Alexander Blessin fürchtete, dass er in einem Aspekt ein wenig die Übung verloren haben könnte. Über drei Monate hätte er seine Stimme schonen können, sie müsste also „erstmal wieder trainiert werden“, sagte der neue Trainer von Borussia Mönchengladbach.
Dafür wirkte sie dann aber während der ersten Trainingseinheiten, die er bei seinem neuen Arbeitgeber leitete, schon wieder recht prägnant. An lautstarken Ansagen ließ es der 53-Jährige jedenfalls nicht fehlen: Immer wieder gab Blessin Anweisungen, lobte oder kritisierte die Spieler – und das recht laut. Es wirkte fast schon so, als ob er durch intensives Training auch verhindern wollte, jemandem die Gelegenheit zu geben, sich diesen fatalen Gedanken hinzugeben, die sich aufgrund des Fehlstarts in die Saison bei den Gladbachern eingeschlichen hatten: Das wird ja – genau wie in der vergangenen Saison – wieder nichts.
Blessin ist, auch wenn er es nicht sein will und der Verein ihn auch nicht so sieht, ein Feuerwehrmann. Er muss sofort eine Wirkung entfachen und verhindern, dass sich dauerhaft Fatalismus einnistet. Er muss seine Mannschaft dazu bringen, sich gleich am Sonntag, wenn das rheinische Derby beim 1. FC Köln (15.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) ansteht, ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. „Es geht darum, dieses Spiel zu gewinnen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Nicht nur, weil es das Derby ist, sondern weil wir unbedingt in der Saison ankommen und punkten wollen“, sagte Präsident Rainer Bonhof. Das ist ein klarer Auftrag.
Blessin musste Gladbach in einer Art Crashkurs seine Prinzipien vermitteln
Es hat schon entspanntere Starts für einen neuen Trainer gegeben. Der Druck, der sich nach vier Niederlagen aus vier Spielen und einer desaströsen Tordifferenz von 6:16 aufgebaut hat, ist massiv. Daran kann auch die reine Präsenz eines neuen Übungsleiters nichts ändern. Es muss sofort etwas passieren.
Blessin, der nach dem Ende der vergangenen Saison beim Absteiger FC St. Pauli gehen musste, wurde zu Beginn der Länderspielpause in Gladbach als Nachfolger des beurlaubten Eugen Polanski vorgestellt. „Die Mannschaft hat einige Probleme, die können wir nicht wegdiskutieren. Aber sie hat das Potenzial und die Qualität, dass man da mehr herauskitzeln kann“, sagte er. Natürlich habe er die Zeichen von Verunsicherung erkannt – zumindest bei den Spielern, mit denen er bereits arbeiten und Gespräche führen konnte. Viele waren ja an den meisten Trainingstagen in den vergangenen Wochen abwesend, weil sie mit ihren Auswahlmannschaften spielten.
Für Blessin ging es also darum, in einer Art Crashkurs seine Prinzipien zu vermitteln. „Positionierung, Bereitschaft, Klarheit, Mut“ lauteten die Schlagworte, die er verbreitete. Er wolle – und das schon in Köln – eine Mannschaft auf den Platz schicken, die „gemeinsam verteidigt“ und „zusammen Tore schießt“. „Das muss in die Köpfe rein“, erklärte er. Der Ansatz, den er verfolgt, ist das „ballorientierte Verteidigen“ – der Kern der sogenannten RB-Fußball-Philosophie.
Dieses Denken hat Blessin geprägt. 2012 war er als Jugendtrainer zu RB Leipzig gegangen, wo er sechs Jahre die U17-Mannschaft und zwei Jahre die U19 trainierte. Die Menschen, die ihn am stärksten geprägt haben, waren Ralf Rangnick und dessen Mentor, der 2024 verstorbene Helmut Groß. Die von ihnen entwickelte Spielweise, die stark auf Pressing und Gegenpressing setzt, ist das Ideal, das Blessin später bei seinen Profistationen – Ostende, Genua, Saint-Gilloise und St. Pauli – angestrebt hat.
Allerdings stets, darauf legt er Wert, mit Anpassungen an die jeweiligen Potenziale der Spieler. In Hamburg beispielsweise gelang es ihm in der Saison 2024/2025, eine extrem stabile Defensive zu kreieren: St. Pauli, damals gerade in die Bundesliga aufgestiegen, kassierte nur 41 Tore – lediglich die Bayern hatten eine noch bessere Bilanz (32).
Eine ähnliche Transformation schwebt ihm auch für Gladbach vor. Um dies hinzubekommen, sei nichts Übermenschliches notwendig, wohl aber die Bereitschaft, an die eigenen Grenzen zu gehen. „Jeder hat die Chance, sich über Trainingsleistungen oder Spiele zu zeigen. Dann ist die Frage: Wer nimmt es an und ist gewillt, diesen Schritt mitzugehen? Darauf werden wir genau gucken“, kündigte er an. Die Tür stehe jedem Spieler offen, der willens ist, sich auf seine Art des Fußballs, die dem Einzelnen physisch viel abverlangen wird, einzulassen.
In einem ersten Schritt wird Blessin, davon ist auszugehen, die Grundordnung ändern: weg von der Viererkette, die Polanski zu Saisonbeginn spielen ließ, hin zu einer kompakteren Ausrichtung mit drei Innenverteidigern. Das soll Sicherheit geben. Was die personelle Ausgestaltung der Mannschaft angeht, hält sich Blessin alle Möglichkeiten offen. Selbst für Florian Neuhaus, das ständige Problemkind, gibt es eine neue Chance. Der Mittelfeldspieler, über dessen Veranlagung es nie Zweifel gab, der aber schon mehrmals aussortiert wurde und zuletzt unter Polanski erneut auf dem Abstellgleis schien, könnte am Sonntag in der Startelf stehen.
„Alexander Blessin eilt der Ruf voraus, dass er eine Mannschaft organisieren und klar strukturieren kann“, sagte Gladbachs Finanzchef und CEO Stefan Stegemann. Er und Rouven Schröder, der Sportchef, sind sich bewusst, dass die Trainerauswahl dieses Mal sitzen muss.
Denn der Traditionsverein befindet sich schon viel zu lange in einer Abwärtsspirale. Das hat verschiedene Ursachen: die hohe Erwartungshaltung der Fans, die in den vergangenen Jahren immer weniger mit den finanziellen Möglichkeiten in Einklang zu bringen war – vor allem aber auch die fehlende Kontinuität auf der Trainerposition. Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden mit Adi Hütter, Daniel Farke, Gerardo Seoane und Polanski vier Übungsleiter verschlissen, die teils stark unterschiedliche Ansätze verfolgt hatten. Statt Stabilisierung zu erreichen, trat ein schleichender Destabilisierungseffekt ein.
Blessin geht unvoreingenommen an seine Aufgabe heran, er setzt auf einen Neustart und neue Chancen. Er habe sich mit „Demut“ an die Arbeit gemacht, weil er „die Power und die Strahlkraft“ des Klubs spüre. Und er verspricht, alles zu versuchen, der Trainer zu werden, der Gladbach aus dieser Dauerkrise herausführt. „Ich werde alles dafür tun, dass aus dieser Scheißzeit eine gute Zeit wird.“
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