Ein letztes Mal wollte Patrick Lange auf seiner Lieblingsinsel brillieren, wollte zeigen, dass er auch mit 40 Jahren auf Hawaii zu Besonderem fähig ist. Wollte es genießen, vor seinem Karriereende im Sommer 2027 noch einmal bei der Ironman-WM mitzumischen. An jenem Ort, der ihm in den vergangenen zehn Jahren alles abverlangt hat, der ihn groß gemacht und geprägt hat. Und dann das: Sein finaler Hawaii-Akt gerät zum Drama, er versucht noch weiterzumachen, muss aber nach der Hälfte der Radstrecke aufgeben.

Ein bitterer Abschied für einen Großen dieses Sports – am Tag, als sich der Franzose Vincent Luis sensationell vor dem Norweger Gustav Iden den Titel holte und Laura Philipp bei einem an Dramatik nicht zu überbietenden Frauenrennen Platz zwei feierte. Lange meldete sich später im ZDF zu Wort. „Eines der härtesten DNFs in meinem Leben“, sagte er – und trug dabei ein gelbes Volunteer-Shirt. Denn der 40-Jährige war zurückgekehrt an die Strecke, um zu helfen. „Ich habe mich entschieden, wenn ich schon nicht die Finishline respektieren kann, dann möchte ich wenigstens die Energie zurückgeben, an der Strecke helfen und es ein bisschen leichter machen für diejenigen, die die Finishline hoffentlich heute sehen werden.“

Dabei hatte in der Morgendämmerung des Samstags alles so gut begonnen für ihn. Lange, der nicht zu den stärksten Schwimmern zählt und der angesichts der jüngeren und mittlerweile so stark radfahrenden Konkurrenz nicht zu den Favoriten gehörte, brachte sich in eine perfekte Ausgangsposition: Nach 3,86 Kilometern im Pazifik stiegen 24 Athleten innerhalb von 31 Sekunden aus dem Wasser – Lange war einer von ihnen. Die Ausgangslage konnte nicht besser sein. Nun ging es darum, den Rückstand auf dem Rad nicht zu groß werden zu lassen, damit er am Ende die Chance haben würde, seine Laufstärke auszuspielen.

Konnte er also tatsächlich bei seinem letzten Hawaii-Auftritt noch einmal auf das Podest laufen oder gar um den Sieg kämpfen? Wieder einmal in Kona über sich hinauswachsen und das Beste aus sich herausholen? Es schien möglich. Dass sein Rückstand auf dem Rad wuchs, war lange kein Grund zur Sorge. Irgendwann aber war klar: Da stimmt etwas nicht.

„Es war grausam, das zu sehen“

Dann wiederholte sich Geschichte. In etwa an jener Stelle, an der er 2019 entkräftet vom Rad steigen musste, weil ihm mehrmals schwarz vor Augen geworden war, hielt er erneut – nach etwa 2:27 Stunden im Rennen. Der 40-Jährige sprach mit seinem Trainer Ben Reszel und fasste sich an seinen hinteren Oberschenkel. Offenbar ein muskuläres Problem. Etwa zwei Minuten steht Lange am Straßenrand, bevor er weiterfährt.

2019 geschah es das erste Mal, dass Lange die Insel nicht mit einem Lächeln verließ. „Ich fühle mich auf Hawaii sehr stark verwurzelt und verbunden“, sagt er. „Es gibt einfach solche Orte. Und das war für mich von Anfang an Hawaii.“ Als Lange, der früher als Physiotherapeut arbeitete und erst 2016 seine erste Langdistanz bestritt, im selben Jahr noch sein Hawaii-Debüt gab, verblüffte er die Etablierten: Der Hesse stieg als 24. vom Rad und legte danach mit neuem Laufstreckenrekord von 2:39:45 Stunden eine fulminante Aufholjagd bis auf Rang drei hin – hinter Sebastian Kienle und Sieger Jan Frodeno.

2017 und 2018 krönte er sich dann zum König von Kona – und blieb bei seinem zweiten Erfolg als erster Hawaii-Sieger unter der Acht-Stunden-Marke (7:52:38 Stunden). Dann folgten harte Jahre auf der Insel: Nachdem er 2019 aufgeben musste, stellte sich heraus: Es schlummerte ein Infekt in ihm, Lange lag erstmal flach. Nach den pandemiebedingten Hawaii-Ausfällen 2020 und 2021 warf ihn 2022 eine Zeitstrafe zurück, bevor er 2024 alle Zweifler Lügen strafte, die die junge Konkurrenz bereits enteilt sahen: Triumph Nummer drei. „Dieser Sieg ist für meine Mutter, die vor vier Jahren an Krebs gestorben ist“, sagte er danach. Es war die triumphale Rückkehr auf den Triathlon-Thron, sein größter Sieg.

Jetzt sollte es ein besonderer Abschied werden – es wurde ein bitterer. Sein Körper streikte, der Rückstand wuchs. Nach Halbzeit der Radstrecke lag Lange knapp 20 Minuten hinter dem Führenden. Statt nach der Wendemarke den Rückweg in Angriff zu nehmen, stieg er ab – und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Sein ehemaliger Trainer Björn Geesmann litt mit. „Es war grausam, das zu sehen“, sagte er im ZDF.

Lobeshymne seines Ex-Trainers – Lange: „Bin dankbar“

Dann hielt Geesmann eine Lobeshymne auf Lange. „Er hat sich in den letzten fünf Jahren so enorm weiterentwickelt. Er hat auf so vielen Ebenen so viele Meter nach vorne gemacht. Ich finde es wahnsinnig beeindruckend, wie Patrick es dann jetzt wirklich, wenn man so will, bis zum Schluss geschafft hat, auf jeden Fall immer noch vorne mit dabei zu sein“, sagte er.

„Er kommt ja aus einer ganz anderen Generation. Und er hat es über all die Jahre hinbekommen, immer wieder zu liefern. Ich wünsche ihm, dass er das ganz, ganz schnell abhaken kann, dass er bestenfalls spätestens in drei Tagen lieber auf die drei Siege zurückguckt, als auf das Rennen heute.“ Ein Tag fernab dessen, was sich Lange erhofft, wofür er gearbeitet hatte. An seinem Status, seiner Legende ändert das nichts.

Und als er dann in seinem gelben Helfer-Shirt an einer der Verpflegungsstationen auf der Laufstrecke stand und zurückblickte auf sein Aus, wirkte er tatsächlich gefasst. „Ich hatte Krämpfe, die nicht mehr aufgehört haben. Ich habe mir Wasser und Elektrolyte reingekippt, aber es ist einfach immer schlimmer geworden“, sagte er. „Ich hatte das dieses Jahr schon einmal, und ich weiß nicht, woran es liegt, aber in dem Moment war es leider die richtige Entscheidung auszusteigen. Wenn die Chance bestanden hätte, hier zu finishen, egal in welcher Zeit, hätte ich es getan.“ Es ging nicht.

„Ich hätte mir ein anderes Finish gewünscht“, sagte er zum Abschluss. „Auf der anderen Seite hat mir die Insel so viel gegeben, und ich bin dafür so dankbar. Die Erfolge werden am Ende des Tages hoffentlich auch dieses DNF überstrahlen.“

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