Als Trainer habe man einen anderen Einfluss. Oft sei es für die jungen Spielerinnen oder Spieler einfacher, mit dem Trainer zu reden als zu Hause oder in der Schule mit Lehrern, sagt Unions Marie-Louise Eta im langen Doppelinterview mit HSV-Legende Rodolfo Cardoso.

Frage: Frau Eta, Herr Cardoso: Beide trainierten Sie Herren-Profi-Mannschaften. Nun betreuen Sie in der Frauen-­Bundesliga die Teams des 1. FC Union Berlin beziehungsweise des Hamburger SV. Mussten Sie Ihren Umgang mit den Spielerinnen verändern?

Rodolfo Cardoso (57): Am Anfang habe ich gedacht, ich muss ein wenig vorsichtig sein in der Art, wie ich mit den Mädels spreche. Aber dann wurde mir schnell bewusst: Ich bin, wie ich bin, ich muss mich nicht verändern oder verstellen. Und ich glaube, dass ich mit meiner Art bei meiner Mannschaft gut ankomme. Auffallend ist …

Frage: Was, bitte?

Cardoso: Die Mädels sind dankbar. Sie machen mit und hinterfragen oder meckern nicht so viel wie die Jungs (lacht).

Marie-Louise Eta (35): Man sollte das nicht pauschalisieren, nach dem Motto: Im Umgang mit Frauen muss man empathischer oder vorsichtiger sein. Auch bei den Männern gibt es sensible Menschen. Für mich geht es weniger um das Geschlecht als um die Persönlichkeit. Manche Spielerinnen und Spieler müssen mal in den Arm genommen werden, andere emotional gepackt werden – und wieder andere brauchen eine härtere Ansprache.

Frage: Wie ist der Umgang der Spielerinnen in der Kabine? Gibt es da Unterschiede im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit?

Cardoso: Früher, zu meiner Spielerzeit, ging es schon mal hoch her in der Kabine, da wurde herumgepöbelt, da wurde aus Wut gegen eine Wasserkiste getreten, wenn es sportlich nicht lief und der Trainer sauer war. So etwas habe ich bei den Frauen nicht erlebt – und das wird es wohl auch nicht geben.

Eta: Das ist auch meine Meinung. Zumal sich die Zeiten geändert haben.

Frage: Frau Eta, wie stolz sind Sie, dass Sie die erste Frau waren, die in der Männer-Bundesliga Cheftrainerin war?

Eta: Mir ging es nie darum, die Erste zu sein. Ich wollte als Trainerin auf diesem Niveau arbeiten und mich mit den Besten messen. Dass ich diese Chance bekommen habe und wir als Team erfolgreich waren, darauf bin ich stolz.

Frage: Vermissen Sie beide das?

Cardoso: Bei der täglichen Arbeit merkst du das nicht. Aber wenn man aufhört, kommen die Erinnerungen und Wehmut auf. Ich war Nationalspieler Argentiniens, habe da die Nummer 10 getragen. Spielte jahrelang in der Bundesliga, hatte tolle Zeiten, vor allem mit dem HSV. Was das bedeutet, realisiert man erst später.

Cardoso 2003 im Trikot des HSV

Eta: Ich hatte mich selbst gefragt, ob dieser Gedanke bei mir kommt, dass ich gern bei den Männern weitermachen würde. Er kam nicht, auch weil mit mir klar besprochen war, dass ich nach den fünf Spielen als Cheftrainerin zu den Frauen wechsele. Aber die Erfahrungen helfen und prägen. Als ich bei den Männern 2023/24 Co-Trainerin war, haben wir in der Cham­pions League gespielt. Klar, war das etwas Besonderes.

Frage: Wie anspruchsvoll war die Zeit, als Sie Unions Herrenmannschaft betreuten?

Eta: Es war eine sehr intensive Zeit, der sportliche Druck war groß. Es ging darum, den Klassenerhalt möglichst frühzeitig zu sichern. Hinzu kam die enorme mediale Aufmerksamkeit. In der Phase ging es nicht nur um Fußball allein, sondern auch viel um das Thema Frau.

Frage: Es gab viele hässliche Kommentare in den sozialen Netzwerken gegen Ihre Person. Wie sind Sie damit umgegangen?

Eta: Ich hatte keine Zeit, die negativen Kommentare bei Social Media zu lesen, weil ich einen sportlichen Auftrag zu erfüllen hatte. Natürlich bekommt man trotzdem mit, wenn darüber berichtet wird. Ich finde grundsätzlich, dass wir als Gesellschaft einen besseren Umgang mit Hass und anonymen Angriffen im Netz finden müssen. Da geht es längst nicht nur um mich, sondern um viele Menschen, die davon betroffen sind.

Trainerin Eta im April 2026 beim Spiel in Leipzig

Frage: Glauben Sie, dass Vereine durch Ihr gutes Beispiel offener dafür geworden sind, Frauen zur Cheftrainerin zu machen?

Eta: Ich glaube schon, dass die Türen heute etwas offener sind. Es gibt mittlerweile Beispiele, die zeigen, dass es funktionieren kann – etwa Sabrina Wittmann in Ingolstadt. Wenn meine Zeit bei Union dazu auch einen kleinen Beitrag geleistet hat, würde mich das natürlich freuen.

Frage: Sie haben in Potsdam unter Bernd Schröder gespielt, der als sehr harter Coach galt. Sind Sie auch so gnadenlos als Trainerin?

Eta: Die Zeit war schön, erfolgreich und hart. Wir haben sehr intensiv trainiert, aber Bernd Schröder hatte auch eine sehr menschliche Art. Das hat mich positiv geprägt.

Cardoso: Ich bin in meiner Jugend von strengen Trainern geprägt worden, die mich mit ihrer Art wieder in die Spur gebracht haben. Von den lieben Coaches habe ich weniger mitgenommen, aber wenn es Konsequenzen gibt, merkst du dir das (lacht). Wenn es das nicht gegeben hätte, wäre meine Karriere wahrscheinlich nie gestartet.

Frage: Was haben Sie denn angestellt?

Cardoso: Zum Beispiel hatte einer meiner Mitspieler in der Jugend ein kleines Motorrad. Ich bin nach dem Training mitgefahren, weil ich nicht auf den Bus warten wollte. Ich hinten drauf, Helme gab es damals nicht. Als die Jugendleiter das gesehen haben, gab es eine klare Ansage: „Deine Beine sind dein Kapital. Wenn du einen Unfall hast, spielst du nie wieder“, hieß es. Die Worte haben gesessen.

Frage: Herr Cardoso, wie haben Sie während Ihrer Spielerzeit auf den Frauenfußball geschaut?

Cardoso: Ich bin ehrlich: Fußball-Welt- und Europameisterschaften schaute ich mir an, aber die Bundesliga nicht. Früher war die Liga auch nicht so stark wie heute. Die Klubs investierten damals nicht so viel in den Frauenfußball wie aktuell.

Eta: Es ist schön zu sehen, wie sich der Frauenfußball professionalisiert hat. Die Zuschauerzahlen sind enorm gewachsen, die Bedingungen werden immer professioneller, und die Spiele sind im Fernsehen präsent. Diese Sichtbarkeit ist enorm wichtig – und trotzdem gibt es noch viel Potenzial.

Frage: Mit Kathleen Krüger hat der HSV eine Ex-Bundesliga-Spielerin als Sportvorständin. Spürt man dadurch einen Ruck für den Frauenfußball im Verein?

Cardoso: Ja, sehr. Wir bekommen vom Verein alles, was wir brauchen. Der Frauenfußball genießt beim HSV einen hohen Stellenwert. Wir sind am Campus, spielen im Stadion, haben einen großen Betreuerstab. Kathleen und ich sprechen regelmäßig. Aber ich weiß, dass auch bei Union viel vorangetrieben wird.

Eta: Wir haben jetzt schon tolle Bedingungen. Ende des Jahres ziehen wir in ein neues Profi-Trainingszentrum an der Alten Försterei, wo wir die gleichen Bedingungen wie die Männer haben. In Deutschland gehören wir damit zu den Top-Adressen, und international orientieren wir uns an den Besten und schauen, wo wir uns verbessern können.

Frage: Sie spielen beide in den großen Stadien, in denen auch die Männer auflaufen. Ist das wichtig für den Frauenfußball?

Cardoso: Uns tut das gut. Wir müssen eher über Anstoßzeiten sprechen. Es kommen viele Familien. Für sie müssen wir die richtigen Termine finden.

Eta: Anstoßzeiten sind ein immenses Thema. Aktuell gibt es an jedem Spieltag sieben verschiedene Termine. Dabei wären parallele Spiele mit einer TV-Konferenz wie bei den Männern sehr attraktiv, was sich nach dieser Spielzeit mit der neuen Vergabe der TV-Rechte voraussichtlich ändern wird.

Frage: Wie stehen Sie als Trainer zur Idee, die Meisterschaft in Play-offs und den Abstieg in Relegationsspielen zu entscheiden?

Eta: Es klingt interessant. Ich bin grundsätzlich offen für neue Ideen. Nur weil der Modus immer so war, muss er nicht ewig so bleiben. Allerdings werden die Spieltermine schon jetzt immer knapper. Und bei den Zuschauern sehe ich neben der Chance auch ein Risiko.

Frage: Inwiefern?

Eta: Natürlich lockt ein Endspiel um den Titel mehr Fans ins Stadion. Aber dann kommen in der normalen Saison wahrscheinlich weniger Zuschauer, weil die Spiele unwichtiger wirken.

Frage: Droht bei den Frauen auch die Entwicklung mit Bayern als Dauer-Meister?

Eta: In den nächsten Jahren wird das vermutlich so sein. Es wird sich zeigen, welche Schritte die anderen Vereine gehen wollen, um sich weiter zu professionalisieren und in die Kader zu investieren. Nur dadurch wird man es Bayern schwerer machen.

Frage: Der Frauenfußball möchte sich eine Ursprünglichkeit bewahren und nicht alle negativen Aspekte des Männerfußballs übernehmen. Ist das realistisch?

Eta: Das ist ein schmaler Grat. Wir wollen noch professioneller werden, und es fließt mehr Geld. Man spürt eine Veränderung: Spielerinnen sind Profis, in den Verhandlungen geht es mehr um Prämien, höhere Gehälter und Sponsoren. Aber wir wollen die Bodenständigkeit und Nahbarkeit behalten, für die der Frauenfußball steht. Das sehe ich noch, aber wir müssen darauf achten, dass es so bleibt und wir unsere eigenen Zielgruppen ansprechen können.

Frage: Hatten Sie in der aktiven Zeit einen Berater?

Cardoso: Ja, ich hatte immer einen Berater. Aber der war selten bei mir. Heute laufen die Berater ständig bei den Spielern mit.

Eta: Ich hatte nie einen. Ich habe meine Verträge selbst ausgehandelt. Ich fand es zwar nicht sehr angenehm, hatte aber nie ein Problem damit, für mich einzustehen. Heute haben die Verträge auch deutlich mehr Papier (lacht).

Frage: Wären solche Maßnahmen heute noch zeitgemäß?

Cardoso: Heute hättest du direkt Anrufe von Eltern und Beratern. Man sagt das den Jungs schon noch, aber manche schauen dich an und denken sich: „Rede einfach nicht mit mir.“ Dennoch brauchen junge Spieler solche Ansagen.

Eta: Man darf nicht vergessen: Als Trainer hat man einen anderen Einfluss auf Spieler. Oft ist es für die jungen Spielerinnen oder Spieler einfacher, mit dem Trainer zu reden als zu Hause oder in der Schule mit Lehrern. Das hat mir an der Arbeit im Nachwuchs gefallen: Du kannst jungen Menschen auch charakterlich etwas mitgeben.

Cardoso: Wir haben auch mal Spieler suspendiert. Und Eltern sind dankbar dafür, dass wir das machen. Manche zucken zusammen, wenn man Teile der alten Schule nutzt. Heute sind die Schuhe bunter, die Bälle leichter und die Klamotten enger, aber Mentalität gehört immer noch dazu. Wenn du das nicht hast, bist du weg.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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