Mit dem Start der neuen Champions-League-Saison beginnt für Europas Topklubs die Jagd auf den begehrtesten Vereinstitel der Fußball-Welt. Wer hat die besten Chancen? Darüber spricht Dietmar Hamann. Der frühere Nationalspieler und Champions-League-Sieger von 2005 mit dem FC Liverpool analysiert die Favoriten, erklärt die Sonderrolle von Titelverteidiger Paris Saint-Germain und bewertet die Aussichten von Bayern München, dem FC Barcelona und Real Madrid.

Frage: Herr Hamann, ist die Qualität der Champions League höher einzustufen als die einer WM?

Dietmar Hamann: Wenn wir jetzt Paris, den aktuellen Champions-League-Titelträger, gegen Weltmeister Spanien spielen ließen, dann würde ich PSG favorisieren. Weil die Mannschaft mit noch mehr Top-Spielern besetzt ist. Ich würde die Champions League deshalb vom Fußballerischen eine kleine Stufe über die WM setzen.

Frage: Ein Quintett gilt als favorisiert: PSG, FC Arsenal, FC Barcelona, Real Madrid und Bayern München. Was denken Sie?

Hamann: Ich würde die Pariser eine halbe Stufe über die anderen vier Mannschaften setzen. Nach dem Triumph 2025 haben sie mit dem Titelgewinn 2026 gezeigt, dass sie noch den Hunger und den Willen haben – und ich glaube, das ist weiter der Fall. Ansonsten teile ich die Einschätzung.

Dietmar Hamann

Frage: Was zeichnet Paris noch aus?

Hamann: Mit Khvicha Kvaratskhelia hat PSG aktuell wahrscheinlich den besten Spieler der Welt. Dazu kommt Ousmane Dembélé in der Offensive, der vergangenes Jahr zum Weltfußballer gewählt wurde. Paris ist in allen Mannschaftsteilen weltklasse besetzt – und das Team wird von Marquinhos als Kapitän vorbildlich angeführt. PSG ist darum erneut das Nonplusultra in dieser Champions-League-Saison.

Frage: Real Madrid ist der Rekordhalter. José Mourinho kehrte als Trainer zu den Königlichen zurück.

Hamann: Auch wenn er etwas ruhiger geworden sein soll, wie zuletzt zu lesen war: Das Feuer hat er immer noch in sich. Zumal Mourinho – der ein hervorragender Trainer ist – weiß, dass es wohl seine letzte Chance ist, nochmals die Champions League zu gewinnen. Dem Ziel wird er alles unterordnen. Dazu hat sich Real gut verstärkt. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass Madrid der härteste Konkurrent von PSG sein wird.

Frage: Was könnte für den FC Barcelona sprechen, mit Hansi Flick als Trainer?

Hamann: Es war nicht abzusehen, dass Hansi Flick so erfolgreich dort sein würde, nachdem Klublegende Xavi den Verein verlassen hatte. Und vor einem Jahr war Barça in der Champions League bereits nahe dran, den Titel zu gewinnen. Im Halbfinale hätte man sich gegen Inter Mailand durchsetzen müssen.

Frage: Aber?

Hamann: Wenn zu oft in Höhe der Mittellinie auf Abseits gespielt wird und gegen die Italiener – die nicht als Tormaschinen bekannt sind – in den zwei Spielen sieben Gegentreffer kassiert werden, dann wird das zum Problem. Darum wurde nun Rodri von Manchester City verpflichtet. Er verfügt über ein außergewöhnliches Spielverständnis. Mit ihm kann es Barça dieses Mal schaffen.

Frage: Im Finale 2026 stand Arsenal, verlor aber.

Hamann: Von den Engländern zählt nur Arsenal für mich zu den großen Anwärtern. Der Kader ist in der Breite sehr gut aufgestellt. Die Mannschaft war vergangene Saison sehr stark von ihren Standards abhängig. Mal schauen, ob es wieder so sein wird. Aber Arsenal hatte auch die beste Defensive. Und ein Team, das kaum Tore kassiert, muss erst einmal geschlagen werden.

Frage: Worauf kommt es beim FC Bayern an?

Hamann: Die Bayern wären in der vergangenen Saison am nächsten dran gewesen, PSG auszuschalten – doch im Halbfinale hat es leider nicht ganz gereicht, weil auch das Quäntchen Glück fehlte. Die Frage wird dieses Mal sein: Fallen ihre Ausnahmekönner Harry Kane und Michael Olise aufgrund ihrer kurzen Pause nach der WM in ein körperliches und mentales Loch? Es schaut zurzeit nicht so aus, aber die Saison ist lang. Grundsätzlich ist mit den Bayern wieder zu rechnen, zumal sie mit Ismael Saibari und Nathaniel Brown zwei tolle Spieler dazubekommen haben.

Frage: Neben den Bayern gehören Borussia Dortmund, RB Leipzig und der VfB Stuttgart zu den deutschen Vertretern. Wie schätzen Sie das Trio ein?

Hamann: Der BVB gehört für mich zur dritten Gruppe, zu der ich auch die vier anderen Engländer Manchester City, Manchester United, Aston Villa und FC Liverpool zähle, die beim optimalen Verlauf ins Viertelfinale vorstoßen können. Für Leipzig wird es aus meiner Sicht schwer. Wenn ein Klub mit Ole Werner einen Trainer nach einer guten Saison und hervorragender Arbeit rauswirft, entstehen in einer Mannschaft früh Diskussionen.

Frage: Und für den VfB?

Hamann: Wie Stuttgart es in den vergangenen Jahren gemacht hat, das gefällt mir gut. Die Mannschaft hat sich unter Trainer Sebastian Hoeneß in den vergangenen Jahren permanent gut weiterentwickelt. Er lässt schönen und erfolgreichen Fußball spielen. Ich traue dem VfB den Einzug in die Runde der letzten 16 zu.

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