Sein Trainer Miron Muslic bezeichnete ihn als „alten Krieger“, seine Spielweise ist rigoros: Nikola Katic (30) ist Schalkes Abwehrboss. Vor dem Spiel beim 1. FC Köln am Samstag (15.30 Uhr/Sky und im WELT-Liveticker) spricht er über seine besondere Einstellung.
Frage: Welche Regel neben dem Platz brechen Sie nie?
Nikola Katic: Das sind sehr viele. Welche mir spontan einfällt: Ich würde am Tag vor einem Spiel nie lange ausgehen, sondern bin immer zu Hause. Das gehört zu der Disziplin, die mich durch meine bisherige Karriere getragen hat. Es spiegelt sich auf dem Platz wider, wie man sich neben dem Platz verhält.
Frage: Was würden Sie zu einem Mitspieler sagen, der plötzlich mit pink gefärbten Haaren in die Kabine kommt?
Katic: Erst einmal gar nichts, aber ich habe da meine klare persönliche Meinung: So etwas lässt dich schwach wirken. Aber es ist nicht nur im Fußball so: Die Kinder müssen heutzutage nicht mehr so sehr kämpfen, wirken auf mich weicher. Sie haben häufig alles. Und deshalb regen sie mich manchmal auf. Aber gut, das gehört zu der neuen Zeit.
Frage: Ist Ihre Generation stärker als die neue?
Katic: Sie ist in meiner Wahrnehmung stärker und in vielen Bereichen auch respektvoller. Und wir sehen vieles für nicht selbstverständlich an. Ich bin 30 Jahre, und ich bin sehr dankbar für das, was ich machen darf. Dass ich bei Schalke spielen kann, mit all diesen guten Menschen hier. Dass ich in der Bundesliga spiele, in der Nationalmannschaft. Dass ich so bezahlt werde, dass ich gesund bin. Ich nehme mir vor, dass ich diese Einstellung jeden Tag vorlebe. Und ich hoffe, dass jüngere Spieler von mir lernen. So wie ich von Älteren angeleitet wurde und gelernt habe.
Frage: Wie sind Sie so geworden?
Katic: Ich bin in einer Arbeiterfamilie in Bosnien aufgewachsen. Uns wurde nichts geschenkt, meine Eltern haben hart gearbeitet. Meine Mutter hat sich um meinen Bruder und mich gekümmert, mein Vater war in der Armee. Danach hat er mehrere Jobs angenommen. Die prägendste Erinnerung kam dann erst, als ich ein junger Erwachsener war.
Frage: Was ist passiert?
Katic: Mein Vater ist schwer erkrankt. Er stand kurz davor, es nicht zu schaffen. Ich bin sehr religiös, und ich danke Gott, dass er überlebt hat. Und dass es meiner ganzen Familie heute gut geht. In solchen Momenten muss man Verantwortung übernehmen als ältestes Kind – und daran wachsen. Das habe ich gemacht, während meine Fußball-Karriere endlich Fahrt aufgenommen hat.
Frage: Sie wechselten zu den Glasgow Rangers. Zuvor spielten Sie einige Jahre in der dritten Liga Kroatiens. Wie haben Sie das als Jugendlicher hinbekommen?
Katic: Kroatien ist das Nachbarland von uns, deshalb war der Weg nicht allzu weit. Etwa 45 bis 50 Minuten. Weil meine Eltern sehr wenig Zeit hatten, sind ein Kumpel und ich häufig per Anhalter zum Training gefahren.
Frage: Sie haben sich einfach an die Straße gestellt?
Katic: Der Rückweg war meistens kein Problem. Wir sind zur Grenze gelaufen, und hinter der Passkontrolle war ein großer Parkplatz. Dort haben wir immer einen gefunden, der uns mitgenommen hat.
Frage: Was haben Ihre Eltern dazu gesagt?
Katic: Sie haben mir vertraut. Heute wäre es ja unvorstellbar, dass Eltern so etwas erlauben. Mir hat es aber geholfen. Ich habe lernen können, gute von schlechten Menschen zu unterscheiden. Es ging um Vertrauen.
Frage: Wie hoch war Ihr Gehalt, als Sie in Kroatien spielten?
Katic: Wenn ich das richtig erinnere, waren es nicht einmal 150 Euro pro Monat. Für mich war es aber damals unglaublich viel Geld.
Frage: Hatten Sie zu dem Zeitpunkt noch Hoffnung, dass Sie es zum Profi schaffen?
Katic: Es klingt vielleicht verrückt, aber ein klares Ja. Ich habe die Einstellung: Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du auch zurück. Das haben mir meine Eltern jahrelang vorgelebt. Und deshalb habe ich es dann auch bis hierhin geschafft.
Frage: Sie waren ein Jahr lang Nachbar Ihres Landsmanns Edin Dzeko, ehe der zuletzt nach Düsseldorf zog. Wie war das?
Katic: Wir haben jeden Abend zusammen Fußball geschaut. Er ist ein überragender Fußballer, was mir aber häufig viel zu kurz kommt bei ihm: Was für ein großartiger Mensch er ist. Immer freundlich, immer hilfsbereit. Ich habe nicht so viele Menschen in meinem Leben, die ich um Rat fragen kann. Und da spreche ich über sehr private Fragen. Edin ist ein solcher Mensch. Es ist ein Privileg, ihn Freund nennen zu dürfen.
Frage: Und auf dem Platz?
Katic: Ich frage ihn ständig: Wie war es bei Inter? Wie war es bei Manchester City? Ich höre auf jeden Hinweis, den er mir gibt. Es gibt keinen besseren Stürmer, von dem man als Verteidiger so viel lernen kann. Aus meiner Sicht ist Edin hinsichtlich seiner Profikarriere völlig unterbewertet. Vielleicht liegt es an seiner Herkunft. Wenn man aber seine Erfolge sieht, die vielen Jahre, die er auf höchstem Niveau gespielt hat, ist das einfach nur grandios.
Frage: Beendet er nach dieser Saison seine Karriere?
Katic: Ich hoffe nicht! Er hat im vergangenen Sommer darüber nachgedacht, aber seine Liebe zum Fußball war zu groß. Am Ende wird er auf seinen Körper hören, und ich bin mir sicher: Er wird für sich die richtige Entscheidung treffen.
Frage: Was wäre der perfekte Job für ihn?
Katic: Er sagte mir schon häufig, dass er kein Trainer werden möchte. Er sieht es sehr ähnlich wie ich: Die neue Generation, über die wir gesprochen haben, ist häufig schwer zu handeln. Aus meiner Sicht könnte er ein sehr guter Sportdirektor werden. Mit seinem Netzwerk, den vielen Sprachen, die er spricht, seiner Erfahrung – das wäre wahrscheinlich perfekt für ihn.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“) geführt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
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