Ilkay Gündoğan pflegt je einen Account auf Instagram, X, TikTok und LinkedIn, vereint auf allen Plattformen rund 11,5 Millionen Follower. Der langjährige Nationalspieler ist selbst Teil der Social-Media-Maschinerie – und doch kritisiert er sie im Zusammenhang mit dem Profifußball scharf. „Der Ursprungsgedanke von Social Media war ein positiver, aber die Richtung, die inzwischen eingeschlagen wurde, ist eher falsch. Heute geht es in vielen Fällen nur noch um Ruhm und den größten Profit“, sagte Gündoğan der „Zeit“.
„Echt“ sei an den Auftritten vieler Personen in den sozialen Netzwerken wenig, da oft „immer nur die schönen Seiten“ gepostet würden. „Wenn man etwas Negatives postet, macht man sich angreifbar, und es gibt in den Kommentaren viel Frustration“, sagte Gündoğan. „Viele gaukeln nur etwas vor.“
Außerdem würden viele Fußballer der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit einen zu hohen Stellenwert einräumen. Dabei bezieht sich Gündoğan vor allem auf die jüngere Generation an Spielern, „auch wenn es natürlich nicht alle betrifft“. Bereits im Sommer machte Gündoğan in einer „Spiegel“-Kolumne öffentlich, dass er Spieler kenne, die in der Halbzeitpause in der Kabine ihren Namen googeln würden, um zu schauen, was öffentlich über sie geschrieben wird.
Darauf angesprochen, sagte Gündoğan nun: „Das ist leider so. Lob in der Öffentlichkeit ist manchen wichtiger als das des Trainers oder das der Kollegen. Das kann sehr gefährlich sein. Wenn dann die Entscheidungen auf dem Platz manchmal auch danach ausgerichtet werden, können Sie sich ja vorstellen, dass am Ende nicht mehr das beste Ergebnis für die Mannschaft rauskommt.“
Dennoch betonte Gündoğan auch, dass man den Spielern nur begrenzt einen Vorwurf machen könne. „Ihnen wird kaum eine Wahl gelassen. Der Umgang mit Social Media gehört heute zum Profisein dazu“, sagte der Spieler von Galatasaray Istanbul.
„Die ganze Welt huldigt dem Individualismus“
Auch andere Entwicklungen im Fußball stören Gündoğan. „Ich habe zum Beispiel den Eindruck, manchmal wird vergessen, dass Fußball ein Teamsport ist“, kritisierte der 35-Jährige. „Spieler, Manager und Trainer, die Medien – die ganze Welt huldigt dem Individualismus. Es scheint nichts Wichtigeres mehr zu geben als Tore. Die sind angeblich alles.“ Die sozialen Medien würden auch diesen Trend beschleunigen.
In dem Interview ging es auch um Gündoğans Sicht auf den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp. Der 82-malige Nationalspieler hob mit einer Anekdote Klopps besondere Eigenschaften hervor. „Jürgen hat mir mal einen Einlauf verpasst. Ich war aus seiner Sicht zu spät beim Trainingsgelände, um zum Physio zu gehen. Da kam er ins Zimmer gestürmt, schrie mich an, knallte die Tür. Das war der Sache nicht ganz angemessen. Eine halbe Stunde später nahm er mich in den Arm und erklärte mir, warum er so streng war. Dann hat er sich entschuldigt“, erinnerte sich Gündoğan an die gemeinsame Zeit bei Borussia Dortmund. Gündoğan spielte von 2011 bis 2016 beim BVB, mit Klopp als Trainer feierte er 2012 die deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokalsieg.
Vier Jahre arbeiteten Jürgen Klopp (l.) und Ilkay Gündoğan beim BVB zusammen„Eigentlich hatte er recht. Ein, zwei Minuten nach dem Wutausbruch hat er sich wieder beruhigt. Wir Spieler haben seine impulsive Art immer akzeptiert: ehrlich, direkt, sympathisch. Kein Trainer ist so authentisch wie er“, schilderte der Mittelfeldspieler.
Gündoğan warb darum, Geduld mit dem bislang noch nicht siegreichen Bundestrainer zu haben. Dass dieser mehr als 40 Spieler nominiert habe, „drückt seine Begeisterung aus, Trainer einer großen Fußballnation zu sein“, sagte Gündoğan. „Wir sollten ihm die Zeit zum Testen geben. Ich fiebere jedenfalls mit der Nationalmannschaft.“
Gündoğan möchte nach der Karriere als Trainer arbeiten
Der 35-Jährige betonte, er sei froh, dass Klopp jetzt Bundestrainer ist. „Er hat auch Liverpool und Dortmund am Boden übernommen und zu Titeln geführt. Es wird jedoch ein harter Weg für die Spieler, das hat man bei den ersten beiden Spielen gesehen“, sagte Gündoğan.
Zur aktuellen Schieflage des deutschen Fußballs sagte er: „Spanien, Frankreich oder England sind besser besetzt. Das ist nun mal die Realität, kann aber keine Begründung für ein Ausscheiden vor dem Achtelfinale bei großen Turnieren sein. Im Fußball muss man nicht die besten Spieler haben, sondern die beste Mannschaft. Das klingt so einfach, ist es aber – wie wir sehen – nicht.“
Der frühere ManCity- und Barcelona-Profi verriet auch seinen Plan für die Zeit nach dem Karriereende. „Ich würde gerne als Trainer arbeiten. Ich habe erlebt, was Trainer bewirken können“, sagte er. „Letztlich hat mein ehemaliger Coach Pep Guardiola den Gedanken in mich gepflanzt. In seiner Rolle habe ich meine künftige erkannt.“ Unter Guardiola spielte er bei Manchester City. Gemeinsam wurden sie unter anderem im Jahr 2023 Champions-League-Sieger, anschließend wurde Gündogan als Deutschlands „Fußballer des Jahres 2023“ ausgezeichnet.
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