Der Wahnsinn erreichte zwei Minuten nach Ende der regulären Spielzeit seinen Höhepunkt – und Niclas Füllkrug war der Zeremonienmeister.
Doch zunächst: die 88. Minute im Duell zwischen Borussia Dortmund und Werder Bremen. Der BVB ist bis zu diesem Zeitpunkt drückend überlegen. 76 Prozent Ballbesitz sprechen eine deutliche Sprache. Dann allerdings, aus unerfindlichen Gründen, reißt bei den Dortmundern der Faden.
Ein schlampiges Defensivverhalten der Dortmunder und Werder gelingt der Anschlusstreffer zum 1:2 durch Ludovit Reis. Bloß ein Schönheitsfehler? Mitnichten. Später wird BVB-Trainer Niko beklagen, das Spiel „aus der Hand gegeben zu haben“. Kein Drama, sagte er, aber eine „große Enttäuschung“.
Verantwortlich dafür: ein Ex-Spieler der Dortmunder. Werder wittert seine Chance, sorgt weiter für Verwirrung, erhöht den Druck. Dortmund macht den Eindruck eines aufgeschreckten Hühnerhaufens, der wild durcheinanderläuft – orientierungs- und kopflos. Füllkrug wiederum ist ein Stürmer, der Chaos beim Gegner gnadenlos ausnutzen kann. Kühl und nüchtern. Dortmund dagegen? Wie das Kaninchen vor der Schlange. Mit Folgen.
Ekstase bei Werder. Auch bei Füllkrug – natürlich
Die 92. Minute also. Werders Offensivspieler Marco Grüll chippt den Ball gefühlvoll an den Elfmeterpunkt. Füllkrug läuft ein, kommt völlig frei zum Kopfball und nickt gegen seinen ehemaligen Klub zum 2:2 ein. Danach: Ekstase bei Werder, natürlich. Auch bei Füllkrug. Viele Spieler verzichten mittlerweile bei einem Treffer gegen ihren Ex-Klub – Füllkrug spielte von 2023 bis 2024 beim BVB – auf einen Jubel. Der 33-Jährige nicht. Er rennt jubelnd durchs Stadion, schreit seine Freude heraus. Ein Stilbruch? Nicht doch! Zumal Füllkrug nach Spielende die Szene noch mal aufgreift und sie sehr sympathisch erklärt.
„Irgendwie“, erzählt er im Interview bei Sky, „hat mich das ,Schalalala’ beim Aufwärmen schon wieder ein bisschen mitmotiviert. Das habe ich vermisst. Ganz tolle Atmosphäre – das hier ist einfach ein toller Verein, ein tolles Stadion. Den Jubel konnte ich mir trotzdem nicht verkneifen.“
Jedoch ordnet er, und das ist ihm ein Anliegen, das Freudengeheul ein. „Ich mache das Tor für uns und nicht gegen sie. Also, das ist wichtig. Es ist keine Provokation oder sonst was. Ich mag den BVB sehr, sehr gern und gucke auch immer noch ganz viele Spiele, verfolge den Verein, habe mich auch einmal ganz kurz bei der Gelben Wand (Dortmunds berühmte Stehplatztribüne, die Redaktion) bedankt. Und dann ist es schön, dass wir aber trotzdem hier einen Punkt mitnehmen konnten“, sagt er.
Werder hat nun 5 Punkte nach Rückstand geholt – Ligabestwert. Auch 6 Tore in der Schlussviertelstunde sind Ligabestwert. „Es ist nicht normal, hier in Dortmund so zurückzukommen. Niclas Füllkrug ist der X‑Faktor. Er ist ein entscheidender Faktor in unserem Spiel. Er reißt viele mit“, sagte Werders Trainer Daniel Thioune.
Füllkrug selbst hat dadurch erstmals in seiner langen Profikarriere in vier Spielen in Folge getroffen. Und: Der Ausgleich war sein erstes Tor überhaupt gegen den BVB. Alles in allem war es sein fünftes Tor im sechsten Spiel.
Zur Erinnerung: Füllkrug war im August 2023 für insgesamt 18 Millionen Euro von Werder zum BVB gewechselt, erzielte für die Borussia in 29 Ligaspielen 12 Tore. Ein erfolgreiches Jahr mit dem Champions-League-Finale als Höhepunkt, auf das dann sein Wechsel für 27 Millionen in die Premier League zu West Ham United folgte. Der englische Klub lieh ihn dann im Sommer an Werder aus. Füllkrug war lange verletzt, dadurch nicht recht in Form, es gab keine Verwendung mehr für ihn. Schon gar nicht in der Nationalmannschaft. Die WM konnte er nur am Fernseher verfolgen.
Ob das nun, nach seinen Darbietungen und Toren, wieder ein Thema werden könne, wollte die Sky-Reporterin von ihm wissen. „Weiß ich nicht“, antwortete Füllkrug, „möchte ich auch nicht so gern drüber reden. Ich glaube, dass Jürgen Klopp da einen ganz anderen Weg gerade eingeschlagen hat, ganz andere Jungs nominiert hat. Dass es ihm auch irgendwie um die Zukunft geht. Das hat er, glaube ich, ganz ordentlich beschrieben. Und ich bin DFB-Fan. Ich gönne der Nationalmannschaft und jedem Spieler dort das Beste und ich freue mich, wenn sie erfolgreich sind.“
Das bedeute aber, dass er das Thema Nationalmannschaft auch nicht ausschließe, bohrte die Sky-Reporterin nach. „Ich kann gar nichts ausschließen“, erwiderte Füllkrug, „wenn mein Land mich braucht, dann bin ich für mein Land da. Immer. Und auch wenn ich 43 bin und dann noch einer in der Box stehen soll, dann komme ich auch. Aber ich bettle nicht darum und ich fordere nichts – und das wird auch nicht passieren.“
Am 13. November muss das DFB‑Team in Belgrad das Rückspiel in der Nations League bestreiten, am 16. November steht das Duell in Berlin gegen die Niederlande an. Ein Stürmer von Format, das haben die ersten vier Spiele unter Klopp gezeigt, hat die deutsche Mannschaft nicht.
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