Supercupsieger – und nun Ballon-d’Or-Sieger.
Für die Bundesliga endete dank Kane derweil eine noch längere Wartezeit. Vor dem Bayern-Stürmer war Matthias Sammer 1996 der letzte in Deutschland spielende Profi, der mit dem Ballon d'Or geehrt wurde. Der FC Bayern kündigte an, dass der Ballon-d'Or-Gewinner beim Bundesliga-Gipfel am Samstag gegen Borussia Dortmund noch einmal im Stadion geehrt werde. Vorher steht für Kane nach kurzer Erholung von der Siegerparty die DFB-Pokalpartie gegen den 1. FC Magdeburg an (Mittwoch, 20.45 Uhr/ARD, Sky und im WELT-Liveticker).
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