Zum Ende einer intensiven Woche wacht der Hoffnungsträger an der Ägäis auf. An diesem Wochenende bereitet Jürgen Klopp seine Mannschaft in Thessaloniki auf die Partie der Nations League vor, in der Hafenmetropole tritt die deutsche Fußball-Auswahl am Sonntagabend (20.45 Uhr, Liveticker auf WELT.de und RTL) im Rückspiel gegen Griechenland an.
„Nach dem Sieg trauen wir uns eher zu, auch das nächste Spiel zu gewinnen“, sagte Klopp nach dem 2:0 (0:0) gegen Serbien am vergangenen Donnerstagabend in München. Es war sein erster Sieg im neuen Amt. Noch wichtiger als die Ergebnisse sind Klopp die Erkenntnisse, die er in den ersten drei Spielen und den Tagen dazwischen gesammelt hat.
Er steht noch ganz am Anfang seiner Mission, die Nationalelf in die Weltspitze zurückzuführen, und die schwachen Serben waren kein Maßstab. Doch in seiner ersten Länderspiel-Periode wird bereits deutlich, welche Erwartungen Klopp an sein Team hat. Und was unter ihm anders als unter seinem erfolglosen Vorgänger Julian Nagelsmann ist.
Jürgen Klopps Idee greift langsam
Der neue Chef verlangt viel von seinen Spielern. Und hat wenig Zeit, seine Anforderungen zu vermitteln. Umso glücklicher war Klopp, dass der Auftritt in München seinem Ideal nahekam. „Heute waren die Jungs auf Krawall eingestellt, muss man echt sagen“, sagte er. „Die Aggressivität ist durch die Decke gegangen, das war außergewöhnlich gut.“
Klopp lobte das Gegenpressing und die Ballgewinne. Seine Mannschaft schaltete schnell um und suchte den direkten Weg zum serbischen Tor. Der Trainer lässt seinen Spielern erkennbar Freiheiten: „Wir können uns alle Frechheiten und Risiken leisten, wenn wir danach den Ball wieder erobern.“
Laufbereitschaft, Einsatz, Tempo – alles war da. Erstmals seit sieben Länderspielen blieb Deutschland wieder ohne Gegentor. Auch die Chancenverwertung war besser, die Mannschaft blieb nahezu über das gesamte Spiel fokussiert. „Das wird für uns super wichtig bleiben“, so der Trainer. Die Änderungen unter Klopp interessieren international. Die französische Zeitung „L'Équipe“ schrieb: „Die Deutschen zeigten dieses Mal einen wirklich attraktiven Spielstil mit erdrückend hohem Pressing und schnellen Angriffen, die an den von Klopp propagierten Heavy-Metal-Fußball erinnerten.“
Klopp selbst lobte den Mix aus Fußball und Einstellung. „Das muss unser Anspruch sein“, betonte er. Mit dem Trainerteam will er aus den besten Szenen gegen Serbien ein Video machen, das er seiner Mannschaft künftig zeigen wird. „Damit sie sieht, wie gut sie Fußball spielen kann.“
Das Band zwischen Klopp und dem Publikum
Klopp hat eine dringend benötigte Aufbruchsstimmung erzeugt. Mit seiner Art und seinen öffentlichen Auftritten – und mit dem Fußball, den er seine Mannschaft gegen Serbien spielen ließ. Das kann nur der Anfang gewesen sein. Doch dieser Anfang war wichtig. Die Erleichterung war greifbar.
Im mit 68.121 Zuschauern besetztem Münchner Stadion ging La-Ola durch die Arena. Der Bundestrainer bedankte sich mit einer Ehrenrunde und Applaus für die Unterstützung der Fans. Zwischen ihm und dem Publikum besteht bereits jetzt ganz offensichtlich ein Band, das es unter Nagelsmann in dieser Form nie gab. Während der EM 2024 war die Stimmung auch gut, doch jetzt fühlt sich das offensichtlich für viele Menschen noch mal ganz anders an. Der Trainer ist der Star. Und der Hoffnungsträger.
Fans im Münchner Stadion senden mit einem Plakat ihren Wunsch an Jürgen KloppAuf die Frage von WELT AM SONNTAG dazu sagte Klopp in München: „Die Fahnen, La-Ola, es war wundervoll. Da ist mir das Herz aufgegangen, das brauchen wir. Es war schön, dass wir jetzt ein Highlight gesetzt haben.“
Die Optionen im Mittelfeld
Gegen Serbien ließ Klopp im zentralen Mittelfeld den 22-jährigen Aleksandar Pavlović und den 21-jährigen Tom Bischof spielen. Das Duo vom FC Bayern überzeugte. Auch seinetwegen war es ein Erfolg der neuen Generation. Pavlović kam auf knapp 150 Ballkontakte und eine Passquote von 94 Prozent, Bischof erzielte das 1:0. Er bewies, dass er ein entscheidender Faktor sein kann.
Bischof war ein optimaler Ersatz für Joshua Kimmich, spielte kluge Pässe und gewann wichtige Zweikämpfe. Ihm war nicht anzumerken, dass es erst seine zweite Partie für die A-Auswahl war. „Das war eines meiner wichtigsten Spiele“, sagte der Profi, der mit der 18-jährigen Tochter des ehemaligen Fußball-Profis Mehmet Scholl liiert ist. „Jürgen ist ein Trainer, der einen mitzieht. Ich hoffe, dass es genauso weitergeht.“
Gute Stimmung: Jürgen Klopp (r.) mit Tom Bischof nach dem Sieg gegen SerbienZu Recht sehen Experten Bischof langfristig als eine Art neuen Kimmich – in der Nationalelf und beim FC Bayern. Bischof ist Sinnbild für einige in diesem Kader: Er kann sich bis zur EM 2028 zu einem Topspieler Europas entwickeln. Bischof, den Nagelsmann nicht mit zur WM nahm, hat eine große Zukunft im Mittelfeld vor sich.
Die Diskussion um Joshua Kimmich
Bischofs Leistung gegen Serbien ist für Klopp ein Grund zur Freude. Doch sie hat auch eine Diskussion um Kimmich ausgelöst: Was bedeutet dieses Spiel für den Kapitän, der pausierte und mit seiner Frau von der Tribüne aus zusah? Dieses Thema gefällt Klopp nicht. Es machte ihn auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Serbien beinahe etwas wütend. Hinter einer Frage vermutete er den Dreh für eine negative „Jo-Kimmich-Geschichte“. Der Bundestrainer betonte: „Wir können in unterschiedlichsten Konstellationen eine bestimmte Art von Fußball spielen. Das ist der Plan. Der Fußball muss konstant bleiben, die Aufstellung kann es nicht.“
Klopp will Alternativen und braucht Optionen. Er hat sie. „Wenn einer ausfällt und wir stehen da und gucken doof und sagen: Wir können nur so spielen, wenn der und der auf dem Platz ist, dann macht das keinen Sinn“, so der 59-Jährige. „Deshalb bin ich sehr happy über die Performance, habe aber nicht das Gefühl, dass es nur in dieser Konstellation geht.“
Florian Wirtz kommt in Topform
Der 23-Jährige erlebt eine schwierige Phase seiner Karriere. Er wird ob seiner Leistungen beim FC Liverpool kritisiert. Mit Pavlović und Bischof harmonierte er, schoss vor dem 1:0 an den Pfosten und erzielte das 2:0. Klopp drückte Wirtz nach dem Spiel herzlich an sich. „Es hat viel Spaß gemacht mit Pavlo und auch mit Flo. Wir drei haben uns gut verstanden“, sagte Bischof. „Flo ist ein brutaler Fußballer. Der versteht den Fußball, hat so viel Ahnung.“
Das war ein Stück deutsche Fußball-Zukunft in der Gegenwart. Nach der Halbzeitpause und der Auswechslung von Serge Gnabry durfte Wirtz auch noch die Kapitänsbinde tragen. „Es war natürlich wichtig, mal wieder zu gewinnen, auch einfach für den Spirit in der Mannschaft“, sagte er. „Und es war auch so ein Zeichen nach außen, dass wir gute Fußballer und auch eine gute Fußballnation sind. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Wir haben beinahe alles richtig gemacht. Es macht mich stolz, dass ich Kapitän war.“
Jürgen Klopp (r.) war sehr zufrieden mit Florian WirtzKlopps Umgang mit dem Jungstar ist bemerkenswert. Der Bundestrainer zeigt ihm immer wieder sein enormes Vertrauen und will ihn vor Kritik und zu viel Debatten beschützen. Und auch vor zu viel Lob, das Druck bedeuten kann. Klopp war neun Jahre Trainer des FC Liverpool. In der englischen Stadt seien alle bestimmt „sehr happy mit der Performance“ des Offensivspielers.
Wirtz verriet, was Klopp ihm vor dem Anpfiff mit auf den Weg gegeben hatte: „Dass ich wieder den Fußball spiele, den man von mir gewohnt ist.“ Gesagt, getan. „Es geht auf jeden Fall in die Richtung“, so Wirtz. Er wollte die Leistung und den Sieg offensichtlich nicht zu hoch hängen. Klopp war auf jeden Fall begeistert. „Ich glaube, so viele Engländer und Liverpool-Fans haben noch nie ein Spiel der deutschen Nationalmannschaft geguckt. Und sie werden großen Spaß gehabt haben“, sagte der Trainer. „Wir haben einen Jungen gesehen, der sprüht vor Spielfreude, was schon mal das Allerwichtigste ist, der bretthart gearbeitet hat.“
Er fühle sich überragend, berichtete Klopp, „weil ich total happy und stolz bin auf das, was die Jungs da hingehauen haben. Und jetzt fliegen wir nach Griechenland und versuchen, Fußball zu spielen. Das ist der Plan.“
Die Griechen sind in der Gruppe B der Nations League mit sieben Punkten Tabellenführer. Es folgen die Niederlande (fünf Punkte) und Deutschland (vier). Am Sonntag müssen die Griechen wegen einer Oberschenkelverletzung auf ihren Stürmer Christos Tzolis verzichten. Klopp braucht einen zweiten Sieg. Sonst könnte es eng werden mit dem Einzug ins Viertelfinale des Wettbewerbs.
Die nächste Herausforderung
„Das wird ein ganz anderes Spiel“, sagte er. „Das Stadion wird ausverkauft sein. Das wird eine hitzige Atmosphäre. Das wird gut für unseren nächsten Entwicklungsschritt.“
Auch in Thessaloniki geht es ihm wieder darum, Erkenntnisse zu sammeln. Damit nicht nur der Beginn seiner Mission gelungen ist.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Klopp ist der vierte Bundestrainer, den er als Nationalelf-Reporter erlebt. Gegen Serbien war Wolff im Stadion, in Griechenland wird er auch auf der Medientribüne sitzen.
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