Am Donnerstag sind es 858 Tage her, dass er letztmals als verantwortlicher Coach auf der Trainerbank saß. In Liverpool war das. Die heimischen Reds, bei denen Jürgen Klopp 2015 angefangen hatte, spielten am 19. Mai 2024 gegen die Wolverhampton Wanderers. Liverpool siegte 2:0. Im Anschluss trugen sie Klopp, der einige Monate zuvor seinen Abschied zum Saisonende verkündet hatte, auf Händen über den Rasen. Tränen flossen.
Nun, da etwas mehr als zwei Jahre vergangen sind, kehrt Klopp auf die Trainerbank zurück. Als neuer Bundestrainer feiert er am Donnerstagabend in Amsterdam seine Premiere. Deutschland trifft in der Nations League auf die Niederlande (20.45 Uhr/RTL).
Jonathan Tah, Innenverteidiger des FC Bayern, am Mittwoch während des AbschlusstrainingsAufgeregt sei er noch nicht, sagte er am Abend vor dem Spiel auf einer Pressekonferenz. „Noch nicht“, schob er nach, „aber eine gewisse Anspannung ist da. Ich freue mich auf das Spiel – auf alles, was da ankommt. Und die Jungs haben alle einen guten Eindruck hinterlassen.“ Er wisse um die Erwartung. Als er gefragt wurde, ob er den deutschen Fußball-Fans denn etwas versprechen könne, auch mit Blick auf einen möglichen Titelgewinn in den kommenden vier Jahren, verneinte er das. „Versprechen kann ich, dass wir es versuchen wollen. Und dass wir in jedem Spiel so gut drin sind, dass wir es gewinnen.“ Klopps Vertrag ist bis nach der WM 2030 datiert, zwei Jahre zuvor läuft die EM.
Der Bundestrainer war sehr gut aufgelegt, wie schon am Mittwochvormittag. Da beantwortete er vor dem Abschlusstraining in Herzogenaurach („So, ich habe 15 Minuten nix zu tun hier. Das passiert selten.“) den anwesenden Medienvertretern bereits einige Fragen.
„Wir müssen liefern“, sagt der Bundestrainer
Klopp berichtete, dass es viele Meetings in den vergangenen Tagen gab – und, dass die Jungs super seien. Sie hätten alle Lust. Was man denn in der Partie in Amsterdam erwarten könne von der Mannschaft, wurde er noch gefragt. „Dass wir guten Fußball spielen wollen, ist klar. Ihr könnt euch alle vorstellen, was wir sehen wollen, aber darüber rede ich dann nach dem Spiel. Ein bisschen überraschend wollen wir ja auch noch sein.“ Bei allen positiven Vibes, die hier sicher da sind, ergänzte er, weiß man, „dass wir am Ende Ergebnisse liefern müssen. Ich würde es gern lange machen und dafür müssen wir es gut machen. Gut machen heißt, den Wind umdrehen – und die Ergebnisse kommen über kurz oder lang. Der Start ist wichtig. Wir versuchen zu lernen, Spaß zu haben unter Druck.“
Im Training stimmte am Mittwoch der Einsatz. Davon konnte man sich im Nachgang auf dem Instagram-Kanal des DFB überzeugen. Da ist auf einer kurzen Video-Sequenz ein Zweikampf zwischen Jonathan Tah und Yannik Engelhardt zu sehen – im Hintergrund steht Jürgen Klopp. „Yannik, lass ihn da nicht raus“, brüllt der Bundestrainer über den Platz in Herzogenaurach.
Donnerstagabend aber wird sich dann erst zeigen, wie sich die DFB-Auswahl unter Wettkampfbedingungen präsentiert. Es ist Spiel eins nach dem desaströsen Aus im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay am 30. Juni. Auf Julian Nagelsmann, der kurz danach seinen Rücktritt bekanntgab, folgte Jürgen Klopp. Dieser sei ein Trainer, hatte Rechtsverteidiger Philipp Treu vom SC Freiburg gesagt, für den man durchs Feuer gehen würde.
„Ich gehe für die Jungs durchs Feuer“, sagte Klopp, als er mit dieser Aussage konfrontiert wurde: „Wenn die Jungs alles geben, bin ich für sie verantwortlich, ohne Wenn und Aber. … Es sieht alles sehr gut aus, aber es ist mehr so ein Grillfeuer, mehr konnten wir bisher noch nicht entfachen. Aber wir werden daran arbeiten, dass es so aussieht, dass wir das füreinander machen.“
Der mitgereiste Anhang – 2600 deutsche Fans werden in der Johan-Cruyff-Arena sein – und die Millionen TV-Zuschauer werden am Donnerstagabend genau hinschauen. Und vielleicht auch hinhören. „Ich habe neulich beim Supercup festgestellt: Ich wusste gar nicht, dass ich die Nationalhymne drauf hab, komplett! Das war mir neu“, erzählte Klopp am Tag vor seinem Debüt als Bundestrainer: „Ich habe sie selten gesungen zu Hause, wenn ich ein Länderspiel geschaut habe. Das wird also jetzt anders sein.“ Was er nun machen dürfe, ergänzte er, sei eine „Riesen-Ehre“.
Beim Klopp-Debüt werden die deutschen Nationalspieler übrigens erstmals im letzten Trikot des langjährigen Ausrüsters Adidas spielen. Zunächst war geplant gewesen, das Jersey erst am 3. November vorzustellen. Jetzt feiert das schwarze Shirt in Amsterdam vorzeitig Premiere. Eigentlich war angedacht, dass die Nationalspieler in einem grünen Retro-Trikot von der WM 1990 auflaufen. Das Retro-Design aber entspricht in seiner Verkaufsversion jedoch nicht den offiziellen Statuten des europäischen Fußballverbandes. Die Uefa schreibt für ihre Wettbewerbe freie Flächen an den Ärmeln vor, um dort eigene Abzeichen zu platzieren.
Am 31. Dezember endet nach 77 Jahren die Partnerschaft mit Adidas. Ab 1. Januar rüstet Nike alle Mannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aus.
Lars Gartenschläger ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Zuletzt war er bei der WM in den USA. Bei den ersten Länderspielen unter Klopp werden Gartenschläger und sein Kollege Julien Wolff abwechselnd auf der Medientribüne sitzen.
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