Normann Stadler ist zurück an jenem Ort, an dem er sich einst zum König der Triathleten aufschwang: Kailua-Kona auf Big Island. Im Jahr 2004 gewann er erstmals den Ironman Hawaii und krönte sich somit nach 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42,2 Kilometern Laufen zum Weltmeister. 2006 siegte er erneut. 2011 ging es plötzlich nicht mehr um Siege, sondern um sein Leben: Stadler musste am offenen Herzen operiert werden. Karriereende, Neustart ins Leben.

Heute ist er 53, Vater zweier Söhne, hält Vorträge und gibt Seminare in Unternehmen zu Themen wie Resilienz, unterstützt bei Firmensport und ist als Unternehmer gemeinsam mit Partnern aktiv im Bereich Sportmarketing und ‑sponsoring sowie Longevity und Gesundheit. Und er ist wieder mittendrin in der Welt des Triathlon – als Sportler: Am 10. Oktober kehrt die Ironman-WM mit einem gemeinsamen Renntag für Männer und Frauen auf Hawaii zurück zur Tradition. Start ist um 18.20 Uhr deutscher Zeit für die Profi-Männer mit dem dreimaligen Champion Patrick Lange, der 2027 aufhören wird, und Aufsteiger Jonas Schomburg (Livestream auf sportstudio.de, ab 0.25 Uhr im TV). Zehn Minuten später gehen die Frauen mit Laura Philipp, Weltmeisterin 2024, ins Rennen, danach in Wellen alle Altersklassenstarter – darunter Stadler.

WELT: Herr Stadler, 20 Jahre nach Ihrem zweiten Sieg und 15 Jahre nach Ihrer Herz-OP kehren Sie als Sportler zurück nach Hawaii. Mit welchem Gefühl?

Normann Stadler: Mit Vorfreude, Nervosität, Demut, Dankbarkeit – mit allem. Ich weiß, wie viel Glück ich habe, dass ich noch lebe, denn damals, 2011, hätte meine Aorta bei einem Rennen oder im Training auch platzen können, bevor wir wussten, was los ist.

WELT: Sie hatten ein lebensgefährliches 6,8 cm großes Aortenaneurysma und eine defekte Herzklappe. Es folgte eine mehrstündige Operation am offenen Herzen.

Stadler: Die Herzklappe wurde dabei rekonstruiert und ein Teil der Aorta ersetzt. Es ist so gut verwachsen – man sieht es gar nicht. Für die Hawaii-Vorbereitung hatte ich nun das Go meines Sport-Kardiologen und des Operateurs von damals, dem Chef der Herzchirurgie in Heidelberg. Und jetzt freue ich mich einfach sehr auf die Insel und das Rennen, weiß aber natürlich auch, was mich erwartet. Ich habe Respekt vor der Insel, hatte dort wunderschöne, aber auch furchtbare Tage. Ich bin dort auch schon gegangen und nicht ins Ziel gekommen. Es kribbelt. Wenn ich an Hawaii denke, habe ich Magengrummeln. Es war mein Wohnzimmer. Ich freue mich auch darauf, die aktuellen Profis und einige Athleten von einst wiederzusehen – das ist wie ein Klassentreffen.

Hawaii-Champions unter sich: Normann Stadler (M.) 2021 als Kapitän des Team Europe mit Jan Frodeno (l.) und Gustav Iden

WELT: Früher sind Sie angetreten, um zu siegen. Wie ist das jetzt?

Stadler: Der Ansatz ist heute ein anderer. Mein Gedanke war: Wie wäre es, 20 Jahre nach dem zweiten Sieg und 15 Jahre nach der Herz-OP noch einmal zu starten? Mein Umfeld fand das ebenfalls spannend – und so nahm die Sache ihren Lauf. Es gab früher eine Regelung, nach der Hawaii-Sieger lebenslanges Startrecht haben. Und nach ein paar Gesprächen stand fest, dass sie angewendet wird. Ich möchte niemandem einen Altersklassenstartplatz wegnehmen. Mir ist es auch egal, wievielter ich in der AK 50-54 werde.

WELT: Hand aufs Herz… wirklich?

Stadler: Das sage ich zumindest jetzt. Ich möchte einfach ein tolles Rennen erleben. Mir kommen ja sehr wahrscheinlich auch die ganzen Profis entgegen gerast; ich sehe das Rennen von mittendrin. Und dann laufe ich irgendwann ins Ziel und habe hoffentlich einen schönen Tag hinter mir. Natürlich bin ich weit weg von meinen damaligen Leistungen, das ist klar – aber zugegeben: vom Kopf her ist das gar nicht so leicht im Training.

WELT: Der Vergleich mit dem, was Sie einst konnten?

Stadler: Leider ja. Du vergleichst dich dann doch mit deiner früheren Leistungsfähigkeit oder mit anderen, und das ist nicht gut. Ich muss mich da vom Kopf freimachen. In meiner Altersklasse gibt es einige, die schneller sind und mir auf dem Rad wegfahren oder wegfahren wollen, wenn sie sehen, dass ich das bin. Dann muss ich Ruhe bewahren, darf mich nicht verleiten lassen und muss mein Ding machen, meine Werte fahren. Wenn ich das nicht schaffe, stehe ich irgendwann irgendwo in den Lavafeldern und muss aufgeben. Ich war 13-mal auf Hawaii, aber dieses Mal wird es komplett neu.

Der Überbiker: Normann Stadler auf dem Weg zu seinem zweiten Hawaii-Sieg

WELT: Überholt zu werden auf dem Fahrrad, wäre eine neue Erfahrung für Sie. Sie waren der Überbiker, der Norminator, hielten von 2006 bis 2017 den Rad-Streckenrekord.

Stadler: Ich muss da wirklich bei mir bleiben. Ich hatte einen Testwettkampf im Allgäu, bei dem es mich komplett zerstört hat, weil ich losgefahren bin wie früher. Ich dachte: „Ich bin der Normann, der das Ding hier damals gewonnen hat. Ich war mal Weltmeister.“ Nach dem zweiten Berg habe ich meine Beine und mich angesehen und gedacht: „Das war es. Jetzt kann ich eigentlich absteigen.“ Dafür, dass ich 15 Jahre nicht so viel Sport gemacht habe, bin ich echt wieder gut, aber es ist einfach eine andere Welt.

WELT: Auf welchem Fitnesslevel waren Sie, als Sie mit der Vorbereitung begannen?

Stadler: Die Anfänge waren hart. Mein erster richtiger Check-up mit Blick auf die Hawaii-Idee war vor etwa acht Monaten, und die Werte waren verheerend. Ich hatte all die Jahre zuvor Hobby-Sport gemacht – immerhin, aber mehr nicht. Seit der OP hatte ich zudem diese Extraschläge – Herzrhythmusstörungen, die viele Leistungssportler haben, gerade Ausdauersportler. Beim ersten Check habe ich während der Ausbelastung gemerkt, dass mein Herz stolpert und hüpft. Daraufhin habe ich drei Monate nur Grundlage trainiert, also ganz locker und lange, einfach bewegen.

WELT: Wie hoch war später Ihr Trainingspensum im Schnitt? Worauf mussten Sie achten?

Stadler: Das Pensum lag zwischen 15 und 20 Stunden pro Woche. Ich habe klare Vorgaben, wie weit ich mich belasten darf – ich trainiere nicht mehr so intensiv, darf nicht mehr in diese Spitzen kommen. Mein Trainer gestaltet die Pläne so, wie ich es brauche und passt sie den Ergebnissen der regelmäßigen medizinischen und leistungstechnischen Check-ups an. Ich schnuppere auch in die neuen Entwicklungen hinein wie Carbon-Schuhe und Material am Fahrrad und beschäftige mich mit der Entwicklung in der Sporternährung, sodass ich in der Belastung mehr Kohlenhydrate aufnehmen kann. Das musste ich üben.

WELT: Und wie geht es Ihnen jetzt? Wie ist Ihr Fitnesszustand?

Stadler: Mein Herz schlägt besser als zuvor. Auch in der Ausbelastung habe ich keine Extraschläge mehr. Da sieht man wieder, was Sport bewirkt. Als Profiathlet war ich natürlich auch so konditioniert, dass der Körper, dass mein Herz das braucht. Es wollte weiterarbeiten. Und das tut es jetzt sehr gut. Außerdem bringt es wirklich Spaß, wieder eine kontrollierte Belastung zu machen. Ich fühle mich besser als zuvor, habe wieder ein anderes Körpergefühl.

WELT: Ihre Söhne waren bei Ihren Hawaii-Triumphen noch nicht auf der Welt. Welche Bedeutung hat es für Sie, dass die beiden Ihr neues Hawaii-Abenteuer mitbekommen – auch wenn sie wegen der Schule nicht vor Ort sein können?

Stadler: Sie sind total stolz auf ihren Papa und wissen auch, wie wichtig mir das gerade ist. Als ich damals meine Herz-OP hatte, war mein Großer zwei Jahre alt und meine Frau mit dem Kleinen im sechsten Monat schwanger. Meine Söhne wissen zwar, dass ich Triathlon gemacht habe, aber wirklich erlebt haben sie es nie.

WELT: Sie haben mal gesagt, dass der zweite Sieg noch wichtiger und schöner gewesen sei als der erste. Warum?

Stadler: Weil ich den Triumph bestätigen konnte. Gerade nach 2005, nach meinem Ausstieg mit einer Radpanne, war das wichtig für mich. Damals wurde ich runtergeschrieben und manche machten sich über mich lustig, weil ich im Lavafeld ja wirklich ausgeflippt bin und die Emotionen mit mir durchgegangen sind. Aber da machen sich dann Leute lustig, die noch nie in so einer Situation waren. Die nicht verstehen, was es auch für mein Team bedeutet, für mich, für meine Sponsoren. Ein komplettes Jahr war umsonst gewesen.

WELT: Sie gaben damals nach dem zweiten platten Reifen frustriert auf – eingefangen von den TV‑Kameras. „Fucking Tire“, schimpften Sie, im Lavafeld neben der Straße stehend, und warfen ihr Rad zu Boden. Es gewann Faris Al-Sultan.

Stadler: Damals kam alles zusammen. Und in der Situation, wenn du den Stecker ziehst und aufgibst, beginnt die Häme. 2006 dann noch stärker zurückzukehren, war auch deshalb der wichtigere Sieg.

Am Ziel seiner Träume: Normann Stadler bei seinem ersten Hawaii-Sieg 2004

WELT: Fünf Jahre später ging es plötzlich nicht mehr um Siege, sondern um Ihre Gesundheit. Verändert das die Bedeutung der Triumphe?

Stadler: Wenn es dir gesundheitlich schlecht geht, ist dir jeder Titel, jeder Euro, den du auf dem Konto hast, egal, weil du andere Sorgen hast. Ich hatte wirklich Angst, dass ich nicht mehr gesund werde. Auch, dass ich es nicht überstehe, mich mein kleiner Sohn nie kennenlernt und mich der andere nie wiedersieht. Dass sie mich vergessen. Alles andere war erstmal egal. Natürlich haben mich meine Hawaii-Siege dennoch durchs Leben begleitet, ich verdiene ja auch mein Geld indirekt damit. Aber es ist alles sekundär, der ganze Fame. Richtig merkt man das erst, wenn etwas Einschneidendes passiert.

WELT: Auch, weil sich die Welt einfach weiterdreht?

Stadler: Die Fallhöhe war brutal. Vom Hero zum Zero. Du liegst im Krankenhaus und alles geht weiter ohne dich. Das war schon hart. Du denkst immer, du bist der Geilste, aber nein.

WELT: Zwei Radpannen haben womöglich Ihr Leben gerettet – kann man das so sagen?

Stadler: Ohne Frage. Beim Wettkampf 2011 im Kraichgau musste ich wegen einer Radpanne aussteigen, eine Woche später riss im Baskenland die Schaltung ab – das war mir noch nie passiert. Beim ersten Schwimmtraining danach habe ich sofort gemerkt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Anschließend waren wir mit dem Team Radfahren – und ich kam nicht hinterher. Ich brach das Training ab und ließ mich am nächsten Morgen durchchecken. Wenig später wurde dann dieses riesige Aneurysma von sieben Zentimetern diagnostiziert. Ich durfte noch kurz nach Hause, musste aber gleich wieder zurück.

WELT: Und zu Hause haben Sie sich verabschiedet?

Stadler: Meine Familie war im Garten, ich habe meinen kleinen Sohn gedrückt, mich von meinen Schwiegereltern verabschiedet, über den Bauch meiner Frau gestreichelt. Ich wusste nur: Ich gehe jetzt in die Klinik, und entweder klappt es oder nicht. Zum Glück hatte ich in Prof. Dr. Matthias Karck, Chefarzt der Klinik für Herzchirurgie, den richtigen Operateur. Er war selbst Leistungssportler in der Leichtathletik und ist Spezialist auf dem Gebiet der Klappenerhaltung. Das ist eine schwere OP, David-Operation genannt: Die Klappe wird – vereinfacht gesagt – herausgeschnitten, rekonstruiert, wieder eingesetzt und dann mit der Aortenprothese vernäht.

WELT: Sie waren Ihrem Körper plötzlich ausgeliefert. Wie kamen Sie damit klar?

Stadler: Ich kannte meinen Körper nach der OP nicht mehr. Alles war durcheinander. Ich war in der Reha mit Menschen, die noch nie Sport gemacht hatten, die aber auf dem Ergometer plötzlich besser waren als ich. Ich dachte, das kann alles nicht sein. Aber dann kam der Ehrgeiz des Spitzensportlers wieder durch. Heute helfe ich immer noch gern anderen mit einem ähnlichen Herzproblem. Manche kontaktieren mich und haben einfach Fragen. Ich stand nach der OP damals übrigens erstmal auf Kriegsfuß mit richtigem Sport, habe mich auf die Reha fokussiert und darauf, dass ich wieder fit werde.

WELT: Weil Sie dachten, Ihre Problematik hätte etwas mit dem Leistungssport zu tun?

Stadler: Genau. Bis dann später herauskam, dass meine Mutter das Gleiche hatte. 2017 rief sie mich an, war kurzatmig, und ich brachte sie zum Arzt. Das Ergebnis der Untersuchung: ebenfalls ein sieben Zentimeter breites Aneurysma, Herzklappe kaputt. Da wussten wir, dass wir eine familiäre Geschichte haben – eine Bindegewebsschwäche. Durch den Leistungssport führte das bei mir früher zu Komplikationen. Meine Mama bekam dann auch eine biologische Klappe, alles war top. Bei einer zweiten OP wegen einer Erweiterung der Bauchschlagader ging allerdings etwas schief, sie wachte gelähmt auf und starb acht Wochen später. Das sind alles so viel wichtigere Dinge als der Sport.

Normann Stadler in der Bucht von Kailua-Kona im Jahr 2008

WELT: Was war schwieriger nach der OP: körperlich oder mental wieder Fuß zu fassen?

Stadler: Mental weniger. Ich hatte mehr gewonnen, als ich erhofft hatte. Und ich war froh, dass ich noch lebe. Alles andere war Zugabe. Körperlich war es hart: Ich hatte lange Probleme mit Vorhofflimmern und Panikattacken, bei denen der Puls dann durch die Decke ging oder komplett in den Keller fiel. Auf einmal kriegst du einen zusätzlichen Herzschlag – Extrasystolen genannt –, und ich habe mich dann so hineingesteigert, dass mein Herz geschlagen hat, wie es wollte und der ganze Körper auf eine Art wackelte. Oft ist das nachts passiert, wenn ich zur Ruhe kam. Ich bin dann aufgesprungen, raus in den Park und ein, zwei Stunden gelaufen, gegangen, damit es wieder umspringt in den Sinusrhythmus. Meinen Körper nicht mehr im Griff zu haben, war das Schlimmste. Ich fühlte mich ihm komplett ausgeliefert. Wie oft ich in der Notaufnahme war und sagte: „Leute, ich sterbe.“ Ich kam damit eine Zeit lang nicht klar.

WELT: Wie war der Alltag mit den Kindern?

Stadler: Bis alles verheilt war, durfte ich sie nicht hochheben, musste meinem Zweijährigen erklären, dass ich nicht mit ihm spielen kann, durfte keine Einkäufe tragen. Vorher war ich der Starke, und dann ging nichts mehr. Es war nicht leicht, aber ich habe mich schließlich da rausgekämpft. Und es liegt auch mit an dir, was du daraus machst. Ich habe hart an mir gearbeitet und trainiert, damit ich wieder fit werde.

WELT: Und jetzt sind Sie fitter denn je im Leben seit der OP. Sie sagten, es gehe Ihnen so gut wie lange nicht. Was heißt das für die Zukunft?

Stadler: Ich werde dranbleiben. Natürlich nicht 20 Stunden pro Woche, aber ich werde mir ab jetzt immer wieder Herausforderungen suchen. Cape Epic fände ich spannend. Als Sportler hatte ich immer Ziele, und das tut gut – auch allgemein im Leben. Ziele haben und dranbleiben.

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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