Kleine Aufmerksamkeiten erhalten die Freundschaft – oder sorgen dafür, dass das Arbeitsklima entspannt bleibt. Maxi Beier schaute ungläubig, als ihm Niko Kovac nach dem Schlusspfiff ein Präsent überreichte. Immer wieder blickte der Offensivspieler von Borussia Dortmund auf das Stückchen Papier, das ihm sein Trainer in die Hand gedrückt hatte. Dann zeigte er es seinem Mitspieler Jobe Bellingham, der ebenso verblüfft war.
Wenige Minuten später sorgte Beier für Aufklärung. Es habe sich um eine Eintrittskarte für die Darts-Europameisterschaft, die derzeit in der Westfalenhalle stattfindet, gehandelt – nur etwa zehn Pfeilwürfe entfernt von dem Ort, an dem Beier am Samstag den BVB mit seinem zweiten Saisontreffer zum 1:0-Sieg über Eintracht Frankfurt geschossen hatte.
Mann des Abends: Maxi Beier feiert seinen SiegtrefferBeier ist ein großer Darts-Liebhaber. Das wusste auch ein BVB-Fan, der das Ticket nach dem Schlusspfiff Kovac gegeben hatte – damit der es an Beier weiterreichen konnte. Beier wird also u.a. die Viertelfinal-Partie von Stephen Bunting live verfolgen – einer der besten Darter der Welt, mit dem er zudem persönlich bekannt ist. „Ich habe ihm einmal ein Leg von 501 runter abgenommen. Er hat gesagt, dass ich Potenzial habe für die Zeit nach meiner Fußballer-Karriere“, sagte der frühere Hoffenheimer. Bunting war am Samstag auch im Stadion.
Beier trifft vor Klopps Augen
Für Beier dürfte es also ein nahezu perfektes Wochenende gewesen sein – vor allem auch, weil er seine starke Leistung unter den Augen von Jürgen Klopp abliefern konnte. Der Bundestrainer hatte ihn im September bei der Nominierung des XXL-Kaders für die vier Spiele in der Nations League ignoriert. Das schmerzte den Dortmunder, der für seine Vielseitigkeit bekannt ist – und die auch am Samstag wieder unter Beweis stellte. Kovac hatte ihn erst in der 68. Minute eingewechselt – nicht als Angreifer, was Beiers Lieblingsrolle ist, sondern für die linke Außenbahn.
Zwölf Minuten später leitete der 24-Jährige dann einen Angriff ein, lief anschließend selbst nach innen, wo er ein Zuspiel von Bellingham aufnahm – „und die Kugel in den Winkel drosch“, wie er es selbst beschrieb.
Jürgen Klopp (l.) saß auf der Tribüne der Dortmunder Arena„Die Spieler, die nicht von Beginn an spielen, sind unsere Finisher, diejenigen, die das Spiel zu Ende bringen und oft auch entscheiden“, sagte Kovac und lobte Beier für seine Flexibilität. Es freue ihn „für den Jungen, weil er schwer in Ordnung ist“. Ob dies allein reicht, um Beiers Nationalmannschaftskarriere wieder in Schwung zu bringen, darf bezweifelt werden. Klopp ist weniger an Vielseitigkeit interessiert – er benötigt die bestmöglichen Spezialisten.
Für den BVB ist Beier jedoch gerade wegen seiner Bereitschaft, auf verschiedenen Positionen zu spielen, wichtig. Gerade in Zeiten englischer Wochen und einem Drei-Tage-Spielrhythmus nehmen Verletzungen und Müdigkeit zu. Ohne Rotation lässt sich das Programm kaum bewältigen. Vor allem in den vergangenen 14 Tagen, in denen die Dortmunder mit Flugreisen quasi „die halbe Welt umrundeten“, änderte Kovac immer wieder die Startelf auf mehreren Positionen.
„Die Jungs gehen an ihre Grenze“, sagt BVB-Trainer Kovac
Erst im Hinblick auf die Frankfurt-Partie – das erste Heimspiel nach drei Auswärtsspielen in Bodö (Norwegen), Berlin und Baku (Aserbaidschan) beließ er es bei einer Änderung: Weil die Spieler zwischen dem 2:1-Sieg beim Sabah FK am Dienstag und dem Samstag einen Tag mehr zur Erholung hatten.
Am 3. Spieltag der Champions League hat sich Dortmund in Baku zum ersten Sieg nach drei erfolglosen Pflichtspielen gemüht. Der VfB Stuttgart kam gegen Atlético Madrid trotz starker Leistung nicht über ein Unentschieden hinaus.„Wir besprechen die Belastungssteuerung natürlich mit unseren Athletiktrainern und Ärzten“, erklärte Kovac. Deshalb gönnte er dem jungen Innenverteidiger Joan Gadou eine Pause und ließ Ramy Bensebaini spielen – da der am Dienstag, wenn es im DFB-Pokal gegen Werder Bremen geht (20.45 Uhr/live Sky und im Liveticker bei WELT) gesperrt ist. Dennoch räumt auch Kovac ein: „Wir sind uns bewusst, dass die Jungs an ihre Grenzen gehen.“
Es gehört zu den Erfordernissen im modernen Fußball, dass Trainer schon längst nicht mehr nur nach der Form der Spieler aufstellen können. Daten – Blutwerte, Auswertungen individueller Verletzungsrisiken und Regenerationszyklen – diktieren die Mannschaftszusammensetzungen. „Das sind alles Dinge, die du als Trainer im Kopf haben musst“, so Kovac. Für Dienstag kündigte er deshalb bereits die Rückkehr von Bellingham, der in Baku und gegen Frankfurt zweimal von der Bank kam, in die Startelf an.
Die Herausforderung bei dem Puzzle, das immer wieder neu zusammengesetzt werden muss, besteht darin, auch über das jeweils nächste Spiel hinauszudenken – besonders dann, wenn es sich um ein sehr wichtiges handelt. Am kommenden Samstag treten die Dortmunder beim FC Bayern an (18.30 Uhr/live Sky). Es ist die bedeutendste Partie, die die Bundesliga zu bieten hat. Dann muss die bestmögliche Mannschaft aufgeboten werden – mit Spielern, die frisch genug sind. Kovac ist zuversichtlich, dass ihm dies gelingen kann, auch wenn es fußballerisch kein Duell auf Augenhöhe sein wird. „Das ist es sicher nicht. Der FC Bayern ist der Maßstab, der klare Favorit. Aber wir fahren dorthin, um etwas mitzunehmen“, erklärte er.
Tatsächlich hält der BVB allen Unkenrufen zum Trotz die Illusion eines Titelkampfes aufrecht. Denn trotz des klaren spielerischen und qualitativen Gefälles zwischen dem Rekordmeister und seinem ewigen Herausforderer: Die Dortmunder haben Stabilität nachgewiesen. Sie haben in sieben Spielen nur vier Gegentore kassiert und in unterschiedlichen Besetzungen Kompaktheit unter Beweis gestellt. Woran es nach wie vor fehlt, sind kreative Elemente und Torgefahr: Das Kovac-Team hat gerade mal zwölf Tore erzielt – weniger als gleich sieben andere Mannschaften.
BVB mit starker Defensive
Die Hoffnung, dass es in der laufenden Saison gelingen kann, den Abstand zum Branchenführer wieder zu verkürzen, lebt dennoch. Das hat weniger mit Fortschritten in der spielerischen Entwicklung zu tun, die nach wie vor auf sich warten lassen – auch weil mit Giannis Konstantelias und Konstantinos Karestas die entscheidenden Protagonisten verletzt sind.
Karetsas könnte zwar am Dienstag gegen Werder zurückkehren, doch auch er ist taktisch noch nicht integriert. Die Trumpfkarte im Hinblick auf den sogenannten deutschen Klassiker könnte allerdings die physische Robustheit sein: Die Dortmunder haben sich unter Kovac zu einer Mannschaft entwickelt, die in der Regel schwer zu schlagen ist – der Belastungssteuerung sei Dank.
Dass die abgesehen von der Rotation auch positive Aspekte hat, musste selbst der ehrgeizige Beier eingestehen. Damit er den kompletten Sonntag bei der Darts-EM verbringen konnte, hatte ihm Kovac trainingsfrei gegeben.
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