Berlin steht Kopf. Vor einem Jahr belegte Hertha BSC nach drei Zweitliga-Spieltagen mit einem Punkt Platz 17. Diese Saison sind die Berliner erstmals seit 2010 mit drei Siegen gestartet und rangierten vor diesem Spieltag auf Platz 2. So gut stand der Hauptstadtklub nach dem Abstieg aus der Bundesliga 2023 an keinem Spieltag der vergangenen drei Spielzeiten – das Hauptstadt-Wunder.
Vor dem Heimspiel an diesem Sonntag (13.30 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) gegen Magdeburg macht sich Euphorie in der Hauptstadt breit. Hertha steht mit Hurra-Fußball plötzlich auf einem Aufstiegsplatz. Und Fußball-Deutschland staunt über die Alte Dame, die für viele Experten heißer Abstiegskandidat war. Schließlich hat der Klub aus finanziellen Gründen eine unglaubliche Transformation hinter sich. Gleich 16 Profis sind seit Sommer weg. Darunter absolute Top-Stars wie:
- Fabian Reese, für 8 Millionen Euro nach Wolfsburg
- Kennet Eichhorn, für 9 Millionen Euro nach Leverkusen
- Michaël Cuisance, für 3,5 Millionen Euro nach Lens
- Marten Winkler, für 4 Millionen Euro nach Anderlecht
- Torwart Tjark Ernst, für 5 Millionen Euro zu Feyenoord.
Das ist ein Verlust von 56 Scorer-Punkten aus der vergangenen Saison. Insgesamt 30 Millionen Euro wurden dafür eingenommen.
Im Gegenzug wurden nur vier Profis geholt: Linksverteidiger Mads Pedersen wurde fest aus Augsburg verpflichtet. Für ihn wird am Saisonende nur eine Kaufgebühr fällig, wenn er auf eine gewisse Anzahl an Einsätzen kommt.
Zudem wurden drei Profis ausgeliehen: Mittelstürmer Gustaf Nilsson (FC Brügge), Farid Alfa-Ruprecht (Leverkusen) und Oluwaseun Adewumi (Burnley).
Der Clou: Je häufiger sie eingesetzt werden, desto niedriger fällt am Saisonende die Leihgebühr für Hertha aus. Zusätzlich wurden sieben Spieler aus dem Hertha-Nachwuchs ins Profitraining befördert.
Die Stars sind weg, die Mannschaft ist der Star
Der Kader – in den vergangenen Jahren immer einer der teuersten – wurde schlanker, jünger und billiger gemacht. Statt 62,3 Millionen Euro (Saison 2025/2026) ist er jetzt noch 25,3 Millionen Euro wert. Das ist ligaweit Platz elf. Zum Vergleich: Wolfsburgs Kader ist 116,9 Millionen Euro wert.
Trainer Stefan Leitl, der zum Saisonende selbst auf der Kippe stand, hat aus der Not eine echte Tugend gemacht. Seine runderneuerte Hertha macht gerade richtig Spaß. Zehn Tore nach drei Spieltagen sind Vereinsrekord in Herthas langer Profifußball-Historie.
Oluwaseun Adewumi jubelt im Zweitliga-Spiel bei Eintracht Braunschweig über seinen Treffer zum 5:2-EndstandLeitl: „Wir haben eine neue Art implementiert, wie wir spielen wollen. Die ist besser auf den vorhandenen Kader zugeschnitten. Wir haben einen kleineren Kader. Jeder weiß um die Wichtigkeit, dass er gebraucht wird. Wir spielen intensiv, treten dazu auch fußballerisch gut auf. Wir sind mutig, wir sind dominant.“
Was ist das Erfolgsgeheimnis?
Das stimmt. Hertha spielt offensiver, verteidigt höher, das Pressing ist zum Markenzeichen geworden. Die Profis müssen mehr investieren und laufen als zuvor. Klappt bisher! Hertha ist das zweikampfstärkste Team der Liga (53 Prozent gewonnene Duelle). Belohnung: mehr Ballbesitz und mehr Torchancen.
Die neue Hertha dribbelt mehr, schießt und trifft öfter aus der Ferne (drei Weitschusstore sind Liga-Spitze) und ist dank des neuen Co-Trainers Andreas Schumacher nach Jahren der Tristesse durch Standards gefährlich. Diese Hertha hat den Verwaltungsmodus der zurückliegenden drei Jahre abgelegt.
Lief es in der Vergangenheit schlecht, wurde immer wieder Reese gesucht, der es dann richten sollte. Der Ex-Kapitän war vergangene Saison an 49 Prozent aller Hertha-Tore beteiligt. Jetzt ist Hertha unberechenbarer. Zuletzt drehte das Team in Braunschweig ein 0:2 in einen 5:3. –der erste Pflichtspielsieg seit 26 Jahren nach einem Zwei-Tore-Rückstand.
Neuer Hertha-Kapitän ist Josip Brekalo. Der überragende Kroate sagte zuletzt nach diesem Mentalitäts-Erfolg bei Sky: „Wir sind als Mannschaft eng zusammengewachsen. Viele Spieler sind weg. Wenige Leute haben an uns geglaubt. Aber das hat uns vielleicht diese Power gegeben. Einfach geil, Kapitän von dieser Mannschaft zu sein. Wir haben klar gesagt, dass für uns jedes Spiel ein Finale ist. Kein Gegner ist gegen uns Favorit, wenn wir so auftreten.“
Die zweite Garde von früher zeigt plötzlich, was sie kann. Das beginnt bei Torwart Marius Gersbeck, der 73 Prozent der Bälle abgewehrt hat und auch im Pokalspiel in Saarbrücken (5:3 n.E.) zum Helden avancierte. Niklas Kolbe, Julian Eitschberger, Kevin Sessa, Sebastian Grønning und Jón Dagur Thorsteinsson sind jetzt Eckpfeiler. Mit Senkrechtstarter Soufian Gouram (aus der U23) als neuem Spielmacher war auch nicht zu rechnen.
Die größte Prüfung steht noch bevor
Und Burnley-Leihgabe Oluwaseun Adewumi ist eine weitere Geheimwaffe. Beim Österreicher wurden in Brügge einst 37,9 km/h gemessen. Er schoss so zwei der drei Berliner Kontertore.
Statt Abstiegskampf mischt Hertha die Liga auf. Wie lange sich die Alte Dame da oben halten kann, hängt auch von Verletzungen ab. Bisher hat sich auch die medizinische Neuaufstellung (neuer Arzt, neue Geräte, bessere Trainingssteuerung) ausgezahlt. Die Profis sind topfit, es gibt nahezu keine Verletzungsausfälle. Wenn die kommen, schlägt für den jungen Kader die Stunde der Wahrheit.
Als Hertha zuletzt mit drei Siegen in eine Zweitliga-Saison startete (2010/2011), stiegen die Berliner am Ende als Meister auf. Und diesmal?
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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