Aus dem Vierkampf ist ein Duell geworden. Deutschland, so viel steht seit Langem fest, will sich um die Austragung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben. An diesem Samstag entscheidet nun eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) über den nationalen Bewerber. Anfangs waren es vier, jetzt nur noch zwei: München und KölnRheinRuhr.

Die Hamburger Bevölkerung lehnte im Frühjahr eine Bewerbung im Bürgerschaftsreferendum mit 54,9 Prozent der Stimmen ab, Berlin gab an diesem Donnerstag auf und zog seine Bewerbung zurück – die Chancen der Hauptstadt waren extrem gesunken. Da ist zum einen der am Dienstag veröffentlichte Bericht der Evaluierungskommission des DOSB, der die Konzepte von München und KölnRheinRuhr klar vorn sieht, aber vor allem der Sieg der Linken bei der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag und die darauffolgenden Worte ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp, die Olympische Spiele in der Stadt ablehnt. Ein Gespräch mit DOSB-Präsident Thomas Weikert.

WELT: Herr Weikert, Sie sind am Samstag Teil der Verkündung des Wahlsiegers, werden den Umschlag öffnen, bevor der Bundespräsident verliest, was auf dem Zettel steht. Müssen Sie noch proben?

Thomas Weikert: Seien Sie versichert, dass ich mit dem Bundespräsidenten vorher spreche und wir das abstimmen. Ich kenne ihn ganz gut, und wir werden das sicher ordentlich über die Bühne bringen.

WELT: Was wird auf dem Zettel stehen?

Weikert: Hoffentlich KölnRheinRuhr oder München ...

WELT: Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Samstag?

Weikert: Vor allem mit Vorfreude. Der zurückliegende Prozess war sehr intensiv. Wir haben fünf Evaluierungssitzungen gehabt, die letzte am Dienstag. Die Intensität war aber auch notwendig, um den Prozess vollständig transparent zu machen, was vielleicht in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Alle Unterlagen, die wir haben, sind veröffentlicht worden. Und das öffentliche Interesse zeigt uns, dass Olympia weiterhin ein großer Anziehungspunkt ist und sich viele freuen würden, wenn wir so ein Riesenevent mal wieder in Deutschland ausrichten können.

WELT: Aufgrund des Rückzugs von Berlin gibt es nur noch zwei Kandidaten. Wie haben Sie diese Entscheidung aufgenommen?

Weikert: Der DOSB akzeptiert und bedauert den Rückzug der Berliner Bewerbung. Gleichwohl nötigt uns dieser Schritt den allerhöchsten Respekt ab. Dass Berlin die nationale und internationale Bedeutung der Entscheidung von Baden-Baden über seine eigenen Interessen stellt, ist ein großes Zeichen von Fairness und Respekt. Es unterstreicht, dass es den Verantwortlichen in der Hauptstadt vor allem darum geht, die Spiele endlich wieder nach Deutschland zu holen. Unabhängig vom Austragungsort. Ich kann diese Angst vor Olympischen und Paralympischen Spielen und die Negativität, die die Kritiker ausgestrahlt haben, in dieser Form auch nicht verstehen.

WELT: Schauen wir auf die beiden verbliebenen Kandidaten. Beide wurden als „sehr gut“ bewertet und liegen eng beieinander. Wie knapp wird die Abstimmung?

Weikert: Es wird spannend. Beide Bewerber könnten Olympische und Paralympische Spiele sehr gut ausrichten. Wir haben ja eine objektive Bewertungsgrundlage geschaffen. Alle relevanten Faktoren wurden bewertet. Wenn dann KölnRheinRuhr 85 und München 87 Punkte erzielen, sind das Nuancen, die die beiden unterscheiden. Für eine Wahl spielen aber auch die subjektiven Komponenten eine Rolle. Aus Verbandssicht: Wo sehe ich meine Sportart am liebsten? Wo ist die größte Unterstützung für meine Sportart? Solche Dinge werden am Samstag auch wichtig sein.

Olympia-Befürworter auf dem Münchner Marienplatz

WELT: Wie würden Sie KölnRheinRuhr und München mit wenigen Begriffen beschreiben?

Weikert: Wir haben im Präsidium und im Vorstand des DOSB seit Beginn des Prozesses keine Wertung der Kandidaten vorgenommen, und daran halte ich mich weiterhin. Deshalb bitte ich diese Beschreibung als Aufzählung und nicht als Vergleich zu verstehen. Fangen wir mit NRW an: Sie können 17,6 Millionen Tickets verkaufen, so viele wie niemals zuvor bei Olympischen Sommerspielen. Sie haben ein geballtes System von Großstädten und verschiedene außergewöhnliche Wettkampfstätten. Nehmen Sie allein die Schwimmwettbewerbe auf Schalke vor 60.000 Zuschauern.

WELT: Und München?

Weikert: Kompakt, alles gut erreichbar, keine langen Wege. Es werden zudem alle Stätten von 1972 genutzt – vom Olympiastadion bis zum Reiten.

WELT: RheinRuhr mit Köln hat hingegen weder Positives noch Negatives, woran es geschichtlich anknüpfen könnte.

Weikert: Das haben andere internationale Kandidaten auch nicht.

WELT: Grundsätzlich haben beide Konzepte laut des Evaluierungsergebnisses viele Stärken. Es gibt aber auch Themen wie Kostenfinanzierung, Vision and Legacy. Müssten beide dort nachbessern?

Weikert: Nachbessern kann und muss man in allen Bereichen. Wir haben bis 2029 Zeit, wenn die Spiele für 2036 vergeben werden sollen, und wissen auch noch gar nicht, wie das Sportartenprogramm konkret aussehen wird. Da kann sich noch manches verändern. Vielleicht gibt es beispielsweise weniger Sportarten. Oder es gibt durch unvorhergesehene Ereignisse eine notwendige Veränderung in der Infrastruktur. Das sind Dinge, auf die man dann reagieren muss und kann.

WELT: Konkret zum Thema Vision and Legacy, auf das auch vom IOC sehr großer Wert gelegt wird: Ist Ihnen das, was die Bewerber mitbringen, ausreichend? Ist die Vision kräftig genug?

Weikert: Für die nationale Bewerbung ist das sicher erst mal ausreichend und bereits sehr detailliert. Beide Konzepte haben derzeit noch einen starken regionalen Fokus. Mit Blick auf den Bewerbungsprozess gilt es, diese Ansätze stärker auf die nationale Ebene auszurichten. Und natürlich ist Vision und Legacy ein ganz wichtiges Thema: Wenn ich daran denke, dass die Pariser die Seine sauber gemacht haben, sodass dort wieder geschwommen werden kann, oder die tägliche Sportstunde eingeführt haben. Beim Sport in der Schule müssen wir in Deutschland auch etwas tun, auch schon im Kindergarten. Da wird viel zu wenig gemacht.

Zwei Fechter kämpfen vor dem Schriftzug „JA“ auf der Rheinpromenade in Deutz

WELT: Es wird am Samstag naturgemäß auch Enttäuschte geben. Wie wollen Sie den Unterlegenen dazu bringen, dass am Ende alle an einem Strang ziehen?

Weikert: Wir haben im Vorfeld mehrere Sitzungen mit allen vier Kandidaten gehabt. Alle haben sich sogar schriftlich zu einem fairen Umgang miteinander und zur Unterstützung einer Bewerbung für ganz Deutschland verpflichtet. Auch aufgrund der Gespräche mit den jeweiligen Ministerpräsidenten bin ich der Überzeugung, dass alle, auch Berlin und Hamburg, zu 100 Prozent den finalen Bewerber unterstützen werden. Berlin hat das beispielsweise bei der Pressekonferenz zum Rückzug ihrer Bewerbung sehr deutlich gemacht. Am Ende ist es eine deutsche Bewerbung. Ich vertraue darauf, dass dem dann feststehenden Bewerber die volle Unterstützung zugesagt wird. Und dann würde ich gern noch etwas hinzufügen.

WELT: Bitte.

Weikert: Natürlich ist Olympia die größte Veranstaltung. Wenn wir Olympische und Paralympische Spiele haben wollen, brauchen wir auf dem Weg dahin aber auch andere Sportgroßveranstaltungen wie zum Beispiel die World Games 2029 in Karlsruhe oder die Leichtathletik-WM 2031 in München. Es gäbe zum Beispiel die European Games 2031, die ein sehr großes Event sind und dann von einem der nicht erfolgreichen Bewerber ausgerichtet werden könnten.

WELT: München wirkt als Kandidat sehr gefestigt, routiniert. Viele hätten bei der bayrischen Landeshauptstadt vielleicht das beste Gefühl, wenn es um Verlässlichkeit geht. KölnRheinRuhr hat hingegen einige innovative Ideen präsentiert. Wäre es der mutigere, aber auch riskantere Kandidat?

Weikert: Nein, ein größeres Risiko kann ich nicht erkennen. Das ist eine genauso gute Bewerbung wie die Münchens. Ich habe überhaupt keine Bedenken, dass sie das nicht vernünftig machen würden. Es gab ja im Ruhrgebiet auch zahlreiche große Veranstaltungen, die ich selbst schon mitgemacht habe. Das war immer sehr ordentlich.

WELT: Ein Schwachpunkt ist der Name „KölnRheinRuhr“. Allein in diesem Interview sprachen wir schon von „NRW“, von „KölnRheinRuhr“, von „Rhein-Ruhr“, dem „Ruhrgebiet“. Dazu käme die „Region Rhein-Ruhr“ oder auch „RheinRuhr mit Köln“, und die Variante mit der „Leading City Köln“ wurde noch gar nicht erwähnt. All das ist international unbekannt und sperrig. Muss man im Erfolgsfall nicht noch mal an den Namen ran?

Weikert: Das würde man dann mit dem Bewerber und natürlich auch mit dem IOC besprechen, Meinungen einholen und gegebenenfalls auf Rat hin ändern. Ich spreche auch mit vielen IOC-Mitgliedern, und die kennen sehr wohl auch die Region. Die wissen, was das ist. Ich sehe das nicht als Nachteil an.

WELT: Bislang gab es von diesen bewerbungstypischen Bildern mit futuristischen Grafiken und animierten Visionen noch nicht viel zu sehen. Kommt das noch?

Weikert: Ich glaube nicht, dass das für eine Bewerbung zum jetzigen Zeitpunkt auf nationaler Basis ein entscheidender Faktor ist.

WELT: Weg von den Bewerbern zu Deutschland insgesamt. Waren Sie auch von der Positivität überrascht, mit der die Menschen dem Thema Olympia laut Umfragen hierzulande gegenüberstehen? In Zeiten zunehmender Individualisierung und gespaltener Gesellschaft war das nicht selbstverständlich, oder?

Weikert: Überrascht war ich nicht. Ich gebe aber zu, dass ich vor dem ersten Referendum in München sehr nervös war. Wenn das gescheitert wäre, hätte das dem Thema einen herben Dämpfer versetzt. Und seitdem habe ich so viel Zuspruch erhalten und Vorfreude gespürt. Olympische und Paralympische Spiele sind im Moment überaus positiv besetzt, das unterstreichen sowohl die Zweidrittel-Mehrheiten bei den Referenden in München und NRW als auch bundesweite Umfragen, die bei rund 70 Prozent Zustimmung liegen. Paris hat uns da sehr geholfen. Viele Deutsche waren 2024 selbst vor Ort und erlebten, dass der Gigantismus einem Fokus auf Nachhaltigkeit gewichen ist, dass bestehende Sportstätten genutzt und die Spiele der Stadt angepasst werden, anstatt die Stadt an die Spiele anzupassen. Das haben jetzt viele Menschen realisiert und ihre Meinung geändert. Deutschland will Olympische Spiele.

WELT: Paris hat viele Menschen mit seinen Bildern von Sportstätten vor historischer Szenerie begeistert. Das hätte Deutschland allenfalls mit Berlin transportieren können. Stachus und Zeche Zollverein sind, mit Verlaub, nicht der Eiffelturm.

Weikert: So viele alte ikonische Bauten wie in Berlin gibt es in NRW und München nicht. Aber dafür gibt es andere Stärken, die wir ja schon erörtert haben. Ich glaube nicht, dass die Bauten ein entscheidendes Kriterium sind.

WELT: Aber der Vibe und die Herangehensweise der Spiele von Paris sind auch beim IOC die Benchmark?

Weikert: In gewisser Weise schon, ja. Das war für alle positiv und ist auch finanziell gut ausgegangen. Der finanzielle Überschuss im Durchführungsbudget lag bei rund 76 Millionen Euro. Das Geld floss zurück in den Sport. Wir sollten aber nicht den Fehler machen und versuchen, Paris zu kopieren. Wir werden unsere eigenen Visionen entwerfen und eine nachhaltige Legacy kreieren.

Beachvolleyball vor dem Eiffelturm: Paris strahlte

WELT: Eine international erfolgreiche Bewerbung dürfte die Vorfreude steigern, aber auch Druck aufbauen. Deutschland war in der jüngeren Vergangenheit bei Großprojekten nicht gerade erfolgreich, wenn wir an den Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 nehmen. Kriegen wir das hin?

Weikert: Man kann nicht wegdiskutieren, dass wir Probleme bei einigen Großprojekten und auch bei der Modernisierung der Infrastruktur und der Digitalisierung haben. Aber unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Sport, und im Ausland wissen sie, dass wir große Sportevents immer sehr gut hinbekommen. Und ich bin auch davon überzeugt, dass uns Olympische und Paralympische Spiele insgesamt einen Schub geben werden. Sportveranstaltungen sind immer eine große Chance, Dinge voranzubringen. Wir haben ja mit dem Slogan „Die Bewegung, die Deutschland jetzt braucht“ geworben, und ich bin fest davon überzeugt, dass wir damit richtig liegen.

WELT: Keine Angst vor der deutschen Bürokratie?

Weikert: Ich sehe es positiv. Dadurch, dass wir Vorschriften haben, an die sich in der Regel gehalten wird, kann man ja auch sagen, bei uns läuft das sehr gut ab. Wir sind im Ausland dafür bekannt, dass wenn wir A sagen, jeder auch A bekommt. Das ist so. Damit will ich nicht sagen, dass andere das nicht hinbekommen, aber wir haben diesen Ruf.

WELT: Ist der noch aktuell?

Weikert: Wir haben hier im Sommer wieder viele Weltmeisterschaften gehabt: Rhythmische Sportgymnastik, Reiten, Basketball, Flag Football. Die einhellige Meinung danach war, dass das alles hervorragend organisiert war. Hinzu kommen die Finals, die in Hannover die Menschen begeistert haben.

WELT: Sie wollen doch nicht die WM in der Rhythmischen Sportgymnastik mit Olympischen Sommerspielen vergleichen.

Weikert: Rhythmische Sportgymnastik ist ebenso wie Reiten und Flag Football Teil der Olympischen Spiele. Und ich will damit sagen, dass diese Veranstaltungen immer ohne Probleme und wirklich super abgelaufen sind. Es gab keine Beschwerden, es waren viele Zuschauer da und die internationalen Gäste waren zufrieden. Für die Sportler und Sportlerinnen wurde gesorgt. Die Unterkunft war passend. Das wissen alle im Ausland, dass das bei uns so läuft. Ob sie uns dann wählen, ist eine andere Geschichte, aber sie wissen, dass es bei uns auf jeden Fall ein sehr gutes Event gibt.

WELT: Neben der Sorge vor rechtzeitiger Fertigstellung und behördlichen Auflagen fürchten viele ausufernde Kosten. Muss noch mehr Überzeugungsarbeit und Transparenz geleistet werden?

Weikert: Was die Kosten angeht, sind wir jetzt ja schon maximal transparent. Es wird immer Überzeugungsarbeit notwendig sein, und es ist mir auch bewusst, dass man niemals alle Kritiker überzeugen kann. Aber so, wie das jetzt bei uns gelaufen ist, war das, so glaube ich, alles ziemlich in Ordnung.

WELT: Sie bewegen sich vor allem in der Welt des Sports. Haben Sie auch direkten Kontakt zu Olympiagegnern oder Menschen, die mit dem Thema nichts zu tun haben wollen? „Beim IOC sind alle korrupt“, „Die Kosten explodieren“, „Ich habe nichts davon“ – kennen Sie solche Aussagen im direkten Austausch?

Weikert: Natürlich wird das auch an mich herangetragen. Das ist aber bei Weitem die Minderheit. Und ich kann das sogar nachvollziehen, weil sich natürlich nur wenige so intensiv mit der Bewerbung beschäftigen, wie wir das im Sport aktuell tun. Da nützen nur Gespräche und natürlich auch objektive Kriterien, um den Leuten die Angst zu nehmen. Aber da lande ich wieder in Paris. Da waren auch viele Pariserinnen und Pariser sehr skeptisch und flohen aus der Stadt. Viele kamen dann bereits während der zweieinhalb Wochen zurück, weil sie merkten, dass da etwas Großartiges ablief. Ich will es nicht Angst nennen, aber man muss den Leuten die Sorge vor der Größe der Veranstaltung nehmen und ihnen erläutern, welchen Nutzen Olympische und Paralympische Spiele für die Entwicklung der Gesellschaft – und damit auch für jeden Menschen in Deutschland – haben können.

WELT: Abschließend eine persönliche Frage: Die nächste ordentliche DOSB-Mitgliederversammlung ist am 5. Dezember. Es stehen Präsidiumswahlen an. Treten Sie noch einmal an?

Weikert: Damit beschäftige ich mich dann in der kommenden Woche.

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