Es ist eine Mischung aus düsterer Prognose und vorzeitigem Abgesang, die Eric Frenzel da von sich gibt. „In spätestens zwei Jahren gibt es die Kombination nicht mehr“, sagt Eric Frenzel, Bundestrainer der Nordischen Kombinierer im Gespräch mit der „Zeit“. Wenn seine Athleten am 27. November 2026 im finnischen Ruka in die Weltcupsaison starten, springt und läuft auch das Gefühl mit, dass es bald zu Ende sein könnte.
Die Entscheidung des IOC im Sommer, die Traditionssportart erstmals seit den ersten Olympischen Winterspielen 1924 aus dem Programm zu streichen, hat unter Athleten, Trainern und Offiziellen eine Schockwelle ausgelöst. Sie stehen vor einem Scherbenhaufen. „Bei uns Athleten herrscht eine negative Stimmung. Da macht sich ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit breit“, sagt Vinzenz Geiger, Olympiasieger von Pyeongchang 2018 (Team) und Peking 2022 (Einzel, Normalschanze) in dem Doppel-Interview.
Seit der Saison 2023/24 ist Eric Frenzel Bundestrainer der deutschen Nordischen KombiniererSein Trainer, der dreifache Olympiasieger Frenzel, spricht von einer „riesengroßen Enttäuschung“. Er habe „zunächst den Boden unter den Füßen verloren, meine Stimmung war düster. Ich dachte: Das ist jetzt nicht euer Ernst. Sie haben es wirklich umgesetzt.“ Das IOC begründete die Entscheidung gegen die Kombination damit, dass die Sportart die unbeliebteste Sportart der Winterspiele 2014, 2018, 2022 und 2026 gewesen sei. Außerdem nutzte das IOC die schon seit Jahren bestehende Kritik, dass sich der Sport auf zu wenige Länder konzentriere. Nur fünf Nationen hatten die Medaillen bei den vergangenen vier Winterspielen unter sich ausgemacht.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Rennen in Italien im vergangenen Winter haben Hochspannung geboten. Beim Einzel von der Normalschanze etwa kämpften auf der letzten Laufrunde noch sieben Athleten aus fünf Nationen um die Medaillen, am Ende setzte sich Jens Luras Oftebro (Norwegen) durch. Dazu gibt es im Eisschnelllauf mit den Niederländern oder im Langlauf mit den Norwegern auch in anderen Wintersportarten ähnliche Ballungen des Erfolgs. „Meiner Meinung nach hat das IOC einfach ein Argument hergenommen, das die Leute dort irgendwo gefunden haben. Wir steckten in einer Schublade, aus der wir nicht mehr herauskamen“, kritisierte Frenzel nun.
Wichtige Unterstützer brechen weg
Statt Nordischer Kombination gibt es bei den Winterspielen 2030 in den französischen Alpen erstmals Freeride zu sehen, dazu wird das Programm um neue Wettbewerbsformen in einzelnen bestehenden Sportarten ausgebaut. Deutschland verliert damit potenzielle Medaillenchancen. In diesem Jahr gingen die Deutschen in ihrer einstigen Vorzeigedisziplin zwar das erste Mal seit 28 Jahren leer aus. Die Athleten gehören aber immer noch zur erweiterten Weltspitze.
Die Folgen des Olympia-Aus sind für die Kombinierer weitreichend. Gespräche mit Förderern seien negativ ausgefallen, sowohl die Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgeräten als auch das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft stellen ihre Arbeit für die Kombinierer zum Jahreswechsel ein. „Beide sind aktuell wichtige Stützen für uns in Bezug auf die Weiterentwicklung von Material und den Wissensaustausch. Darauf haben wir nun keinen Anspruch mehr“, schildert Frenzel. Dazu kommen weitere Unsicherheiten: „Die Unterstützung durch die Sporthilfe wird ein Thema sein, die Internatsförderung auch, die Sportstättenpflege ebenfalls – was wird damit?“
Laut Frenzel führt all das dazu, dass der Nordischen Kombination das Aus drohe. „Diese Sportart wird nach dem Olympia-Aus ein Jahr überleben, maximal vielleicht zwei Jahre. Danach ist komplett Schicht im Schacht. Ohne nationale Förderung ist der Sport nicht finanzierbar“, sagt der 37‑Jährige. Kinder würden sich überlegen, ob sie überhaupt noch Kombinierer werden wollen. „Über kurz oder lang wird auch die Weltcup-Serie eingestellt werden“, sagt Frenzel. Kommt es dazu, würde die Nordische Kombination endgültig von der Sport-Landkarte verschwinden.
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Den Wettkampf von der Normalschanze hat er im Februar live in den Stadien von Predazzo und Tesero verfolgt.
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