Zwischendurch hatten sie sogar mal kurz über eine Zusammenlegung nachgedacht. Wie wäre es, wenn sich Deutschland beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) als gesamtes Land für die Vergabe Olympischer und Paralympischer Sommerspiele in Stellung bringen würde? Mit Berlin, München, Köln, dem Ruhrgebiet und Hamburg, möglicherweise sogar weiteren Standorten. Deutschlands Millionenstädte und Großräume im Rahmen einer dezentralisierten Bewerbung, aber eben mit gebündelter Kraft und den jeweiligen Vorteilen der einzelnen Räume.

Der Gedanke wurde wieder verworfen. Die neue Linie im IOC sieht unter anderem eine Zentralisierung mit einem Olympischen Dorf für möglichst viele Athleten vor. Das Großereignis soll verstärkt zu seinen Ursprüngen zurückgeführt werden. An dem Wunsch, nach 1936 in Berlin und 1972 in München wieder Sommerspiele auf deutschem Boden auszurichten, änderte das nichts. Doch so treten am kommenden Samstag in Baden-Baden nun drei Kandidaten gegeneinander an, um den nationalen Vertreter zu ermitteln: Berlin, München und Rhein-Ruhr mit Köln als sogenannter „Leading City“ der Region.

60 Wahlberechtigte entscheiden, wer den Zuschlag erhält. Dazu zählen die mit je drei Stimmen ausgestatteten 42 olympischen Verbände, zehn Mitglieder des DOSB-Präsidiums sowie acht sogenannte persönliche Mitglieder, namentlich Moritz Fürste, Elena Gilles, Leon Goretzka, Johann Lackhoff, Anna Schaffelhuber, Manuela Schermund, Kristina Vogel und Marc Zwiebler.

Ihrer Entscheidung soll fernab persönlicher Sympathien die Frage zugrunde liegen, welcher Bewerber im internationalen Vergleich die größten Erfolgschancen hat.

So klar das Prozedere, so offen der Ausgang

Um die Bedeutung zu dokumentieren, hat der DOSB zahlreiche prominente Gäste ins Kurhaus Baden-Baden eingeladen. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) wird unter den 550 Teilnehmern sein. Die ARD überträgt ab 9.00 Uhr im Livestream, ab 13.45 Uhr auch linear im TV. Esther Sedlacek moderiert.

So klar das Prozedere, so offen der Ausgang. Berlin wäre aufgrund der Kulisse und Strahlkraft zwar der logische Kandidat, hat aber im Vergleich zur Konkurrenz das große Manko des fehlenden Bürgerreferendums. Ein nachträgliches Nein von Senat oder Bevölkerung während des laufenden internationalen Bewerbungsprozesses wäre gleichbedeutend mit dem Ende aller Olympiaträume und würde Deutschland blamieren.

Der zweimalige Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe wird neuer Sport-Staatsminister. Das gab Kanzler Merz auf Instagram bekannt. Der 44-jährige Rauhe folgt auf Christiane Schenderlein.

Grundsätzlich stehen die Chancen gut, die Spiele 2036, 2040 oder 2044 zu bekommen. So zumindest sieht es der DOSB, der sein Interesse für die drei Termine beim IOC hinterlegt hat und seinen Fokus auf 2036 und 2040 richtet. Für 2044 gilt Indien mit seiner fünftgrößten Stadt Ahmedabad als Favorit. Katar und eine europäische Stadt sollen die beiden vorherigen Spiele ausrichten.

Für die Vergabe der Sommerspiele 2036 soll die erste internationale Vorauswahl im März 2027 abgeschlossen sein. Die nächste Phase strategischer Verhandlungen würde bis Ende 2028 laufen, ehe in den letzten Monaten bis zur IOC-Session Mitte 2029 nur noch die aussichtsreichsten Kandidaten im Rennen verbleiben.

Unpünktliche Bahnen, erstickende Bürokratie

Ein Prozess, der in Deutschland einige spannende Fragen beantworten wird, die weit über den Sport hinausgehen: Können wir das? Ist das Land noch in der Lage, ein Projekt dieser Dimension planerisch zu stemmen? Haben wir Mut, Mittel und den nötigen Pragmatismus? Wollen wir das überhaupt? Und falls ja: Wer und wie viele?

Pleiten und Pannen wie bei Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen, unpünktliche Bahnen, erstickende Bürokratie und fehlende Netzabdeckung haben tiefe Spuren auf der deutschen Seele hinterlassen.

Die Initiatoren wissen darum, sehen sich aber gerüstet und hoffen sogar, mit dem Zuschlag für die Spiele den Ausweg aus der Abwärtsspirale zu finden. Gemeinsam mit dem DOSB wollen Politik und Wirtschaft Olympia in Deutschland vor allem als Turbo für Infrastruktur und Modernisierung im Allgemeinen nutzen. Die Spiele sollen auch abseits der Sportstätten für Bewegung sorgen und Initial für den gesamtgesellschaftlichen Aufbruch sein. Olympia habe die Kraft, das Land endlich in die Zukunft zu führen.

Vielleicht ein bisschen viel. Vor allem aber Zukunftsmusik. Zunächst einmal geht es darum, wo der Startschuss für das Land denn abgesetzt werden soll.

Vorentscheidung schon am Dienstag?

Mehr als nur einen Hinweis darauf könnte es bereits am Dienstag geben, wenn die Evaluierungskommission ihre Ergebnisse veröffentlicht. Das mit Funktionären aus Sport und Politik besetzte Gremium hatte mit Anwälten und Wirtschaftsprüfern von Freshfields und PricewaterhouseCoopers eine Bewertungsmatrix erstellt und verteilte – wie zuvor schon die 37 nationalen olympischen Sportverbände – in diversen Kategorien Punkte für die drei Bewerbungen. Am vergangenen Dienstag kam die Kommission zur letzten Sitzung in Berlin zusammen.

Die Resultate sind nicht bindend, dienen den Wahlberechtigten am Samstag aber als Entscheidungsgrundlage und sollen im Anschluss dem deutschen Bewerber helfen, an seinen Schwachstellen zu arbeiten und von möglichen Stärken der Unterlegenen zu profitieren.

„Es geht nicht um München, Köln oder Berlin. Uns ist wirklich egal, wer das Rennen macht. Wir wollen diese Spiele für Deutschland“, sagte ein DOSB-Funktionär WELT AM SONNTAG.

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