Die Spiele der Fußball-Bundesliga verfolgte Jürgen Klopp am vergangenen Wochenende schon am „Home Ground“ in Herzogenaurach, wo er mit seinem Trainer-Team bereits am Freitag angereist war. Nach und nach empfing der Bundestrainer dort seine Spieler.

Er will auf seiner Mission alle mitnehmen, hat dafür 44 Spieler nominiert. Seit dem vergangenen Montag bereitet er sich mit den 24 Profis aus seinem „Kader 1“ auf die ersten zwei der insgesamt vier Spiele in der Nations League vor.

Die wichtigsten Neuerungen, die der Bundestrainer aktuell umsetzt, wurden bereits im August in einer Klausurtagung in Blankenhain erarbeitet. In dem dortigen Spa- und Golfresort, das ab dem neuen Jahr das neue Trainingsquartier des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird, zog sich Klopp mehrere Tage mit seinem engsten Trainerstab zurück. Dabei erstellten der 59-Jährige und sein Team neue Richtlinien – für auf und abseits des Spielfeldes.

WELT enthüllt: Das sind die neuen Klopp-Regeln für die Nationalmannschaft.

„Ich habe seit 25 Jahren Mannschaften entwickelt, in denen alle immer verantwortlich sind für die Defensive. Alle. Immer“, stellte Klopp bereits sein Mantra bei der Kader-­Präsentation vor. „Das hilft dem Einzelnen!“ Dieses Credo impft er auch seinen Stars seit der ersten Mannschaftsansprache am vergangenen Montag im Teamquartier ein.

Der Bundestrainer will Raum- statt Manndeckung im Defensiv-Verhalten. Wie bei seinen bisherigen Klubs FC Liverpool, Borussia Dortmund und 1. FSV Mainz 05 setzt Klopp auf Umschalt-Momente als Schlüssel für seine Erfolgsstrategie. Klopp bezeichnet sein Gegenpressing als seinen „besten Spielmacher“, da ein erfolgreicher Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte sofortige, hochgefährliche Torchancen ermöglicht.

Ein weiteres seiner Schlagworte lautet: „Gegenseitig helfen!“ „Es ist eine Herausforderung, gar keine Frage. Aber Fußballer sind Fußballer, und ballorientiertes Verteidigen ist nicht kompliziert“, kündigt Klopp an. „Bei meinen vorherigen Vereinen haben wir es organisiertes Chaos genannt. Für jeden sieht es chaotisch aus, für uns war es organisiert.“

Möglicherweise herrscht am Anfang tatsächlich nur Chaos, aber Klopp will das für das große Ziel in Kauf nehmen. Das System soll Spielern, die im Eins-gegen-eins gegen schnelle Gegner keine Chance hätten, die Möglichkeit geben, diese zu verteidigen. Gerade langsame Profis sollen davon profitieren, dass Mitspieler, die sich in ihrer Nähe befinden, sie unterstützen.

Die Nationalmannschaft ist neu aufgestellt: Jürgen Klopp hat seinen Kader für die anstehenden Länderspiele vorgestellt. Sehen Sie die DFB-Pressekonferenz hier in voller Länge.

Der Bundestrainer will dabei kein wildes, unkoordiniertes Anrennen, sondern eine geschlossene Mannschaftsleistung. Für die Nationalspieler heißt das: Die ballnahen Spieler attackieren den Ballführenden sofort, um ihm jede Zeit zum Atmen zu nehmen. Die restlichen Mannschaftsteile rücken dabei extrem eng zusammen und schließen das Zentrum, um Passwege des Gegners zuzustellen und die defensive Struktur zu wahren.

Seine Nummer eins im Tor hat der Bundestrainer mit Marc-André ter Stegen bereits klar benannt. Für die Innenverteidigung gab Klopp mit der Nominierung von Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck ebenfalls einen Fingerzeig, wen er in Zukunft als sein Innenverteidiger-Duo sieht.

Als Linksverteidiger ist Nathaniel Brown vom FC Bayern gesetzt. In der Offensive hat sich der neue Coach auf drei Spieler in der Zentrale festgelegt. Kapitän Joshua Kimmich wird von der Rechtsverteidiger-Position wieder in die Mitte zurückkehren. Neben ihm können entweder sein Bayern-Kollege Aleksandar Pavlović oder der Dortmunder Felix Nmecha spielen. Nmecha hat der Bundestrainer dabei in „Kader 1“ zu seinem gesetzten Kapitän Kimmich nominiert.

Interessant wird zu sehen, ob Klopp seine beiden Kreativspieler Jamal Musiala und Florian Wirtz zusammen in einer Aufstellung in sein System integrieren kann. Dem vermeintlichen Duell entging der Trainer, indem er Musiala in „Kader 1“ einteilte, Wirtz dagegen in „Kader 2“.

Karim Adeyemi vom FC Barcelona ist unter Jürgen Klopp wieder Nationalspieler

Bei Musiala will sich Klopp die Möglichkeit offenhalten, den Bayern-Star dabei über die gesamte Länderspielphase beim Team zu behalten. Auf den Außenbahnen will der Bundestrainer künftig auf schnelle Flügelspieler vom Typ Karim Adeyemi und Kevin Schade setzen. Im Sturmzentrum ist Kai Havertz aktuell konkurrenzlos. Auch der Arsenal-Angreifer gehört zu „Kader 1“.

Nicht nur auf dem Rasen, sondern auch abseits des Platzes hat Klopp für seine DFB-Stars klarere Regeln eingeführt.

Punkt 1: Pünktlichkeit

Hieß es unter Vorgänger Julian Nagelsmann in den Teamquartieren bei den Abendessen noch, dass die Spieler ab 19 Uhr oder ab 20 Uhr nach und nach eintrudeln dürfen, gilt ab sofort unter Klopp: Pünktlich um 19 oder 20 Uhr müssen ALLE Spieler zum Essen antreten. Was wie eine Kleinigkeit klingt, soll dafür sorgen, dass das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird. Die Trainer wollen künftig, dass das Abendessen die Möglichkeit für einen Austausch untereinander bietet.

Punkt 2: Handyverbot

Die Profis sollen sich künftig bei der Aktivierung an Spieltagen, wenn sie beispielsweise im Fitnessraum „anschwitzen“ oder sich massieren lassen, aufs Wesentliche konzentrieren. Unterhaltungen mit den Mitspielern auf der Nebenpritsche sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Ein Aber: Das Handy ist in dieser Zeit tabu.

Punkt 3: Friseurbesuche im Hotel sind ein No-Go

Auch im Teamquartier soll es das künftig nicht mehr geben. Frei nach dem Motto: Wer sich auf eine Dienstreise begibt, kann sich ja gern im Vorfeld die Haare schneiden lassen – so, wie es jeder andere Arbeitnehmer auch macht.

Auch Betriebsausflüge zu Turnieren sollen unter Klopp bei der EM 2028 nicht mehr stattfinden. „Betriebsausflug“ – so hatte Bayern-Patron Uli Hoeneß die Nagelsmann-Maßnahme genannt: bei der Weltmeisterschaft 2026 durften bei jeder Gelegenheit die kompletten Familien ins Teamquartier anreisen.

Das soll unter Klopp nur noch punktuell erlaubt werden. Die Mannschaft soll sich auf ihr gemeinsames Ziel konzentrieren und im Quartier zu einem Team zusammenwachsen.

Damit Deutschland bei der EM 2028 wieder seinem Ruf der gefürchteten Turnier-Mannschaft gerecht werden kann.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“ ) erstellt und zuerst in „Sport Bild“ veröffentlicht.

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