Anderthalb Wochen liegen die Dramen des Ironman Hawaii zurück. Eine der Hauptdarstellerinnen im Krimi von Kona, an dessen Ende bei den Männern sensationell der Franzose Vincent Luis gewann und sich bei den Frauen die Amerikanerin Taylor Knibb nach ihrem Zusammenbruch 2025 nun die Krone holte, war Lucy Charles-Barclay.

Elf Frauen und elf Männer mussten das WM-Rennen vorzeitig beenden – eine bemerkenswert hohe Anzahl. Das Aus der 33 Jahre alten Mitfavoritin stach für viele Beobachter heraus und bewegte die Triathlonszene besonders. Denn fast genau an derselben Stelle wie im vergangenen Jahr verließen die Britin die Kräfte beim abschließenden Marathon. Jetzt meldete sie sich in den sozialen Netzwerken zu Wort. Sie habe Zeit dafür gebraucht, schreibt sie. „Ehrlich gesagt, tut es immer noch weh.“ Und weiter: „Vielen Dank für jede einzelne Nachricht. Ich habe sie alle gelesen, auch die, auf die ich mich nicht dazu durchringen konnte, zu antworten. Sie haben mir mehr bedeutet, als ihr ahnt.“

Lucy Charles-Barclay am Rennmorgen in Kailua Kona

Seit vielen Jahren schon zählt Charles-Barclay zu den ganz Großen auf der Triathlon-Mittel- und Langdistanz. Nach vier zweiten Plätzen bei der Ironman-WM gelang ihr im Jahr 2023 endlich der lang ersehnte Triumph bei dem prestigeträchtigsten Rennen der Szene. Trainiert von dem Luxemburger Dan Lorang, der auch Jan Frodeno und Anne Haug zu Champions geformt hatte, sagte sie damals: „Ich kann es nicht in Worte fassen. Die letzten Jahre waren so hart. Ich wollte diesen Triumph, seit ich mit diesem Sport begonnen habe. Ein Kindheitstraum.“

2025 dann lieferte sie sich ein packendes Duell um den Sieg mit Taylor Knibb. Ein Kampf, dem beide Athletinnen noch im Rennen Tribut zollen mussten. Entkräftet, zeitweise gehend und leicht schwankend kam die Britin im berüchtigten Streckenabschnitt Energy Lab an ihre Grenzen. Ihr Mann und Trainer Reece stand am Wegesrand und nahm sie aus dem Rennen.

„Ich weiß immer noch nicht, was passiert ist“

Das Bild, wie die zwei dort einsam in der Lavawüste in inniger Umarmung standen, prägte sich ein. Einen Monat später kehrte Charles-Barclay als Siegerin der Ironman-70.3-Weltmeisterschaft in Marbella zurück auf das oberste Siegerpodest. Hawaii beziehungsweise die Langdistanz zählt in der Triathlonwelt für die meisten zwar mehr – für Charles-Barclay definitiv auch –, aber der Triumph nach dem Hawaii-Aus war wichtig für die Britin.

Lucy Charles-Barclay und ihr Mann Reece auf Hawaii (l.) und im Ziel von Marbella

In diesem Jahr aber ist der Rennkalender ein anderer: Die WM auf der Mitteldistanz fand bereits vor der Ironman-WM statt – Barclay hatte zugunsten einer besseren Hawaii-Vorbereitung verzichtet. „Letztes Jahr“, schreibt sie, „bot uns Marbella eine Chance auf Wiedergutmachung. Dieses Jahr gibt es keinen schnellen Weg, das wieder gutzumachen.“

Was genau war passiert? Charles-Barclay war gewohnt stark in das Rennen gestartet und hatte die Konkurrenz auf der 3,86 Kilometer langen Schwimmstrecke deklassiert. Während der 180 Kilometer auf dem Rad zog Taylor Knibb dann vorbei, fuhr einen Vorsprung von gut drei Minuten heraus. Beim Laufen zog dann auch Titelverteidigerin Solveig Løvseth an ihr vorbei – die Norwegerin aber brach später als Führende nur einen Kilometer vor dem Ziel zusammen und kämpfte sich 26 Minuten lang für die finalen Meter ins Ziel. Da hatte Charles-Barclay längst aufgegeben.

Es geschah erneut im sogenannten Energy Lab, sogar in etwa an derselben Stelle wie 2025. Nach etwa 22 Kilometern des Marathons biegen die Athleten auf Hawaii vom Queen Kaʻahumanu Highway in das Energy Lab ab, ein Bereich mit einem Forschungszentrum. Etwa vier Kilometer bis zu einem Wendepunkt und wieder zurück – auf dem Rückweg ging bei der Britin nichts mehr. Völlig entkräftet und sich kaum auf den Beinen haltend, setzte sie sich hin. Ihr Mann kam zu ihr – das war’s.

„Ich weiß immer noch nicht, was passiert ist“, schreibt sie jetzt. „Ich habe an die Arbeit geglaubt. Ich habe an mich selbst geglaubt. Ich habe an mein Team geglaubt. Wir hatten uns auf so viele Szenarien vorbereitet. Nur nicht auf dieses.“

Charles-Barclay spricht über Scham

Neben Ratlosigkeit und Schmerz spricht sie noch etwas anderes an: Scham. „Es fällt mir nicht leicht, das hier zuzugeben. Es war mir peinlich“, sagt sie. „Ich hatte Angst davor, verurteilt zu werden, wenn es mir ohnehin schon schlecht geht.“

Sie werde jetzt alles hinterfragen, unter die Lupe nehmen, sich die schwierigen Fragen stellen und ändern, was geändert werden muss. Sie schließt mit den Worten: „Mir geht es noch nicht gut. Aber das wird es wieder.“

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