Es ist ein seltenes Gastspiel. Normalerweise macht Luke Littler einen großen Bogen um Deutschland. Hierzulande schlägt ihm immer wieder die Antipathie des Publikums entgegen, in der Vergangenheit wurde er bei Turnieren mehrfach ausgebuht. Zum Majorturnier, der European Championship, kommt er trotz eines seit Frühjahr 2025 geltenden Deutschland-Boykotts light nach Dortmund. Am Freitagabend trifft er in der ersten Runde auf den irischen Außenseiter William O’Connor. Die European Championship ist das einzige Majorturnier, das Littler mit 19 Jahren noch nicht gewonnen hat.

Frage: Herr Littler, bis zur Sommerpause haben Sie alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Seitdem mussten Sie zwei frühe Ausscheiden hinnehmen. Was hat Ihnen diese Serie bedeutet?

Luke Littler: Es ist enttäuschend, wenn eine solche Serie endet, weil man jedes Turnier gewinnen möchte, an dem man teilnimmt. Aber man kann nicht alles gewinnen. Es gibt so viele gute Spieler, die dich schlagen können, wenn du nicht dein bestes Darts spielst. Ich habe in den vergangenen beiden Jahren viele Titel gewonnen, und daraus ziehe ich viel Selbstvertrauen. Jetzt geht es darum, wieder ans Trainingsboard zu gehen und auf das nächste Turnier zu schauen.

Frage: Beim World Grand Prix haben Sie sensationell in der 1. Runde gegen Luke Woodhouse verloren. Was ist da schiefgelaufen?

Littler: Der World Grand Prix ist wegen des Double-in-Modus immer ein schwieriges Turnier. Wenn man nicht früh in seinen Rhythmus findet, kann es schwer werden. Ich bin gut gestartet, aber Luke hat gut gespielt und seine Chancen genutzt. Es ist enttäuschend, weil ich meinen Titel verteidigen wollte. Aber es ist, wie es ist. Ich werde schauen, woran ich arbeiten muss, und mich dann auf das nächste Turnier konzentrieren.

Frage: Ab dem 11. Dezember wird der nächste große Titel vergeben: bei der Weltmeisterschaft im legendären Alexandra Palace. Vorher gibt es unter anderem noch die EM in Dortmund. Worauf setzen Sie Ihren Fokus?

Littler: Am liebsten würde ich alle verbleibenden Turniere gewinnen. Es stimmt, neben der Weltmeisterschaft stehen noch die European Championship in Dortmund, der Grand Slam of Darts in Wolverhampton und die Players Championship Finals in Minehead an. Es gibt also noch einige große Titel, die ich gerne holen würde.

Frage: Sie meinen Ihren dritten WM-Titel.

Littler: Man darf sich nicht zu sehr auf ein bestimmtes Turnier konzentrieren, weil immer alles passieren kann. Aber natürlich wäre ein dritter WM-Titel schon ziemlich schön.

Frage: Zuletzt haben Sie bei Ihren Spielen eine sehr aufgeheizte Atmosphäre erlebt, vor allem außerhalb Großbritanniens. Wie gehen Sie damit um, wenn Zuschauer pfeifen?

Littler: Das habe ich im vergangenen Jahr ziemlich oft erlebt, besonders in Europa. Deshalb musste ich mich daran gewöhnen. Manchmal kann einem das sogar zusätzliche Motivation geben, wie im Ally Pally. Aber ich lerne immer noch, wie ich damit umgehen muss. Am Ende des Tages muss ich mich auf mein eigenes Spiel konzentrieren und meinen Job erledigen.

Frage: Die Leute wollen Sie offenbar verlieren sehen.

Littler: Ich glaube, je mehr ich gewonnen habe, desto mehr wollen die Leute natürlich auch mal jemand anderen gewinnen sehen. Vor allem, wenn man gegen einen Lokalmatador spielt. Das habe ich in Deutschland und den Niederlanden erlebt. Es ist, wie es ist. Man muss damit umgehen und sich auf sein eigenes Spiel konzentrieren.

Zweimal durfte Littler den WM-Pokal schon küssen – bis zu Phil Taylor fehlen ihm aber noch 14 Titel

Frage: Welche Atmosphäre er­warten Sie im Ally Pally? Pro Session werden 2000 Fans mehr dabei sein.

Littler: Der Ally Pally war für mich schon immer ein unglaublicher Ort zum Spielen, und die Unterstützung, die ich dort über die Jahre bekommen habe, war unglaublich. Egal, welche Atmosphäre mich dieses Mal erwartet: Ich werde darauf vorbereitet sein und den Fans hoffentlich großartiges Darts bieten.

Frage: Wenn Sie auf dieses Jahr zurückblicken: Wie hat sich der Druck bei Ihrer WM-Titelverteidigung von dem Druck unterschieden, den Sie bei Ihrem ersten WM-Triumph verspürt haben?

Littler: Beim ersten Mal bin ich dorthin gefahren und wollte den Titel gewinnen. Einen Titel zu verteidigen, bringt eine andere Art von Druck mit sich, weil man weiß, was nötig ist, um es bis ganz nach oben zu schaffen. Du bist derjenige, den alle schlagen wollen. Aber seit meinem ersten WM-Finale habe ich viel gelernt und weiß inzwischen besser, wie ich mit der Nervosität umgehen kann. Man darf gedanklich nicht zu weit voraus sein. Man muss sich auf das erste Spiel konzentrieren, das gewinnen, und dann von Match zu Match schauen.

Frage: Ihr großer Rivale ist mit Luke Humphries ein Landsmann. Haben Sie das Gefühl, dass Sie durch ihn noch besser werden?

Littler: Wir wollen beide alles gewinnen, und ich glaube schon, dass wir uns gegenseitig dazu bringen, unser Niveau noch einmal zu steigern. Wir hatten einige großartige Matches, und ich glaube nicht, dass einer von uns beiden schon annähernd am Ende ist. Das ist gut für den Sport, weil wir beide um die größten Titel kämpfen. Dadurch werden auch die anderen angespornt, sich weiter zu verbessern. Ich bin mir sicher, dass wir in den kommenden Jahren noch viele Duelle haben werden. Und ich möchte natürlich so viele davon wie möglich für mich entscheiden.

Frage: Wenn Sie auf Rekorde wie die 16 WM-Titel von Phil Taylor schauen: Motiviert Sie das, oder ist es noch viel zu früh, über solche Bestmarken nachzudenken?

Littler: Das ist ein unglaublicher Rekord, aber darüber denke ich im Moment nicht nach. Ich habe noch einen langen Weg in meiner Karriere vor mir. Ich versuche einfach, so viel wie möglich zu gewinnen. Dann schauen wir, was passiert.

Frage: In England sind Sie ein Superstar. Wenn Sie das Haus ­verlassen, brauchen Sie regelmäßig Bodyguards an ­Ihrer Seite. Bekommen Sie auch mit, wie stark Ihre eigene Bekanntheit und der Dartsport insgesamt in Deutschland gewachsen sind?

Littler: Ja, man sieht, wie sehr Darts in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Immer mehr Menschen schauen zu, und das Interesse an den Spielern wird größer. Das ist gut für unseren Sport, und hoffentlich geht diese Entwicklung weiter. Deshalb war es auch schön, den „Sport Bild“-Award (Weltmeister-Award, d. Red.) bekommen zu haben. Es ist immer schön, Anerkennung zu erhalten, besonders in einem anderen Land.

Frage: Darts boomt weltweit. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Gründe für dieses Wachstum?

Littler: Ich glaube, die Fans und die Atmosphäre spielen dabei eine große Rolle. Darts lässt sich einfach gut anschauen. Dazu kommen die sozialen Medien. Dort sehen die Leute die großen Finishes und bekommen dadurch Interesse am Sport. Außerdem gibt es inzwischen sehr viele gute Spieler. Das macht die Turniere spannend.

Frage: Wie hat sich die Sportart in den vergangenen Jahren verändert?

Littler: Darts bekommt heute viel mehr Aufmerksamkeit, und die Zuschauerzahlen bei den Events scheinen jedes Jahr größer zu werden. Auch das Niveau ist extrem hoch. Man muss in jedem Spiel gut spielen, weil dich jeder schlagen kann.

Frage: Was möchten Sie den Menschen neben Ihren sportlichen Erfolgen einmal in Erinnerung lassen?

Littler: Ich möchte dafür in Erinnerung bleiben, dass ich Turniere gewonnen und gutes Darts gespielt habe. Und wenn ich zusätzlich dazu beigetragen habe, dass mehr Menschen den Sport verfolgen und selbst Darts spielen, gerade junge Leute, dann ist das eine gute Sache.

Frage: Wie sieht für Sie ein typischer Tag während eines Turniers aus?

Littler: Ich esse etwas, trainiere ein ­bisschen, und dann geht es einfach los. Während des Spiels denke ich nur von Leg zu Leg und versuche, mich nicht zu sehr damit zu beschäftigen, was noch vor mir liegt. Danach entspanne ich einfach und freue mich aufs nächste Spiel, ganz egal, ob ich gewonnen oder verloren habe.

Frage: Gibt es bei Ihrer Vorbereitung etwas, das die Menschen überraschen würde?

Littler: Eigentlich nicht. Ich halte die Dinge gerne einfach, absolviere mein Training und möchte mich vor einem Spiel wohlfühlen. Nicht zu viel über die Sachen nachzudenken, hilft enorm.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“) geführt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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