Ein Atemzug, dann geht es hinab in die Tiefe. Für Christian Redl ist Apnoe- oder Freitauchen weit mehr als die Kunst, lange die Luft anzuhalten. Der Österreicher, der mehrere Weltrekorde aufgestellt hat, die meisten davon unter Eis oder in Höhlen, war einst Investmentbanker. Seit 20 Jahren widmet er sich komplett dem Sport, hält Vorträge und schreibt Bücher. Rekorde sind für ihn längst nicht mehr das Wichtigste.
WELT: Einen einzigen Atemzug pro Tauchgang zu nutzen, klingt erstmal nach Stress und kurzem Vergnügen. Der Begriff „Freitauchen“ aber impliziert Freiheit und Ruhe. Was ist es für Sie?
Christian Redl: Der Leistungsansporn ist natürlich auch ein Grund, weshalb ich das mache, aber wichtiger ist für mich dieses Abschalten. Du bist im dreidimensionalen Raum, bist in der Schwerelosigkeit. Du hast die absolute Stille. Und du bist nur mit dir selbst beschäftigt. Beim Freitauchen bist du zudem mit den Lebewesen und generell mit der Natur viel stärker verbunden als beim Flaschentauchen. Für mich ist es das einzige, wo ich Sorgen und Probleme komplett vergessen kann.
WELT: Ein Ab- und Eintauchen also im wörtlichen und übertragenen Sinne.
Redl: Ja, denn sobald ich abtauche, gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft, ich bin einzig im Hier und Jetzt.
WELT: Andere erzählen Ähnliches übers Joggen oder Schwimmen. Welche Rolle spielt für Sie da das Luftanhalten?
Redl: Durch das Luftanhalten ist es eine Spur intensiver. Wenn du wirklich gut sein willst, musst du im Freitauchen genau das Gegenteil von dem tun, was viele glauben. „Höher, schneller, weiter“ – das stimmt in meinem Sport nicht. Je geringer dein Herzschlag ist, desto langsamer ist der Sauerstoffverbrauch im Körper und desto länger kannst du unter Wasser bleiben.
WELT: Sie waren unter Wasser auch auf Rekordjagd, tauchten u.a. als Erster 100 Meter weit unter Eis. Bei Rekorden geht es weniger um das Eintauchen und Abschalten. Wie hat sich die Motivation für das Freitauchen für Sie gewandelt?
Redl: Am Anfang war es auch ein Ego-Trip mit dem Gedanken: Ich will der Beste der Welt sein. Mittlerweile ist das nicht mehr meine Motivation, sondern einerseits dieses Abtauchen in eine andere Welt und zum anderen das zu vermitteln, was mir das Freitauchen – und dabei auch die Rekordversuche und Abenteuer – gebracht haben.
Christian Redl, hier auf den Philippinen, stellte u.a. Weltrekorde im Strecken- und Tieftauchen unter Eis aufWELT: Kurz zusammengefasst – was ist das?
Redl: Die Erkenntnis, dass du raus aus deiner Komfortzone musst, um etwas zu lernen und zu schaffen. Dass ich nur eine Sekunde über die Angst gehen muss, und es ändert sich alles. Dass Vorbereitung der Schlüssel ist. Dass ich wissen muss, wie ich ticke – und dass dann alles möglich ist. Auch wichtig: ehrlich zu mir selbst sein. Und die Frage zu beantworten: Was macht mich glücklich? Denn dann wirst du vom problemorientierten zum lösungsorientierten Denker. Es gibt für fast jedes Problem eine Lösung. Der Punkt ist: Sind dein Warum und dein Wissen groß genug, um es zu lösen?
WELT: Oder der Leidensdruck?
Redl: Auf einmal brennt das Dach – und plötzlich gibt es eine Lösung. So läuft es leider oft. Warum können wir nicht vorher etwas ändern? Immer dieser Schmerzpunkt, den es braucht. Das war bei mir nicht anders damals: Ich habe eine Fußfehlstellung, war auch vom Sportunterricht befreit. Da wirkst du tollpatschig, wirst gemobbt und hast zu kämpfen. Im Wasser aber hatte ich all die Probleme nicht. Du musst das finden, was dich glücklich macht. Mein großes Glück war, dass ich das früh erfahren habe. Und nebenbei den mentalsten Sport der Welt entdeckt habe. Der letzte Rekord war übrigens eher Mittel zum Zweck.
WELT: Wie meinen Sie das? Es war ein Weltrekord mit einem Team, die weiteste ohne Atemgerät unter Wasser geschwommene Staffel-Distanz.
Redl: Ich wollte zeigen, dass jeder, der den Traum hat, etwas Außergewöhnliches zu schaffen, dies erreichen kann, wenn er sich damit intensiv auseinandersetzt. Deswegen habe ich junge sowie ältere Freitauchschüler von mir für den Rekordversuch vereint. Wir haben hart trainiert, und jetzt sind alle Weltrekordhalter. In diesem Sinne sind Rekorde Mittel zum Zweck und zeigen, was möglich ist.
WELT: Persönliche Bestleistungen – egal, in welchem Bereich – sind nicht möglich, ohne aus der Komfortzone zu gehen. Was ist Ihr Trick?
Redl: Das Interessante dabei ist: Es ist egal, ob ich weiß, warum ich nicht über eine Grenze gehe, denn es trägt nicht zur Lösung bei. Die Lösung ist: drüber gehen, raus aus der Komfortzone, über die Angstzone. Dann lernst du Neues, und dann entsteht Wachstum. Das ist nicht immer einfach, aber wirksam. Und wenn du das einmal erlebt hast, weißt du, dass es immer wieder funktioniert. Aber dafür muss man herausfinden, wie das eigene Gehirn funktioniert. Viele Freitaucher gehen zum Beispiel im Training über die Leistung des Weltrekords. Dann haben sie die mentale Sicherheit und sind entspannt. Das hat bei mir nicht funktioniert.
WELT: Wie ist Ihr Weg?
Redl: Wenn ich 100 Meter weit tauchen möchte, höre ich im Training bei 95 Metern auf. Das heißt: Ich weiß am Tag des Rekordversuchs, ich muss etwas tun, was ich vorher noch nie getan habe. Das versetzt mich in die Lage, einen hundertprozentigen Fokus zu haben, sodass ich alles ausblenden kann und zur Höchstleistung komme. Es gibt verschiedene Konzepte, jeder ist anders und muss herausfinden, wie es für ihn funktioniert. Wenn ich das weiß, kann ich das überall nutzen.
WELT: Es geht also um Vertrauen in sich selbst.
Redl: Genau. Ich habe auf diese Weise hundertprozentiges Vertrauen. Das heißt, der Weg dahin ist das Wichtige, weil er mir die Sicherheit gibt. Ich habe dann keine Angst, aber natürlich immer Respekt.
WELT: Wo wir beim Thema Risiko sind. Apnoetauchen ist bei Rekordversuchen auch ein Risikomanagement. Wie sehr?
Redl: Wenn man sich die Vergangenheit anschaut, weiß man als Taucher, dass alles jenseits von 150 Meter Tiefe nicht gut ausgegangen ist. 150, 160 Meter ist die Grenze; danach wird es gefährlich. Das Problem ist der hohe Wasserdruck, der massive Auswirkungen auf den Körper hat. Risikomanagement ist im Freitauchen natürlich ein großes Thema. Ich will mich ja nicht in Gefahr bringen. Wenn ich einfach sagen würde: Ich mache heute einen Rekordversuch, gehe an meine Grenze, dann habe ich in dieser Sekunde Angst, weil ich nicht weiß, ob es funktioniert. Genauso sehe ich das auch im Job oder anderswo.
WELT: Stichwort Vorbereitung, um Sicherheit in jedwedem Sinne zu haben.
Redl: Denn je besser ich vorbereitet bin, desto entspannter und selbstsicherer bin ich. Und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Negatives passiert. Wenn ich dastehe und sage: „Vielleicht gibt es ein technisches Problem“, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es eines geben wird. Genauso geht es auch in die andere Richtung. Deswegen unternehme ich immer alles mir Mögliche, damit die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass es funktioniert. Ein Restrisiko gibt es immer. Aber das ist nicht nur im Apnoetauchen, sondern überall der Fall.
WELT: Haben Sie einen Freitauch-Traum mal ad acta gelegt, weil Sie das Risiko nicht minimieren konnten?
Redl: Das nicht, aber es brauchte mal Zeit. Ich hatte 2003 die Idee, am Nordpol zu tauchen, was nicht ganz so einfach ist, und habe das erst 2015 realisiert. Ich habe zwölf Jahre überlegt, wie ich meinen Traum erfüllen kann. Die meisten sagen nach sechs Monaten: „Funktioniert nicht, dann lasse ich es.“ Das gibt es in meiner Welt nicht. Wenn ich das unbedingt möchte, wird es irgendwann passieren. Ob morgen oder in zehn Jahren, ist mir egal. Und das nimmt mir den Druck.
Für Redl ist Freitauchen Leidenschaft und LebensschuleWELT: Das Freitauchen macht Sie glücklich. Die einen würden es naiv nennen, dafür den Job aufzugeben, die anderen mutig. Wie war es für Sie damals 2006, als Sie den Schritt in die Selbstständigkeit machten?
Redl: Ich habe normal gearbeitet und war daneben bei Weltmeisterschaften, habe Rekorde aufgestellt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es entweder das eine oder das andere sein kann, wenn ich es denn richtig machen möchte. Mir haben damals alle gesagt: „Mach es nicht. Du verdienst so viel Geld. Wie wirst du dein Geld als Sportler verdienen? Was werden die anderen sagen, wenn du scheiterst?“ Sie wollten mich schützen. Im Nachhinein bin ich dankbar, dass ich einen Sturschädel habe – oder dass ich durch den Sport gelernt hatte, aus der Komfortzone zu gehen und Ziele zu verfolgen. Der Entschluss stand schnell. Ich habe meine eigene Firma gegründet, ohne ganz genau zu wissen, was die Firma machen soll. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit – auch da hat mir der Sport extrem geholfen.
WELT: Inwiefern?
Redl: Weil das Apnoetauchen, vor allem das reine Luftanhalten, für mich der mentalste Sport der Welt ist. Das prägt. Du musst dich ja nicht bewegen; nur mein Kopf ist unter Wasser. Und es ist völlig egal, wie alt du bist, welches Geschlecht du hast, ob du sportlich bist, Raucher oder Nichtraucher. Zu wissen, was möglich ist, hilft. In Seminaren lasse ich die Teilnehmer gern im Wasser die Luft anhalten und sage: „Bleibt so lange drin, bis ihr das Gefühl habt, ihr seid kurz vor dem Sterben.“ Dann tauchen sie auf und sagen, keine Sekunde länger wäre möglich gewesen. Danach zeige ich ihnen Atemtechniken aus dem autogenen Training, mit denen sie versuchen sollen, ihre Gedanken zu kontrollieren.
WELT: Ist die Skepsis dann groß?
Redl: Das ist ganz unterschiedlich. Aber es funktioniert ja tatsächlich: Du kannst nicht nur die Atmung kontrollieren, sondern auch deine Gedanken. Wenn du negativ denkst, kannst du sagen: „Nein, will ich nicht, stopp.“ Das sind bewusste Entscheidungen. Der nächste Punkt ist, dass sie über diesen Atemdrang mit mentaler Stärke drübergehen. Danach gehen sie wieder ins Wasser, und auf einmal verdoppeln sie ihre Zeit. Und das macht etwas mit den Menschen. Ich bin wirklich überzeugt davon: Egal, welche Träume, Wünsche, Ziele wir haben – vieles ist machbar. Der einzige Hinderungsgrund ist oft der Kopf. Weshalb auch keine pauschalen Lösungen helfen – wie: „Du musst dies, du musst das tun.“
WELT: Die Sache ist individuell.
Redl: Es gibt keine Technik und kein Geheimnis, das für alle Hirne funktioniert. Du musst herausfinden, wie du funktionierst, und aufgrund dieser Basis gibt es dann Techniken.
WELT: Lassen Sie uns wieder das Streckentauchen von 100 Metern nehmen. Wie gehen Sie heran?
Redl: 100 Meter sind für mich so weit, dass es in meinem Kopf nicht machbar ist. Ich habe aber gemerkt, dass es funktioniert, wenn ich sage: Das sind 4 x 25 Meter. Ich tauche dann die ersten 25 Meter – kein Problem. Dann die zweiten 25 Meter – auch kein Problem, denn 25 klingt ja nicht mehr so weit wie 100. Dann kommen die dritten 25 Meter – die sind für mich die anstrengenden, weil ich merke, dass es für Kopf und Körper mühsam wird. Für die letzten 25 kann ich mich dann nochmal motivieren, weil es ja fast geschafft ist. Das ist ein simples Beispiel, aber wenn du diesen Punkt geknackt hast, funktioniert er in jedem Lebensbereich.
Unter Wasser ist Freiheit: Christian RedlWELT: Sie arbeiten also überall mit Etappenzielen?
Redl: Ich habe früher mit Jahreszielen gearbeitet und sie nie erreicht. Dann dachte ich: Warum mache ich es nicht wie im Sport mit Etappenzielen? Ich habe viel mehr Kontrolle, weil ich weiß: Wenn das erste Ziel funktioniert, bin ich motiviert. Funktioniert es nicht, kann ich Anpassungen vornehmen. Auf diese Art ist der Erfolg gewachsen. Aber das ist mein Weg. Wir tragen ja alle Muster in uns – wenn ich ein negatives Muster in mir erkenne, versuche ich, es zu vermeiden oder zu kompensieren. Ist es positiv, versuche ich, es zu stärken.
WELT: Dazu muss man natürlich erstmal aufstehen und die erwähnte Komfortzone verlassen. Etwas, was Leistungssport lehrt.
Redl: Genau. Ich bin überzeugt, dass viele Leute diese Komfortzone freiwillig nicht mehr verlassen. Nur das Problem ist: Wenn ich immer nur in dieser Mini-Bubble bin, wird meine Komfortzone immer kleiner. Ich muss ja keinen Weltrekordversuch im Tauchen unter Eis machen, aber ich kann sagen: „Ich war immer warm duschen, ab morgen dusche ich eine Woche kalt.“ Das ist eine Grenzerfahrung. Einfach. Simpel, schnell, praktikabel. Wenn ich meine Komfortzone nicht verlasse, ist ja diese Angstzone der Grund, warum ich es nicht tue. Ich habe Angst, weil ich nicht weiß, was passiert oder was andere sagen. In der Komfortzone kenne ich mich aus, fühle mich wohl. Und dann traut man sich nicht, Dinge zu tun, die man gerne machen würde.
WELT: Was ist Ihr Ansatz in solchen Momenten gewesen?
Redl: Ich frage mich: Was wäre das Schlimmste, das passieren kann, wenn es nicht funktioniert? Worüber reden wir?
WELT: Manche Leute sind aber zufrieden in ihrer Komfortzone.
Redl: Klar, das gibt es. Aber was, wenn etwas passiert, sodass du gezwungen bist, sie zu verlassen? Es ist ja so: Immer, wenn du über diese Angstzone gehst, kommst du in die Lernzone, und dann entsteht Wachstum. Jeder muss für sich selbst ehrlich entscheiden, was er wirklich will. Ich persönlich will besser werden und nicht gleichbleiben.
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