Bislang gab es für Jürgen Klopp im neuen Job viele Vorschusslorbeeren. Am Dienstag erst hatte sich Vincent Kompany gemeldet. Der Bayern-Coach habe einen „sehr interessanten“ Austausch mit dem Bundestrainer gehabt, wie er erzählte. Man sehe sich auf einer Wellenlänge. Am Donnerstag nun outete sich Nationaltorhüter Marc-André ter Stegen nach einem ersten Dialog als Klopp-Fan. „Es war ein wirklich tolles Gespräch.“

Zumindest zweimal hat er seine ihm zugesprochene Qualität also schon unter Beweis gestellt: Menschen mitzunehmen, zu begeistern, ein Feuer zu entfachen. Nach den erfolglosen Teilnahmen der Nationalmannschaft bei vergangenen Welt- und Europameisterschaften ist das auch bitter nötig. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in Verband und Team ist gering. Klopp soll einen sportlichen wie emotionalen Neustart vollziehen.

Im Interview mit Sports Illustrated, das auch als Promotion für eine Modemarke seines Sponsors und ehemaligen Arbeitgebers Red Bull dient, macht der 59-Jährige seine Herangehensweise deutlich. Klopp zeigt sich privat wie selten und sprach über …

Coverboy: die aktuelle Ausgabe der Sports Illustrated

… seinen Führungsstil: „Zuallererst erkläre ich mir Dinge selbst. Und weil ich durchschnittlich intelligent bin, habe ich sie immer so weitergegeben, wie ich sie mir selbst erklärt habe. Dahinter steckte nie der Gedanke, dass das eine besondere Leadership-Fähigkeit wäre. Im Rückblick war genau das aber einer der wichtigsten Treiber für meine Karriere: Dass es mir oft gelungen ist, Menschen auf meinem Weg mitzunehmen – oder sie auf ihrem Weg zu begleiten. Die Fähigkeit hat mir sicher geholfen, gesunder Menschenverstand aber wahrscheinlich noch mehr. (…) Ich habe bei jedem Neuanfang zunächst zugehört, mir Dinge angesehen, reingehört. Man bekommt zu Beginn unglaublich viele Informationen, gerade von Menschen, die mit der bisherigen Situation unzufrieden sind. Die Kunst besteht dann darin, all das richtig einzuordnen und die Menschen zu inspirieren, von dem gemeinsamen Weg zu überzeugen und eine Lust zu entwickeln. (…) Mir ist eigentlich nie langweilig. Das war schon immer so. Während des Studiums hatte ich teilweise mehrere Jobs gleichzeitig, um den Alltag zu sichern.“

… das Älterwerden: „Ich habe mich körperlich so sehr verändert wie noch nie, ich mache jeden Tag Sport. Meine Frau und ich haben eine Vereinbarung getroffen: Wir wollen aufrecht ins Alter gehen. Wir sind beide relativ groß, und irgendwann fängt der Körper an, sich nach vorn zu beugen. Das wollen wir nicht. Dabei hat das Alter für mich keine Relevanz. Es zeigt nur an, was schon alles passiert ist. Das Schöne an dieser Lebensphase ist: Hätte man mich früher gefragt, welches Alter ich einfrieren möchte und noch mal zehn Jahre draufbekommen, hätte ich wahrscheinlich Mitte 50 gesagt. Da bist du im Idealfall in allen Lebensbereichen da, wo du sein willst. Du hast den richtigen Partner, den richtigen Job, das richtige Mindset. Man begeistert sich noch für vieles, regt sich aber nicht mehr über alles auf. Aber wenn ich mit 59 auf mein Leben schaue, denke ich: Das Jetzt ist gerade ziemlich cool.“

Ganz in Khaki: Jürgen Klopp gibt sich modischer als in früheren Trainerjahren

… seine ehemaligen Klubs: „Ich hatte ja nur drei Vereine und das Global Team bei Red Bull – aber unterschiedlicher hätten die Gruppen und Menschen kaum sein können. Mainz war anders als Dortmund, und Liverpool hatte auf seinem Höhepunkt noch einmal ein ganz anderes Talentlevel. Trotzdem hat es überall funktioniert. Eine Gruppe entsteht nicht durch die Summe ihrer Einzelteile. Sie entwickelt sich, und mit ihr entwickeln sich auch die Rollen innerhalb der Mannschaft. Zu sagen: Ich brauche diesen oder jenen Charakter, daran glaube ich nicht. Vor 35 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, dass man mich heute als Natural Leader bezeichnet, auch wenn ich in der Schule Klassensprecher war. Wenn man mich fragt, welches Buch ich über Führung gelesen habe, muss ich sagen: keines. Dann muss wohl vieles einfach hier oben entstanden sein – und aus der Frage: Wie möchte ich, dass Menschen mit mir umgehen? (…) Natürlich passiert es, dass Spieler durch die öffentliche Wahrnehmung den Blick auf sich selbst verlieren und sie sich ein bisschen zu wichtig nehmen. Aber dann konnte ich sie zu 90 oder 95 Prozent wieder einfangen.“

… die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs: „Man gibt heute niemandem mehr Zeit – außer sich selbst. Für die eigene Entwicklung nimmt jeder Zeit in Anspruch. Aber von anderen erwartet man, dass sich alles sofort verändert. Der deutsche Fußball ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß, wie groß der Einfluss des Fußballs in den Städten war, in denen ich gearbeitet habe. In Mainz hatte ich das Gefühl, dass sich die Lebensqualität verbessert hat. Plötzlich war die Stadt lebendiger, es machten neue Kneipen und Discos auf. In Dortmund war es ähnlich. Nicht jedes Jahr war überragend, aber die Richtung stimmte. Und in Liverpool habe ich das am deutlichsten erlebt. Als ich dort anfing, war die Stimmung eine andere. Ein paar Jahre später war die Stadt kaum wiederzuerkennen. Fußball kann die gesellschaftliche Atmosphäre beeinflussen. Dieser Verantwortung sollte man sich bewusst sein.“

… Verärgerung und rote Linien: „Wenn man meiner Familie auf eine unangenehme Art zu nahe kommt – ob über Berichterstattung oder erst recht körperlich –, wäre das sofort ein Trigger. Da hätte ich wahrscheinlich wenig Kontrolle über mich. Ansonsten kennt man das von mir vor allem aus dem Fußball. Das ist häufig genug passiert. Und so peinlich, wie es hinterher aussieht, ist es mir dann auch. Mit einer Mannschaft kann ich auch mal lauter werden. Nicht besonders häufig, aber wenn ich das Gefühl habe, dass jemand die Dinge nebenher so laufen lässt, dann schraube ich schon mal die Drehzahl hoch. Je kürzer dieser Moment ist und je schneller die Erkenntnis kommt, dass es sowieso nichts bringt, desto besser. Da hilft einem die Lebenserfahrung. Ich glaube, ich habe inzwischen fast jedes Problem schon einmal gehabt. Auch das macht es leichter, die jeweilige Situation richtig einzuordnen.“

Fratze: Jürgen Klopp in seiner Zeit als Trainer von Borussia Dortmund

… persönliche Rückschläge: „Ich tue alles, um erfolgreich zu sein. Aber wenn es am Ende nicht klappt, trage ich das nicht wochenlang mit mir herum. Das kostet nur Lebenszeit. Ich hatte genügend Gelegenheiten, um das zu lernen. Zweimal nicht aufgestiegen mit Mainz. Verlorene Champions-League-Finals. Wegen eines Punktes die Meisterschaft verpasst. Da hätte man auch sagen können: ,Jetzt haben wir es oft genug versucht, jetzt lassen wir den Quatsch.’ Ich habe mir gesagt: ,Wir hatten 364 tolle Tage – der 365. war jetzt nicht so gut. Heißt das, wir hören auf?’“

… die Auswirkungen von Social Media: „Wenn Menschen vor 40 Jahren länger an einer Bushaltestelle saßen, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie irgendwann ins Gespräch kommen. Heute sitzt jeder mit seinem Handy in der Hand da. Das ist niemandes Schuld – das ist die Welt, in der wir leben. Ich empfinde es als großes Glück, dass ich die Zeit ohne Smartphone noch erlebt habe. Aber wenn man erfolgreich sein will, muss man andere Menschen mitnehmen. Ich glaube, wir haben das früher leichter gelernt, weil wir ständig miteinander in Kontakt waren. Und wenn wir einmal allein waren, dann waren wir wirklich allein mit unseren Gedanken. Du hast ein Buch gelesen oder Musik gehört. Ich durfte beide Welten erleben und versuche, beide zu verstehen. Auf den Fußball übertragen: Gewinnen macht vor allem deshalb Spaß, weil sich so viele Menschen gemeinsam freuen. Und wenn man gemeinsam leidet, zeigt auch das den Wert des Ganzen.“

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