Oben auf der Tribüne saß er. Rechts neben ihm seine Frau, links von ihm Heino, der Schlagersänger. Unten auf dem Rasen spielte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, für die Joshua Kimmich bereits 116-mal im Einsatz war. Von den aktuellen Nationalspielern ist der Star des FC Bayern der Dienstälteste.

Am vergangenen Donnerstagabend jedoch, als Deutschland in München 2:0 (1:0) gegen Serbien gewann, blieb ihm nur die Rolle des Zuschauers. Nach den Partien in der Nations League gegen die Niederlande (1:1) und Griechenland (0:1) hatte der Kapitän die Mannschaft ob der Rotation von Bundestrainer Jürgen Klopp verlassen müssen, wie viele andere Profis aus dem ersten Kader des 44 Spieler umfassenden Aufgebots.

Klopp und Kimmich nach dem 0:1 gegen Griechenland am vergangenen Sonntag

Kimmich, 31 Jahre alt, wäre gern geblieben. Nun aber musste er von der Tribüne mitansehen, wie unter Klopp der erste Sieg gelang – mit einem Mittelfeld, in dem Tom Bischof (21), Aleksandar Pavlović (22) und Florian Wirtz (23) in Abwesenheit von Kimmich überzeugten. Es war ein Erfolg der neuen Generation.

„Da kann ich leider nicht mitsingen bei dem Lied“, sagt Klopp

Als der Bundestrainer im Anschluss an das Spiel auf der Pressekonferenz gefragt wurde, inwiefern es Wirtz leichter gemacht wurde, mit Pavlovic und Bischof zusammenzuspielen, und ob das Zusammenwirken seinem Ideal schon sehr nahegekommen sei, holte Klopp weit aus. Ihm gefiel das Thema und die damit verknüpfte Debatte offensichtlich nicht.

„Also, es ist so ein schöner Abend. Und ohne es anzusprechen, wollt Ihr ein Thema aufmachen, das kein Thema ist. Flo Wirtz braucht nicht bestimmte Spieler, die mit ihm zusammenspielen. Die Art und Weise, wie wir gespielt haben, hat zu Flo Wirtz gepasst. Aber jetzt daraus zu machen, dass er nur mit Pavlovic … – vielleicht war das nicht die Frage gewesen.“

Der Journalist versuchte, seine Frage zu präzisieren, doch Klopp blieb bei seiner Deutung, woraufhin sich folgender Wortwechsel entwickelte.

Starker Auftritt im Spiel gegen Serbien: Aleksandar Pavlovic (l.)

Journalist: „Ich wollte andersherum raus. Ich wollte darauf hinaus: Hilft Pavlovic in besonderer Weise mit seinem Spiel Flo Wirtz? Ich wollte nicht auf Flo Wirtz hinaus, sondern auf Pavlovic und Bischof.“

Klopp: „Und am Ende wird es eine Jo-Kimmich-Geschichte. Das kriegt Ihr ja hin. Pavlovic, Bischof, Wirtz hat super funktioniert …“

Journalist: „Das kommt auf Sie an. Ich habe den Namen nicht genannt.“

Klopp schloss das Thema mit einem klaren Statement ab: „Da kann ich leider nicht mitsingen bei dem Lied. Wir können in den unterschiedlichsten Konstellationen eine bestimmte Art von Fußball spielen, das ist der Plan. Der Fußball muss konstant bleiben. Die Aufstellung kann es nicht, hauptsächlich, weil Spieler sich verletzen. Das passiert ständig im Laufe einer Saison. Wenn dann einer ausfällt und wir stehen da und gucken doof und sagen: Wir können nur so spielen, wenn der und der auf dem Platz ist, dann macht das keinen Sinn. Deshalb bin ich sehr happy über die Performance, habe aber nicht das Gefühl, dass es nur in dieser Konstellation geht. Heute hat es in dieser Konstellation sehr gut funktioniert.“

Die runderneuerte Nationalmannschaft hat Jürgen Klopp den ersehnten ersten Sieg als Bundestrainer beschert. Deutschland gewann mit einem überzeugenden Spiel 2:0 gegen Serbien in der Nations League. Sportreporter Christian Beilfuß berichtet.

Klopp hatte bei seiner Kader-Nominierung für die vier Nations-League-Partien angekündigt, das Aufgebot zu splitten. Zum einen wollte er jedem Spieler eine Chance geben, sich zu zeigen – zum anderen diente es der Belastungssteuerung. Insbesondere für die Spieler des FC Bayern beginnen ab übernächstem Wochenende herausfordernde Wochen – bis Weihnachten steht im Abstand von drei bis vier Tagen sehr oft ein Spiel an. Kimmich ist bei den Münchnern ein wichtiger Faktor, bestreitet beinahe jede Partie. Klopp hatte sich im Vorfeld der ersten Länderspielmaßnahme mit vielen Klubtrainern ausgetauscht – und die Belastungssteuerung dabei auch abgestimmt.

Die deutsche Elf siegte erstmals unter Klopp – und das ohne ihren Kapitän. Zur Wahrheit gehört aber auch: Serbien war ein ganz schwacher Gegner. Deutschland hatte 74 Prozent Ballbesitz und 32:1 Torschüsse, nur zwei Werte, die den Klassenunterschied aufzeigen. Dennoch bestätigt die Situation diejenigen, die Kimmich etwas kritisch sehen. Klopp hält sehr viel von seinem Kapitän, hatte die aufkommende Debatte allerdings auch teilweise selbst befeuert.

So hatte er in einem Gespräch mit BR24 vor der Serbien-Partie verraten, dass es Kimmich gar nicht geschmeckt habe, dass er nach zwei Spielen hatte abreisen müssen. Der Spieler wollte bleiben. „Er hat tatsächlich ein paar Mal nachgefragt“, so der Bundestrainer, „aber das kann ich Jo sagen: Je öfter man fragt, desto weniger wahrscheinlich bekommt man das, was man will.“

Dass seine Aussagen derartige Wellen geschlagen hatten, überraschte Klopp unmittelbar vor dem Anpfiff gegen Serbien dann aber. Im Gespräch mit ZDF-Moderator Jochen Breyer sagte er: „Mir ist gerade erst auf dem Weg hierhin mitgeteilt worden, dass das ein Thema ist, was ich gesagt habe.“

Klopp betonte, wie auch im Interview zuvor, dass Kimmich in den Spielen gegen die Niederlande und Griechenland „einen überragenden Eindruck“ gemacht habe. Kimmich selbst hatte seine Leistung primär gegen die Griechen deutlich kritischer gesehen und von „Luft nach oben“ gesprochen.

1:0 für Deutschland: Tom Bischof jubelt ausgiebig nach seinem Führungstor gegen Serbien

„Wir müssen gucken, was passiert, wenn er nicht da ist.“ Schließlich könne auch Kimmich „theoretisch verletzt sein“. Deshalb müsse man „auch gucken, wie die Gruppe funktioniert, wenn die ganz großen Köpfe nicht da sind“, erläuterte Klopp seine Entscheidung, auf seinen Kapitän zu verzichten, weiter. Er wolle „alle Facetten des Zusammenlebens“ kennenlernen. „Deshalb war es überhaupt nicht gegen ihn. Es war von vornherein klar, dass er nicht dabei bleiben wird.“

Dass Kimmich unbedingt bleiben wollte, zeichne den Kapitän aus, lobte Klopp – und stellte klar: „Ich wollte ihm keine Message senden. Alle Messages ab jetzt werden direkt gesendet, nicht über euch.“

Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über Fußball, im Speziellen über die Nationalmannschaft. Zuletzt waren sie bei der WM in den USA. Bei den ersten Länderspielen unter Klopp werden Gartenschläger und Wolff abwechselnd auf der Medientribüne sitzen.

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