Die Masse an Informationen, Produkten und Tipps zum Thema Langlebigkeit ist immens und wächst stetig weiter. Darin liegen Chance und Gefahr. Letzteres, weil sich mit der Hoffnung der Menschen auf ein langes, gesundes Leben auch trefflich Geld machen lässt.

Alessandro Falcone, Arzt mit Schwerpunkt Prävention und Longevity sowie Doktorand am Deutschen Diabetes Zentrum, setzt sich mit der Thematik auseinander. Sein Ziel: wissenschaftlich fundierte Medizin verständlich machen und Menschen dabei unterstützen, länger gesund und leistungsfähig zu bleiben. Als Host des Podcasts „Modern Medicine“ spricht er regelmäßig mit führenden Expertinnen und Experten aus Medizin, Ernährungs- und Trainingswissenschaft über evidenzbasierte Strategien für ein langes und gesundes Leben.

Im WELT-Interview ordnete er Hype und Nutzen ein und nannte die besten Methoden, um gesunde Lebensjahre zu gewinnen. Jetzt geht es um große Versprechen und fragwürdige Tools, um Nahrungsergänzungsmittel und seine persönliche Routine – sowie um die Zukunft.

WELT: Herr Falcone, es gibt Longevity-Tools, die wenig bis nichts bringen. Sind manche auch gefährlich?

Falcone: Es gibt auf jeden Fall eine ganze Menge experimenteller Therapien, die unter dem Begriff Longevity jetzt schon angewandt werden, wo die Forschung aber noch nicht so weit ist, dass wir sicher abschätzen können, ob ein Nutzen-Risiko-Verhältnis positiv ausfällt. Ich verwende gern das Bild vom Longevity-Freizeitpark als eine Metapher. Dinge, die sehr neu sind, oft teuer, sich cool anhören, cool aussehen. NAD-Infusionen sind ein gutes Beispiel (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid, Anm. der Redaktion). Sie sind super teuer. Aber es gibt keine Studie, die irgendeinen Nutzen belegen würde. Das macht auch biologisch keinen Sinn. Wenn man das NAD-System angeht, dann eher mit oralen Supplementationen – das funktioniert viel besser. Aber Infusionen kann man natürlich besser verkaufen … Es gibt viele weitere Dinge.

WELT: Zum Beispiel?

Falcone: Einige Medikamente werden jetzt gegen den Alterungsprozess selbst genutzt, was grundlegend ein sehr valides und vielversprechendes Feld ist. Das Problem ist, wenn man schneller versucht, Dinge anzuwenden, als die Wissenschaft es erlaubt. Beispiel Metformin, das gern als Verjüngungsmedikament angesehen wird. Da wissen wir aus harten Daten, dass das zum Beispiel die Sportanpassungen reduzieren kann. Und wir haben ja im ersten Interview darüber gesprochen, wie wichtig Kraftausdauer ist. Wenn ich jetzt ein Medikament nehme, das mir da potenziell schaden kann, dann ist das schlecht.

WELT: Was ist mit Rapamycin?

Falcone: Das vielleicht bekannteste Medikament aus dem Longevity-Bereich. Dazu gab es kürzlich wieder ein veröffentlichtes Trial, das gezeigt hat, dass es keinen Vorteil brachte. Stattdessen zeigte sich ein Hinweis auf eher negative Effekte auf die Trainingsanpassung. Das heißt, da muss man ganz vorsichtig sein. Es ist vielversprechend, aber man sollte nicht voreilige Schlüsse ziehen und anfangen, Leute zu behandeln.

WELT: Ein sehr großes Thema sind auch Nahrungsergänzungsmittel. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich eher teuren Urin produziere, als mir etwas Gutes tue?

Falcone: Supplements sind ein emotional sehr aufgeladenes Thema. Ganz ehrlich: Es wird von beiden Seiten verkürzt und vereinfacht dargestellt. Man hat auf der einen Seite natürlich die Anbieter, die es anpreisen, als wäre es der heilige Gral. Auf der anderen Seite aber wird – auch gerade aus der Medizin, oft aus der konservativen Medizin – auch gern mal alles pauschal abgetan. Nach dem Motto: „Teurer Urin, alles Quatsch.“ Das kann man aber nicht so einfach sagen. Es gibt individuelle Probleme – mit bestimmten Nährstoffen zum Beispiel. Vitamin D ist ein Problem in Deutschland; da sollte man gezielt nachschauen und gezielt supplementieren. Das ist dann ein Gesundheitsnutzen.

WELT: Aber Sie sagen es ja: nachschauen und gezielt supplementieren. Also erstmal zum Arzt und checken lassen. Bei einem Mangel dann eingreifen.

Falcone: Richtig. Man kann allerdings im Fall von Vitamin D schon davon ausgehen, dass ein Großteil der Menschen in Deutschland suboptimal versorgt ist. Wenn man sich den Bluttest sparen will, kann man mit einer niedrigen Dosis auch so supplementieren. Das Optimum ist aber, erst einmal zu messen. Das gilt auch bei anderen Nährstoffen. Mit Blick auf Supplements können aber nicht nur Nährstoffe wichtig sein, sondern zum Beispiel auch Creatin. Ein sehr gut belegtes Supplement, das körperliche Leistungsfähigkeit verbessern und für Sportler relevant sein kann. Das heißt, man kann nicht pauschal sagen: „Alles Quatsch.“ Aber man sollte nicht mit der Gießkanne hundert Supplements wie ein Bryan Johnson einwerfen. Das ist nicht sinnvoll.

"Supplements sind ein emotional sehr aufgeladenes Thema“, sagt Falcone

WELT: Wie ist denn, ganz persönlich, Ihre Routine beim Start in den Tag und danach?

Falcone: Meine Devise ist, wenig Zeit zwischen Aufstehen und Arbeit verstreichen zu lassen. Ich achte darauf, dass ich morgens Tageslicht bekomme, um einfach wach zu werden. Thema zirkadiane Rhythmik. Ich achte zudem auch darauf, dass ich so viel Sport wie möglich in meinen Alltag integriere. Phasenweise ist das natürlich ein bisschen weniger, aber meistens versuche ich, fünfmal die Woche Sport zu treiben, weil das ein sehr großer Hebel ist. Und: Mein Schlaf ist mir heilig. Ich versuche, ihn wirklich zu priorisieren, weil ich auch sonst nicht funktioniere.

WELT: Generell ist die Masse an Informationen zum Thema Longevity und Gesundheit enorm. Sowohl von Herstellern als auch in den sozialen Netzwerken. Haben Sie einen Tipp, um den Überblick zu behalten, was richtig und qualitativ gut ist?

Falcone: Das ist ganz schwierig, weil es keine pauschale Antwort gibt. Man könnte ja sagen, und das tun viele: Nur Tipps von qualifiziertem Personal nehmen. Aber ganz ehrlich: Es gibt leider viele Leute, die einen Doktor- oder sogar Professoren-Titel haben, und Dinge behaupten, die – vor allem, wenn es außerhalb des eigenen Fachs ist – nicht korrekt sind. Das heißt, es gibt keine Garantie für richtige Informationen. Man sollte aber darauf achten, dass die Person grundsätzlich evidenzbasiert arbeitet, dass sie vielleicht eine Qualifikation hat, dass sie ihre Aussagen belegt. Ganz wichtig ist die Sprache, die Formulierung.

WELT: Wann sollten alle Alarmglocken angehen?

Falcone: Wenn jemand sagt: „Das ist der Game Changer! Das ist so! Das hilft, das heilt!“ … dann gehen alle Alarmglocken an. Wenn jemand sagt: „Es könnte hilfreich sein in bestimmten Umständen …“ und eine seriöse Kommunikation anbietet, dann ist das oft ein Zeichen, dass sich jemand eher auskennt mit dem Thema oder auch manchmal zugibt, wenn er etwas nicht weiß.

WELT: Wenn wir in die Zukunft blicken, fallen Begriffe wie Geromedizin oder Thymus. Worauf setzen Sie persönlich die größte Hoffnung beim Thema Longevity?

Falcone: Das Wichtigste ist, dass wir eine proaktive Medizin schaffen, dass wir diesen Switch von der reaktiven in die proaktive Medizin vollziehen. Dann wäre ich komplett zufrieden. Wenn du mich fragst, was große Relevanz darüber hinaus an Longevity-Medizinstrategien hat, finde ich die geromedizinischen Medikamente gegen das Altern spannend. Aktuell werden viele Medikamente, die eigentlich im Einsatz sind für andere Indikationen, versucht umzumünzen. Aber immer mehr wird auch versucht, Medikamente neu zu entwickeln. Und davon halte ich viel. Ich glaube, dass da in nächster Zeit, vor allem, wenn wir das richtig erforschen können, viel zu holen ist. Vor allem, wenn wir das auch proaktiv einsetzen, um den Alterungsprozess selbst anzugehen.

Alessandro Falcone

WELT: Letzte Frage: Würden Sie gern 100 werden?

Falcone: Gesund und fit – mit dieser Einschränkung auf jeden Fall. Aber zehn Jahre noch auf der Intensivstation liegen… nein. Und ganz schlimm wäre für mich persönlich Demenz. Das eine ist der Körper, das andere ist, wenn man kognitiv nicht mehr auf der Höhe ist. Davor habe ich persönlich große Angst. Deswegen ist es so wichtig, dass man auf sich achtgibt. Die gute Nachricht ist: Viele der Dinge, die für den Körper gut sind, sind genauso gut für das Gehirn und für die Demenzprotektion.

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