In der Morgendämmerung fiel der Startschuss. Etwa 253o Triathleten, darunter gut 100 Profis, sind bei der legendären Ironman-WM auf Hawaii in ihr Abenteuer gestartet. 3,86 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen bis ins Ziel auf dem Aliʻi Drive – für die einen geht es um die WM-Krone und das Podest, für andere unabhängig vom Platz um die Erfüllung eines Lebenstraumes. Hier startet auch bei den Altersklassenathleten nur, wer sich qualifiziert hat.
Los ging es in der Bucht von Kailua-Kona: Es ist 6.20 Uhr Ortszeit – 18.20 Uhr in Deutschland –, als die traditionellen Kanonenschüsse den Renntag für die 51 Profi-Männer eröffnen. Ähnlich wie in den Tagen zuvor zeigt sich das Meer von seiner rauen, welligen Seite und klatscht an den Pier, anstatt den Sandstrand als Weg ins Wasser freizugeben. Ein kleines bisschen ruhiger ist es, doch es bleibt herausfordernd. Wassertemperatur: 27,3 Grad. Lufttemperatur: 27 Grad. Luftfeuchtigkeit: 80 Prozent.
Mit dem dreimaligen Hawaii-Champion Patrick Lange, den Norwegern Gustav Iden, und Kristian Blummenfelt sowie dem Franzosen Sam Laidlow sind vier Weltmeister der vergangenen Jahre am Start – für den 40 Jahre alten Lange ist dies die Abschiedsvorstellung auf jener Insel, die für ihn stets alles bedeutete. Als Favoriten gelten ganz klar die anderen, aber Lange startet mit der Gewissheit, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Und dazu in dem Wissen, dass ihn diese Insel zu Großem befähigen kann. Er liebt Hawaii, hier konnte er mehrmals über sich hinauswachsen, angefangen mit Platz drei bei seinem Debüt 2016.
Schomburg zeigt sich früh an der Spitze
Ein großer Name fehlt: Vor zwei Wochen erwischte eine Sturmböe das Vorderrad von Titelverteidiger Casper Stornes. Der Norweger brach sich das Schlüsselbein und einen Lendenwirbel. Aus deutscher Sicht spannend: Jonas Schomburg bei seinem Hawaii-Debüt. Die Devise des 32-Jährigen, der von der Kurzdistanz kommt, ist klar: Angriff. Er will das Rennen von vorn mitgestalten – und zeigt das auch gleich zu Beginn der 3,86 Kilometer im Pazifik. Nach gut sechs Minuten übernimmt er die Spitze. Patrick Lange hält sich gut.
In Jan Stratmann, Dominik Sowieja, Wilhelm Hirsch, Frederic Funk und Florian Angert sind fünf weitere deutsche Athleten auf dem Weg zur Wendemarke bei 1,9 Kilometern. Wer bis dahin nach links atmet, sieht den Sonnenaufgang. Wilhelm Hirsch, bekannt als starker Schwimmer, mischt ganz vorn mit.
Zehn Minuten nach den Männern schwimmen die Profi-Frauen hinaus auf den Pazifik, darunter jene zwei Athletinnen, die das Rennen im vergangenen Jahr auf dramatische Weise prägten: Taylor Knibb und Lucy Charles-Barclay. Sie hatten sich ein hartes Duell geliefert, und brachen dann beim Marathon kurz nacheinander entkräftet ein und mussten aufgeben. Erst Charles-Barclay, dann drei Kilometer vor dem Ziel Knibb, die dehydriert die Orientierung verlor. Was hat diese Erfahrung mit ihnen gemacht? Und was macht Titelverteidigerin Solveig Løvseth aus Norwegen?
Schwimmen: Philipps Rückstand wächst
Für Laura Philipp, zweimal Hawaii-Dritte und Weltmeisterin von Nizza 2024, geht es beim Schwimmen erst einmal darum, den Abstand nicht zu groß werden zu lassen. Die 39-Jährige hatte sich das Kraulen vor 15 Jahren selbst beigebracht. An der Spitze schwimmt seit der ersten Sekunde – wie zu erwarten – Charles-Barclay. Die Britin hält den Kona-Streckenrekord mit 48:14 Minuten und schwimmt der Konkurrenz auch jetzt davon. Weitere deutsche Profis im Pazifik: Henrike Güber, Jana Uderstadt, Franzi Hofmann, Leonie Konczalla, Jenny Jendryschik und Antonia Milowsky. Nach etwa zehn Minuten hat sich die große Gruppe hinter der Führenden geteilt – und Philipp ist im hinteren Teil, verliert Zeit.
Laura Philipp (l.), Jonas Schomburg (2.v.l.) und die anderen Profis bei einer Pressekonferenz vor dem RennenUnabhängig vom Rennausgang ist schon jetzt eines klar: Dieser Tag markiert einen Wendepunkt in der Ironman-Historie, eine Rückbesinnung auf die Tradition und damit die Korrektur der viel diskutierten örtlichen und zeitlichen Geschlechter-Trennung: die einen in Nizza, die anderen auf Hawaii. Erstmals seit 2019 starten jetzt Frauen und Männer wieder gemeinsam an einem Renntag auf Hawaii. In der Folge gibt es damit auch wieder ein kleineres Feld bei den Altersklassenathleten. Die 2427 qualifizierten Sportler kommen aus 85 Ländern, darunter als Topnation die USA mit 589 Teilnehmern vor Deutschland mit 279.
Noch sind längst nicht alle Athleten im Wasser, als sich die Profi-Männer auf den Rückweg zum Pier machen. Hirsch und Schomburg schwimmen an der Spitze mit. Lange, der nicht zu den stärksten Schwimmern im Feld zählt, zeigt ein hervorragendes Rennen, hält sich am Ende der ersten großen Gruppe – wie Laidlow. Dass die stärksten Schwimmer noch keine Lücke reißen konnten, ist die erste Überraschung des Tages. Noch einmal versuchen sie, wegzukommen – doch es misslingt. Bei den Frauen schwimmt Charles-Barclay ein einsames Rennen, während Løvseth in der großen Verfolgergruppe steckt – Philipp allerdings erst in einer anderen Gruppe weiter hinten, ihr Rückstand wächst. Es beginnt zu regnen.
Perfekte Ausgangslage für Patrick Lange
Erster am Pier nach 48:17 Minuten ist der Belgier Marten van Riel, gefolgt von dem Niederländer Menno Koolhaas – und Hirsch. Innerhalb von 31 Sekunden erreichen 24 Athleten die Wechselzone, darunter Schomburg, Lange, Stratmann, Funk, Angert, Laidlow und Blummenfelt.
Charles-Barclay erklimmt nach 51:29 Minuten die Stufen zur Wechselzone – danach lange niemand. 1:26 Minuten später folgt Knibb, danach eine siebenköpfige Gruppe mit der hoch gehandelten Kona-Debütantin Julie Derron aus der Schweiz. Løvseth liegt nach dem Schwimmen knapp vier Minuten, Philipp bereits 8:34 Minuten zurück – das ist viel, aber nicht zu viel, um noch Chancen auf das Podest zu haben. Der Weg nach vorn aber wird ein Kraftakt.
Für Lange hingegen könnte die Ausgangslage nach dem Schwimmen besser nicht sein. Jetzt geht es auf die 180 Kilometer lange Radstrecke mit knapp 1800 Höhenmetern durch die Lavafelder. Von Kailua-Kona über den Queen Kaahumanu Highway zum Wendepunkt in Hawi – ein zehrender Aufstieg – und wieder zurück. Eines ist seit diesem Jahr neu: Die Windschattenregelung im Profifeld verlangt einen Abstand von 20 Metern statt bisher zwölf Metern. Langes Devise wird es nun sein, nicht allzu viel Zeit zu verlieren, um später seine Laufstärke ausspielen zu können.
Jonas Schomburg macht das Tempo
Schomburg hingegen hat andere Pläne: „Ich versuche, das Rennen möglichst aggressiv anzugehen und es möglichst schnell zu machen“, sagte er vor dem Rennen zu WELT. „Angst ist bei der Renngestaltung fehl am Platz, aber Respekt sollte man vor der Distanz und natürlich vor den anderen Athleten immer haben.“ Nach gut 25 Kilometern setzt sich der 32-Jährige an die Spitze des Feldes – und ab. Bei Kilometer 48 hat er 1:32 Minuten Vorsprung herausgefahren. Erster Verfolger: Laidlow. Auch nach 60 Kilometern hat der Franzose einen ähnlichen Abstand. Lange liegt knapp acht Minuten zurück.
Im Feld der Frauen rast Knibb, die stärkste Radfahrerin im Feld an Charles-Barclay heran. Die Amerikanerin fuhr kürzlich bei der WM der Spezialistinnen auf den 13. Platz beim Zeitfahren. Philipp hat nach 42 Kilometern noch nicht viel Zeit aufgeholt, konnte sich aber von Rang 30 auf 16 vorarbeiten – und Knibb ist an der Britin dran.
Lange muss mit Krämpfen absteigen – fährt erstmal weiter
Die Wolken haben sich verzogen, der Regen hat aufgehört. Doch was ist mit Lange? Nach etwa 2:27 Stunden im Rennen hält er bei seinem Trainer Ben Reszel an – und fasst sich an seinen hinteren Oberschenkel. Offenbar ein muskuläres Problem, das ihm große Schmerzen bereitet. Die beiden sprechen. Etwa zwei Minuten steht Lange am Straßenrand – ausgerechnet bei seinem finalen Hawaii-Akt, ausgerechnet nach einem derart starken Schwimmen, das ihm alle Chancen eröffnete. Extrem bitter.
Er fährt weiter. Und fällt zurück: bei Kilometer 69 beträgt sein Rückstand 12:44 Minuten – und er wächst und wächst. Im ZDF kommt Reszel zu Wort. Über den Stopp Langes und das Gespräch mit ihm berichtet er: „Patrick hat gesagt, dass sich etwas nicht gut anfühlt. Da ist eine Krampfneigung an der gesamten hinteren Kette. Es fühlt sich gerade so hart, brutal und ehrlich an. Sein Kreislauf ist da und funktioniert. Ich habe ihn gefragt, ob es für ihn vorstellbar ist, weiterzufahren. Dazu haben wir uns dann entschieden.“ Erstmal jedenfalls.
Das Feld der Frauen führt mittlerweile Knibb vor Charles-Barclay an. Laura Philipps Position ist unverändert. Nach Halbzeit der Radstrecke liegt Lange schließlich knapp 20 Minuten hinter dem Führenden – und das ist weiterhin Jonas Schomburg. Doch Patrick Lange wendet nicht. Statt den Rückweg in Angriff zu nehmen, fährt er vorbei, steigt ab – und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen. Immer wieder greift er sich dann an die linke Körperseite. Welch bitterer letzter Hawaii-Akt für den dreimaligen Sieger. Es ist das Aus.
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