Iva Moric (22) zählte zu den größten deutschen Talenten im Biathlon. Bei den Nachwuchs-Weltmeisterschaften 2022 gewann sie drei Medaillen. Doch im vergangenen Jahr wechselte sie den Verband und startet jetzt für Kroatien. Im WELT-Interview erklärt sie die Entscheidung – und gibt emotionale Einblicke in ihr Leben.
WELT: Iva, Ende 2025 verließen Sie den DSV und wechselten zum kroatischen Ski-Verband. Wieso der Schritt?
Iva Moric: Meine beiden Eltern stammen aus Kroatien, ich habe eine besondere Beziehung zum Land. Ich hatte auch beim DSV Chancen. Ich stand aber immer unter Druck, Leistung bringen zu müssen, um nicht hinten abzufallen. Durch die Erkrankung meiner Mutter habe ich den Sport zur Seite geschoben. Die Familie ist für mich die Nummer eins. Jetzt bin ich viel mehr bei meiner Mutter.
WELT: Woran leidet Ihre Mutter?
Moric: Sie leidet seit 2013 an Krebs. Das wusste ich aber damals nicht.
WELT: Das heißt, Sie haben nicht von der Diagnose erfahren?
Moric: Richtig. Meine Eltern wollten meinen Bruder und mich schonen. Die Ärzte gaben ihr damals nur noch zwei Wochen zu leben. Der Alltag ging weiter, sie hat es einfach nicht zugelassen. Ich kann mich aber noch an einen Tag in meiner Kindheit erinnern, damals habe ich den Tag mit meiner Oma verbracht, wir waren an einem Berg. Es war der Tag, an dem sie von der Krankheit erfahren hat. Mein schönster Tag war ihr schlechtester.
WELT: Aber sie hat es geschafft?
Moric: Not-Operationen, es war eine schwierige Zeit. Aktuell ist sie aber tumorfrei. Ich wünsche mir, dass andere Menschen mich nicht verstehen können. Das würde bedeuten, dass sie so etwas nicht erleben mussten.
WELT: Wann haben Ihre Eltern Ihnen davon erzählt?
Moric: Erst nach meinem 18. Geburtstag. Wenn ich es damals schon gewusst hätte, wäre ich heute nicht mehr beim Biathlon.
WELT: Sie sind dabei geblieben – und starten nun für Kroatien. Wie geht es Ihnen mit der Entscheidung?
Moric: Dank dieser Entscheidung bin ich im Weltcup gestartet. Mein Traum ist damit in Erfüllung gegangen. Dabei habe ich selbst zwischendrin nicht mehr meine volle Leistung gebracht.
WELT: Was meinen Sie?
Moric: Ich habe an einer Essstörung gelitten. Mit etwa 16 bis 18 Jahren war ich wirklich absolut durch.
WELT: Wie kam es dazu? Hing es mit der Erkrankung Ihrer Mutter zusammen?
Moric: Nein. Anfangs wollte ich nur gesünder essen, das hat auch gut geklappt. Dann kam aber dazu, dass ich genau auf die Uhrzeiten geachtet habe und auf exakte Mengenangaben. Zum Teil hatte ich dann Angst zu essen. Ich habe nur noch minimale Einheiten gegessen.
WELT: Wissen Sie noch, wie viel Sie zur schlimmsten Zeit auf die Waage gebracht haben?
Moric: Ich habe nur noch 43 Kilo gewogen – und das bei einer Größe von 1,75 Metern …
WELT: Wie haben Sie es aus der Essstörung geschafft?
Moric: Ganz ehrlich: Ich hätte Hilfe gebraucht. Aber ich hab es allein geschafft. Ich dachte irgendwann, dass es nicht mehr schön aussieht. Und ich konnte eben auch keine Höchstleistung mehr bringen. Seit 2024 bin ich voll befreit. Auch wenn ich noch manche Folgen spüre.
WELT: Welche?
Moric: Durchblutungsstörungen. Ich habe immer kalte Hände, die Adern in den Händen sind verengt. Wenn es kalt ist – und das ist es in unserem Sport ja oft – spüre ich nicht alles richtig. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Es behindert mich nicht beim Laufen oder am Schießstand.
WELT: Sie haben Ihr Ziel, im Weltcup zu starten, erreicht. Was wollen Sie noch erreichen?
Moric: Jetzt möchte ich erst einmal meine Leistung stabilisieren. Mein nächster Höhepunkt wird die WM 2028 in Hochfilzen.
WELT: Und die Olympischen Spiele 2030?
Moric: Das ist noch so weit weg, daran denke ich noch nicht. Aber im Hinterkopf habe ich das, ja.
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