Dieser Titel hatte Leo Neugebauer noch gefehlt. Der amtierende Weltmeister legte Mitte August bei der Leichtathletik-EM in Birmingham die Goldmedaille nach. Dabei wurde es aber zum Schluss ganz knapp. Vor dem abschließenden 1500-Meter-Lauf lag er mit 154 Punkten knapp vor seinem Landsmann Niklas Kaul. Während des Rennens schmolz der Vorsprung zusammen, weil Kaul der stärkere Läufer ist. Doch es reichte: Neugebauer stürzte sich über die Ziellinie und gewann mit 38 Zählern Unterschied. Gespräch über eine besondere Saison und kommende Ziele.
Frage: Herr Neugebauer, bei der EM in Birmingham wurden Sie Zehnkampf-Europameister. Doch in der letzten Disziplin wurde es knapp. Sie schmissen sich mit letzter Kraft ins Ziel. Wie oft haben Sie die Szenen von Ihrem Zieleinlauf gesehen?
Leo Neugebauer: Ich habe den Zieleinlauf ganz, ganz oft angeschaut. Auch einfach nur, weil es echt so lustig ist, wie die Beine aufgegeben haben und ich mich dann über diese Ziellinie gerettet habe – und es dann doch noch für die Goldmedaille gereicht hat.
Frage: Was wäre passiert, wenn das 1500-Meter-Rennen bei der EM 1503 Meter lang gewesen wäre?
Neugebauer: Schwer zu sagen. Aber der 1500er hat wirklich wehgetan! Mein rechter Fuß lag am Ende ja knapp vor der Ziellinie, daher sagten mir schon einige, dass der Fuß das Rennen nicht ganz beendet hat. Aber die Brust reicht ja aus.
Frage: Schrie der Kopf Gold und der Körper Schluss?
Neugebauer: Es war witzig. 100 Meter vor dem Ziel dachte ich: Es fühlt sich gut an. Ich schaffe das! Und dann 50 Meter weiter war es, als ob man einen Lichtschalter ausknipst. Die Beine hörten auf einmal nicht mehr auf meinen Kopf. Die haben einfach gemacht, was sie wollten. Ich dachte nur: Nein, nein, jetzt nicht aufgeben! Ich habe nur die Ziellinie gesehen und meine Brust nach vorn geworfen.
Deutschlands Leichtathleten feiern bei der EM in Birmingham zweimal Gold, Silber und Bronze. Leo Neugebauer siegt im Zehnkampf vor Niklas Kaul, Gesa Krause holt Gold über die Hindernisse, Henrik Janssen gewinnt Bronze im Diskuswurf.Frage: Zwischen den zwei Zehnkampf-Tagen gibt es eine Nacht. Wie gut schlafen Sie da?
Neugebauer: Eigentlich immer super, weil ich so kaputt bin. Ich falle nur noch aufs Bett. Wenn ich mal ein Schlafproblem hatte, dann eher vor dem ersten Tag, weil ich dort noch ein bisschen nervös war. Aber das habe ich unter Kontrolle.
Frage: Was essen Sie während des Wettkampfes, wenn Sie Energie brauchen?
Neugebauer: Ich liebe Müsli-Riegel generell. Davon esse ich so viele, die sind ein bisschen mein „Guilty Pleasure“ (Vergnügen, für das man sich schuldig fühlt; d. Red.). Von denen könnte ich Packungen hintereinander essen, egal, ob während des Trainings oder zu Hause. Ansonsten habe ich immer ein bis zwei Dosen Red Bull während der Sessions dabei. Die helfen mir, mein Energielevel hochzuhalten.
Frage: Stichwort Energie. Beim Training an der Universität von Texas, wo Ihr Lebensmittelpunkt ist, heißt der Montag „Murder Monday“, also Mords-Montag. Was passiert da genau?
Neugebauer: Es gibt diesen Song: „Somebody’s gonna die today.“ Also heute wird einer sterben, im übertragenen Sinne beim Training. Das Lied spielen wir immer am Montag. Dann liegt am Ende des Trainings jedes Mal jemand am Boden, der steht einfach nicht mehr auf, weil er so am Ende ist. Der Coach brüllt dann: „Steh auf, los, nächster Lauf!“ Es ist immer mindestens einer, und manchmal bin auch ich es.
Leo Neugebauer wurde dieses Jahr beim SPORT-BILD-Award mit dem „Sonderpreis der Chefredaktion“ durch die Moderatorin Esther Sedlaczek und Chefredakteur Henning Feindt ausgezeichnetFrage: Ihnen scheint alles zu gelingen. Gibt es etwas, woran Sie scheitern?
Neugebauer: Wenn ich zu einem Flieger muss, denke ich immer: Ich bin der beste Packer, schaffe das locker in einer halben Stunde. Aber das klappt nie. Ich bin immer ganz knapp am Fliegerverpassen.
Frage: Sie strahlen diese positive Grundeinstellung zum Leben und Sport aus. Haben Sie auch einmal Selbstzweifel, und wie überwinden Sie diese Situationen?
Neugebauer: Ja, natürlich. Ich kenne das Gefühl. Beispielsweise wenn ein Training vor dem Wettkampf nicht so gut läuft, bin ich auch etwas unsicher, ob es im Wettkampf gut sein wird. Wichtig ist dann, meiner Meinung nach, immer wieder auf die Erfahrung zu vertrauen. Das bekomme ich aber immer besser umgesetzt. Ich versuche dann, aus meiner Erfahrung zu schöpfen und trotzdem selbstbewusst heranzugehen.
Frage: Bei Instagram haben Sie Kinderfotos mit Urkunden und Pokalen gepostet, zusammen mit Ihrem Vater Terence. Was war damals Ihr Traum, den Sie im Sport erreichen wollten?
Neugebauer: Ich habe meine Erwartungen bisher übertroffen. Das liegt aber auch vor allem daran, dass ich mir gar nicht zu viele Gedanken darüber gemacht habe, was ich im Sport erreichen will. Ich habe versucht, den Fokus immer auf den Sport zu legen, weil ich Spaß daran habe. Damals war der Traum schon, Profisportler zu werden, aber dass es für so viel gereicht hat, ist schon krass.
Frage: Ihr Vater war bei der EM Ihr größter Fan und war mit Ihrem Fanclub dort. Wie sehr hören Sie Ihre Anhänger beim Wettkampf?
Neugebauer: Es hilft sehr, weil man sie immer hört. Also wirklich egal, wo man ist: Man hört immer die Fankurve. Das stärkt einem noch mal ein bisschen den Rücken, zu wissen, dass da oben viele Leute sind, die richtig für einen sind, einen anfeuern und sehen wollen, dass man gut performt. Das gibt einem bei den Versuchen einfach noch extra Kraft. Das Erste, was mein Vater mir nach dem EM‑Sieg gesagt hat, war: „Gut gemacht, Junge.“
Frage: Was war das Besondere an der Leichtathletik-EM?
Neugebauer: Unsere Team-Chemie war einfach verrückt. Alle waren gut drauf, wir haben uns gegenseitig angefeuert. Selbst während der Wettkämpfe guckten wir, was die anderen machen. Sobald du einen anderen Deutschen gesehen hast, haben wir uns abgeklatscht. Den Erfolg hat man gesehen: Wir haben so gut performt wie lange nicht mehr. Auch im Zehnkampf mit mir als Erstem und Niklas (Kaul) als Zweitem war die Chemie super. Das hat Mega-Spaß gemacht.
Im Medaillenregen von Birmingham hat Leo Neugebauer trotz ganz viel Drama einen kühlen Kopf bewahrt und sich zum Zehnkampf-Europameister gekürt. "Fehler interessieren ihn im Grunde genommen nur ein Mal“, sagt Olympia-Silbermedaillengewinner Frank Busemann bei WELT TV.Frage: Wie hat sich Ihre Bekanntheit durch Titel und Auszeichnungen, unter anderem als Sportler des Jahres, entwickelt?
Neugebauer: Das Krasse ist, über die vergangenen Jahre werde ich immer mehr zu einem „Household Name“, wie man auf Englisch sagt. Also jemanden, den man kennt. Wenn man Menschen in Deutschland meinen Namen nennt, wissen immer mehr damit etwas anzufangen. Der ist doch Weltmeister oder war bei Olympia (Silbermedaille in Paris 2024, Anm. d. Red.). Ich finde es echt krass, dass es solche Wellen schlägt und mich ganz viele Deutsche kennen. Selbst hier in Amerika werde ich mal erkannt. Ich fühle mich eigentlich immer noch wie der ganz normale Stettner Junge (aus Leinfelden-Echterdingen in Baden-Württemberg).
Frage: Wie mental und körperlich anstrengend war diese Saison mit drei Zehnkämpfen?
Neugebauer: Das war schon echt hart, also mental und physisch. Vor allem, weil ich das noch nie gemacht habe. Aber es war auch einfach meine persönliche Challenge, das so zu machen. Dass am Ende alles so erfolgreich abläuft, ist einfach super. Besser hätte ich es mir nicht erhoffen können. Jetzt gebe ich meinem Körper vorerst noch mal ein bisschen Ruhe.
Frage: Wie sieht Ihr Plan bis zur nächsten Saison für den Herbst, Winter und das Frühjahr aus?
Neugebauer: Ich will einfach noch mal eine richtig gute Grundkondition über diesen Herbst, Winter und Frühling aufbauen, sodass man dann im Sommer echt richtig fit ist, vor allem in den ganzen Lauf- und Sprintsachen. Ich glaube, wenn die Basis einmal da ist, dann passt es. Genauer will ich den Fokus noch mal auf den Sprint legen.
Frage: Sie schreiben bei Instagram, dass Sie immer nach Abenteuern suchen. Welches reizt Sie als Nächstes?
Neugebauer: Mich reizt jetzt schon wieder die WM im nächsten Jahr, natürlich auch mit weiterem Blick auf Olympia 2028 in Los Angeles. Ich freue mich schon mega auf beides. Die WM wird wieder eine gute Generalprobe, gerade in Bezug auf 2028.
Frage: Sie leben große Teile des Jahres in den USA. Wie steigert das noch zusätzlich den Stellenwert der Sommerspiele in Los Angeles?
Neugebauer: Deutschland und die USA sind meine zwei Länder, in denen ich gerade mein ganzes Leben verbringe. Ich bin jetzt auch schon seit sechseinhalb Jahren in Amerika. Olympia 2024 in Paris war schon krass, aber ich habe das Gefühl, in Los Angeles wird noch eine Schippe draufgepackt. Mit dem ganzen Hype in LA drumherum. Das wird unfassbar.
Frage: Wie gut kennen Sie Los Angeles?
Neugebauer: Ich war schon mal dort, und es ist bereits richtig voll. Ich habe mir gedacht: Stell dir mal vor, die Olympischen Spiele sind auch noch mal obendrauf. Das wird wirklich krass. LA ist eine sehr coole Stadt.
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