Das Drama des vergangenen Jahres wirkt nach. Zum vierten Mal weilt Laura Philipp auf der Sehnsuchtsinsel der Triathleten; der Start der Ironman-WM rückt unaufhörlich näher – und damit auch die Erinnerung an 2025. Philipp hatte zu kämpfen, doch zwei andere traf es härter: Gegen Ende des Rennens lief die Heidelbergerin an den völlig entkräftet ausgestiegenen Führenden vorbei, erst an Lucy Charles-Barclay, dann an Taylor Knibb. „Das hat damals etwas mit mir gemacht“, sagt sie. „Und es führt mir vor Augen, wie verletzlich wir am Ende sind, wo wir uns hinpushen und dass man gut auf sich aufpassen muss. Ich gehe nach Hawaii immer wieder mit großem Respekt.“
An diesem Samstag ist es wieder so weit. 3,86 Kilometer Schwimmen im Pazifik, 180,2 Kilometer auf dem Rad durch die Lavafelder und dann 42,195 Kilometer in Laufschuhen. Zum ersten Mal seit 2019 starten Frauen und Männer wieder an einem Tag auf Big Island und kämpfen um die WM-Titel – mittendrin drei deutsche Profis, die vorn mitmischen wollen: Philipp (39), Weltmeisterin 2024 in Nizza und zweimalige Hawaii-Dritte, Jonas Schomburg (32) bei seiner Hawaii-Premiere und der dreimalige Hawaii-Champion Patrick Lange (40) bei seiner letzten WM.
Die Profi-Männer starten um 6.20 Uhr Ortszeit (18.20 Uhr MEZ), danach die Frauen, dann die Altersklassenathleten – unter ihnen Normann Stadler (53), Hawaii-Champion der Jahre 2004 und 2006 (Livestream auf sportstudio.de, ab 0.25 Uhr im TV). Der Kampf um die Titel und das Podium bei den Profis verspricht Hochspannung – aus zweierlei Hinsicht.
„Die Dichte ist bei den Männern und Frauen enorm hoch, weshalb die Sieger und das Podest schwierig vorauszusagen sind – vor ein paar Jahren war das noch leichter“, sagt Stadler. Und dann wegen der Bedingungen: Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, unberechenbarer Wind. Es sei wichtig zu spüren, so Philipp, „über welche feine Linie kann ich gehen und komme dann noch durch – und bei welcher endet es im Sani-Zelt oder Krankenhaus“.
Ironman-WM: Zurück zu den Wurzeln
Dass Männer und Frauen wieder gemeinsam auf der Strecke sind, bedeutet indes kein doppelt so großes Starterfeld wie zuletzt, als jeweils nur ein Geschlecht auf Hawaii starten durfte. Gemeinsam am selben Ort, am selben Tag – bis einschließlich 2019, als Jan Frodeno und Anne Haug einen deutschen Doppelsieg feierten, war das der Normalfall. Dann kam die Corona-Pandemie.
Weltweit fanden einige Ironman-Rennen und damit Qualifikationen statt, die WM auf Big Island aber musste 2020 und 2021 abgesagt werden. Die 2021er-Variante wurde im Mai 2022 in St. George/Utah nachgeholt, im Oktober 2022 ging es dann auf Hawaii weiter. Allerdings: Es gab einen Stau an qualifizierten Altersklassenathleten, weshalb es in Kona zwei Renntage gab: Die Profi-Frauen am Donnerstag, die Männer am Samstag und die Altersklassenathleten aufgeteilt. Einmal und nie wieder, hieß es danach seitens der Politik und Bewohner der Insel, die an ihre Belastungsgrenze stieß.
Im Trainingsfokus: Laura Philipp in den Tagen vor dem Rennen auf Hawaii.Fortan wurde die WM geteilt, um die großen Starterfelder beizubehalten: die einen im September in Nizza, die anderen im Oktober auf Hawaii – und im Folgejahr umgekehrt. Durchgesetzt hat sich das nicht, die Kritik blieb groß, die Starterfelder waren nicht ausgelastet – und Ironman reagierte. „Ich finde die Entscheidung gut“, sagt Stadler. „Du willst Hawaii gewinnen, nicht Weltmeister in Nizza werden.“ Nicht alle sahen das so, aber die meisten.
„Ich bin sehr gespannt – allerdings auch nach wie vor traurig, dass wir nicht mehr unsere eigene WM haben, weil es einfach etwas sehr Besonderes war. Vor allem unter dem Gesichtspunkt medialer Aufmerksamkeit und auch, weil die Siegerin die erste Person des Tages war, die ins Ziel kam“, sagt Philipp. „Jetzt ist das wieder der Sieger des Männer-Rennens. Die Frage ist, wie viel Aufmerksamkeit auf uns Frauen liegen wird.“
Bei den TV-Übertragungen vor der Trennung stand das Rennen der Männer klar im Fokus. Allerdings ist die Weltspitze der Frauen seitdem deutlich enger zusammengerückt. „Uns wurde vom Veranstalter gesagt, dass sie sich der Thematik bewusst sind und alles tun werden, um die Berichterstattung in etwa 50:50 zu machen“, sagt Philipp. Abhängen wird das auch von der Renndynamik. Und da ist bei Männern und Frauen einiges zu erwarten.
Laura Philipp: „Das nagt an meinem Sportlerherz“
„Es wird härter denn je, aufs Podium zu kommen. Aber das Rennen letztes Jahr hat gezeigt, dass alles möglich ist – bis zum Ende“, sagt Philipp, die 2025 Dritte wurde. Die Topfavoritinnen sind die damals so dramatisch gestrauchelten Taylor Knibb (USA) und Lucy Charles-Barclay (GB), sowie Titelverteidigerin Solveig Løvseth aus Norwegen. Aber auch Philipp, Kat Matthews (GB) und Kona-Debütantin Julie Derron aus der Schweiz zählen zu den Podest-Anwärterinnen.
Philipps Vorbereitung war zwar weniger optimal als die Jahre zuvor, aber die Vergangenheit, so sagt sie, habe sie gelehrt, dass die vermeintlich perfekte Vorbereitung nicht unbedingt das beste Rennen nach sich ziehe. „Und ich habe nach wie vor das Gefühl, auf Hawaii noch nicht mein perfektes Rennen gemacht zu haben – das nagt an meinem Sportlerherz.“
Der Sieg im August beim Ironman Kalmar in Schweden, wo auch Schomburg gewann, gibt ihr Auftrieb und Selbstbewusstsein nach den Problemen zuvor: Während eines Trainingslagers im Frühjahr musste Philipp wegen starker Bauch- und Rückenschmerzen ins Krankenhaus. „Es war im Endeffekt eine starke Entzündung des Magen-Darm-Trakts“, sagt sie. „Ich konnte nichts mehr essen, nichts mehr trinken.“ Philipp verlor viel Kraft und Substanz, konnte sich aber komplett erholen. Auf Hawaii ist somit vieles möglich. Das Rennen von vorn gestalten werden aber andere: Charles-Barclay, die beste Schwimmerin im Feld, und Knibb, die schnellste Radfahrerin.
Schomburg: „Versuche, möglichst aggressiv anzugehen“
Von Anfang an für Tempo sorgen und ganz vorn das Renngeschehen mitbestimmen will und kann Jonas Schomburg. „Ich versuche, das Rennen möglichst aggressiv anzugehen“, sagt er. Für den 32-Jährigen, der von der deutlich kürzeren olympischen Distanz kommt, ist es die Kona-Premiere. Mehr Erfahrung bringen die Topfavoriten mit, aber dass Schomburg das Höllentempo eines Sam Laidlow auf dem Rad mitgehen kann, hat er bewiesen. Die Frage ist, ob er sich das Rennen gut einteilt.
„Ich freue mich riesig darauf, erstmals in Kona zu starten, bei diesem Rennen mit der großen Historie“, sagt Schomburg. „Ich glaube, mittlerweile haben mich einige auf der Rechnung. Ich selbst möchte einfach ein gutes Rennen machen und es genießen, habe keine bestimmte Erwartung an die Platzierung.“
Hawaii-Rookie: Jonas SchomburgFür die meisten heißt der Topfavorit Kristian Blummenfelt, Olympiasieger 2021 und Ironman-Weltmeister bei der Nachhol-WM während der Pandemie in St. George. Der Hawaii-Sieg fehlt ihm noch, er will ihn unbedingt. Genau wie Laidlow, Sieger 2023 von Nizza. Titelverteidiger Casper Stornes (Norwegen) musste nach einem Radunfall auf Hawaii seinen Start absagen, dafür scheint der dritte Norweger im Bunde, Hawaii-Champion Gustav Iden, gut in Form. Ebenso der Belgier Marten van Riel. Und was kann Lange bei seiner letzten WM? Zu den Mitfavoriten zählt er nicht, aber auf Hawaii darf man ihn nie unterschätzen.
Stadler allerdings ist skeptisch. „Ich glaube nicht, dass Patrick vorne reinläuft, weil es auf dem Rad momentan so brutal ist und es wirklich viele starke Fahrer im Feld gibt, die mittlerweile genauso schnell laufen wie Patrick“, sagt er. „Aber für ihn ist es seine Abschiedstournee. Er hat dreimal gewonnen – es ist wirklich egal, was er da macht. Er muss nichts mehr beweisen.“
Was Lange schon dreimal erreicht hat, davon träumt Schomburg, der auch für die kommenden Jahre nicht mehr Olympia, sondern Hawaii im Blick hat. „Der Sieg auf Hawaii ist mein Traum, mein großes Ziel“, sagt er. „Es heißt ja, wer einmal Hawaii gewinnt, ist unsterblich. Dafür lebe ich, dafür stehe ich morgens auf.“
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